Damit aus Zuflucht Heimat wird

Flüchtlingen ins neue Leben helfen

Cornelia Burgert: Alles fing letztendlich eigentlich mit Ghislain an. Ghislain ist ein junger Mann aus Kamerun, der Anfang Zwanzig war und den wir in der WG nebenan bei einer Party kennengelernt haben und wo uns auffiel, der stand da alleine vor sich hin und konnte kein Wort Deutsch.

 

Conny Burgert nahm sich des jungen Mannes an und gab ihm Deutschunterricht. Sie merkte, dass er sich nicht zurechtfand in der neuen Welt und Anschluss suchte. Deshalb entschied sie sich mit ihrer Lebensgefährtin Lisa Griesehop, den Kameruner Ghislain zeitweilig bei sich aufzunehmen. Bald erzählte Ghislain von seinem Landsmann Cédric, der sich ebenso verloren fühlte wie er.

Auch hier sagten Conny und Lisa nicht Nein. Und dann gab es noch den jungen Afghanen Ferdos. Lisa war als Rechtsanwältin vom Berliner Anwaltsverein gefragt worden, ob sie sich um einen minderjährigen unbegleiteten Flüchtling kümmern wolle und sagte zu. Für Lisa eine klare Angelegenheit:

 

Lisa Griesehop: Kinder haben es verdient, dass man sich um sie kümmert und dass sie eigentlich ein besseres Leben haben und sie brauchen Erwachsene. Und wenn sie so ganz alleine hier sind, das ist für mich unvorstellbar, dass man da nicht hilft. Sie brauchen irgendwie Schutz, sie brauchen Geborgenheit, sie brauchen Familie und die Familie ist nicht da.

 

Conny und Lisa versuchten so gut es ging, diese Lücke zu schließen. Sie boten dem 16jährigen afghanischen Flüchtling Ferdos und den aus der Perspektivlosigkeit ihrer Heimat Kamerun entkommenen jungen Männern Cédric und Ghislain ein neues Zuhause. Eine Entscheidung, die auf ihrer politischen Haltung basiert. Und dem spontanen Impuls, dem sie damals folgten, dem unmittelbaren Gefühl, etwas gegen diese Not tun zu müssen. Für die so entstandene ungewöhnliche Patchwork-Familie waren sie recht gut gerüstet, wie Lisa erläutert:

 

Lisa Griesehop: Ich komme aus einer Großfamilie und ich hab immer in WGs gewohnt und für mich ist das jetzt und für Conny ja auch das ist für uns irgendwie nicht so ein großes Thema, unseren Wohnraum mit anderen zu teilen, dass wir sozusagen unsere Betten geräumt haben, unsere Wohnzimmer geräumt haben und ganz ganz eng zusammengerückt sind, damit wir das ermöglichen. Aber für uns ist auch immer eigentlich klar gewesen, wir geben Hilfe zum Start, damit sie hier gut ankommen, damit sie dann auf eigenen Füßen gehen können. 

 

 

Einstiegshilfe in die neuen ungewohnten Verhältnisse, das wollten Conny und Lisa ihren Schützlingen aus Kamerun und Afghanistan bieten, damit ihnen die Zuflucht zur Heimat werden kann. Eine Familie auf Zeit. Zu diesem Zweck teilten sie die Räume ihrer schönen Altbauwohnung mit Ghislain, Cédric und Ferdos und unterstützten sie bei der Strukturierung ihres neuen Lebens und beim Erfassen einer noch fremden Welt. Dabei ging es um ganz elementare Dinge:

 

Lisa Griesehop: Gesundheitliche Versorgung, Ernährung, all das, was eigentlich in Familie passiert, ja, was üblicher Weise Eltern mit ihren Kindern machen. Das ist das, was eigentlich die Jungen brauchen ja und brauchten und das ist das, was wir ihnen gegeben haben. Es war ganz einfach nur Basis. Also Cedric hatte Wahnsinnszahnschmerzen seit Monaten, ganz schlimm. Und das Erste, was wir gemacht haben, wir sind sofort zum Zahnarzt gegangen. Es ging um Essen, regelmäßiges Essen, es ging um Trinken - all das, was sie eigentlich alles nicht kannten, weil sie gehungert haben und wenig getrunken haben, keine Ressourcen hatten und Kleidung, alles.

 

Durch den Ausnahmezustand in ihren Heimatländern und die Erfahrungen der Flucht mussten

Ghislain, Cédric und Ferdos erst wieder lernen, sich um das eigene Wohlergehen zu kümmern und einem geregelten Tagesablauf zu folgen. Ämtergänge, Beteiligung am Haushalt mit Kochen, Waschen, Aufräumen, zielgerichtetes Erlernen der neuen Sprache, berufliche Orientierung - das alles musste erst geübt werden. Aber auch herauszufinden, wo kaufe ich was und wie ein und der Umgang mit Geld waren Herausforderungen. Conny und Lisa halfen ihnen dabei durch ein klares Regelwerk der Pflichten und Abläufe, aber auch durch immerwährende Gesprächsbereitschaft, Wärme und Zuwendung. Und es klappte. Ihre Schützlinge kamen wie erhofft auf die eigenen Füße.

 

Cornelia Burgert: Ghislain ist nach Osnabrück gegangen, wo er jetzt eine Eingliederungsmaßnahme macht und im Herbst eine Ausbildung dann anfangen wird mit Berufsschule und so weiter. Und es geht ihm sehr gut.

 

Auch Cédric hat seinen Weg gefunden. Er kam als Analphabet und spricht inzwischen gut deutsch. Zur Zeit bereitet er sich auf eine Ausbildung zum Fahrer bei einem Reisebusunternehmen vor.

Der Jüngste, Ferdos, geht noch zur Schule. Manchmal holt ihn die Erinnerung an die Flucht ein. Beim Joggen zum Beispiel. Da fällt ihm plötzlich ein, wie er um sein Leben rennen musste. Conny und Lisa versuchen, ihn zu trösten, auch über die Musik. Ferdos spielt mittlerweile Klavier. 

 

Lisa Griesehop: Musik ist für Ferdos so das Allheilmittel. Das hilft zu entspannen, runter zu kommen, Stress loszu-werden, Alpträume loszuwerden und er spielt unglaublich schön. Und wir haben ihm eine Musik-lehrerin organisiert, die hierher kommt und ihm jede Woche Musikunterricht gibt. Ferdos spielt sehr sehr schön. Er liebt immer traurige, romantische, sentimentale Musik. Naja das ist halt mit 16 wahrscheinlich auch so, aber das ist, glaube ich auch eher das, was er erlebt hat, diese traurige Flucht, das vielleicht in Gefühle umzuwandeln.

 

Langsam verlieren so die Schrecken der Flucht ihre Macht. Langsam, aber stetig findet sich Ferdos in die neue Welt. Dank Lisa und Conny, die hier zuhause sind und ihr Zuhause, vor allem aber auch ihr Herz für ihn, für Cédric und Ghislain, geöffnet haben. 

 

 

Wie Conny und Lisa ließ auch Martin Keune das Geschick der hier bei uns in Deutschland Zuflucht Suchenden nicht kalt. Als von den ersten Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien manche in den Parks und U-Bahn-Schächten Berlins übernachten mussten, nahm der engagierte evangelische Christ mit seiner Frau zwei von ihnen bei sich auf. Und merkte bald, dass den beiden etwas schwer auf der Seele lag.

 

Martin Keune: Die hätten sich doch freuen können, die hätten doch jetzt Deutsch lernen können, einen Job finden, eine Familie gründen und ein tolles Leben führen, aber das war nicht möglich, weil sie nicht vollständig waren. Die Hälfte der Familie fehlte, die alten Eltern, um die machten die sich Sorgen. Und das konnte ich nachvollziehen, weil ich auch Eltern hatte und weiß, dass man selbst nicht zufrieden sein kann, wenn man weiß, die Eltern sind in Gefahr. Wer kann da ruhig leben?

 

Martin Keune erfuhr von der Möglichkeit, die Kosten für den Lebensunterhalt und die Miete von

Familienangehörigen der Kriegsflüchtlinge zu übernehmen und so ihren Nachzug zu ermöglichen. Und er übernahm diese Verpflichtung für die Eltern der von ihm aufgenommenen Flüchtlinge. Später gründete er den Verein Flüchtlingspaten Syrien, um auch andere Menschen zu diesem Schritt zu bewegen und ihnen über Spenden die finanzielle Belastung der Verpflichtung zu erleichtern.     Er lernte so viele syrische Flüchtlinge kennen, die unter der Trennung von ihren Angehörigen litten. Auch den Geschwistern Khazal ging es so. Während die Schwester Lour schon in Deutschland war, versuchte Najlaa im syrischen Homs mit ihr in Kontakt zu bleiben.

 

Najlaa Khazal: Wir haben natürlich mit WhatsApp gesprochen, aber wenn man sitzt bei andern und mit Gefühle, mit Freude, und mit alle Gefühle, mit alle Situation. Ich habe meine Schwester vermisst.

 

WhatsApp und Telefonate konnten die lebendige Begegnung auf Dauer nicht ersetzen. Dazu kam die Gefahr, der Najlaa in der syrischen Stadt Homs ausgesetzt war. Früher hatten die Schwestern zwei Straßen voneinander entfernt gewohnt und sich jeden Tag gesehen. Inzwischen war die Mutter gestorben und Najlaa war mit ihren zwei Söhnen in Syrien im Krieg allein. Ihre ältere Schwester Lour machte sich Sorgen um sie. Sie fühlte sich schuldig, dass sie allein mit ihrer Familie in Sicherheit war. Um Najlaa nicht zu bekümmern, sprach sie mit ihr nur über die Mühe, mit den pubertierenden Kindern zurechtzukommen. Die Freuden des neuen Lebens verschwieg sie.

 

Lour Khazal: Über Ausflüge oder über Essen ich habe nichts erzählt. Wenn ich sage zum Beispiel, ich habe heute vielleicht Süßigkeiten gemacht, sie haben kein, die Zutaten nicht vielleicht und sie vermisst diese Süßigkeit. Und ja, ich hatte schlechtes Gefühl, wenn ich über dieses Thema erzählt. Oder wenn ich sage, heute haben wir ein Ausflug, sie bleiben zuhause, sie haben Angst. Wie kann ich erzählen, ich habe heute ein Fest im Garten gemacht und ich habe sechs Leute eingeladen und wir haben gegrillt und wir haben Spaß gemacht. Auch Foto hab ich nicht geschickt, Fotos, wie lebe ich hier.

 

 

Lour Khazal fand keine Ruhe, solange ihre jüngere Schwester noch in Syrien war. Sie erfuhr vom Verein Flüchtlingspaten Syrien und bat ihn, ihr dabei zu helfen, die Schwester mit ihren zwei Söhnen nach Deutschland zu holen. Große Hoffnung hatte sie nicht, aber dann erfuhr sie auf einer Weihnachtsfeier von einer Frau des Vereins:

 

Lour Khazal: Sie hat mir gesagt, es klappt und sie kommt hierher. Das war eine totale Überraschung, schöne Überraschung und ich hab gesagt sofort, das ist meine Weihnachtsgeschenk, ja, es war total schön.

 

Nun waren sie wieder beieinander und konnten gemeinsam in ihr neues Leben starten. Zunächst wohnten sie alle in Lours Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Das war nicht einfach, wie sie erzählt:

 

Lour Khazal: Wir waren acht Personen zuhause. Meine Familie fünf Personen und mein Schwesterfamilie ist drei Personen und man kann nicht durch die Wohnung laufen, ohne jemanden anzustoßen. Es war so. In Syrien sprechen wir mit lauter Stimme. Und hier man muss leise sein, dann vielleicht die Nachbarn denken, die Leute streiten miteinander, wir nur sprechen und Spaß haben. Und bitte leise, Junge, jetzt die Nachbarn rufen die Polizei an, bitte leise auf dem Boden, nicht so rennen und springen. Und immer soll ich wie ein Polizei und: Mach so und mach das nicht. Und ich fühlte mich dieser Zeit als jetzt bin ich die böse Tante.

 

Aus der Zuflucht Deutschland eine neue Heimat zu machen, braucht Zeit. Vieles muss Schritt für Schritt gelernt werden. Dabei helfen sogenannte Lotsen und Lotsinnen. Für den Verein Flüchtlingspaten Syrien steht die Amerikanerin Lyn Cross Najlaa Khazal zur Seite. Sie gibt nicht nur, sie empfängt auch. Und so beruht das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Vertrautheit mittlerweile auf Gegenseitigkeit. 

 

Lyn Cross: Ich lese Briefe für sie, wir machen kleine Ausflüge. Wir treffen ungefähr einmal die Woche ein paar Stunden. Sehr oft essen wir bei Najlaa, sie kocht sehr sehr gut and man muss viel essen, wenn man da ist oder man nimmt die Reste nachhause. Sie haben viele von meine Freunde kennengelernt und war auch bei Freunde von mir eingeladen.

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