Endlich Ruhe!

Ausflug in das Land der Stille
Am Sonntagmorgen

Unser Ziel: Eine der vielleicht unerforschtesten Gegenden der Welt. Mit den anderen Expeditionsteilnehmern stehe ich am Bahnhof. Wir steigen aber nicht in den Zug ein, sondern wir sind ausgestiegen: Zu Fuß wollen wir das Land der Stille erwandern, das wir im Spessart vermuten. „Expedition“ – das ist natürlich völlig übertrieben. Über die wenigen, vor uns liegenden Kilometer würde jeder ambitionierte Geher vermutlich lachen. Und doch: Was einen im Land der Stille erwartet, kann niemand genau sagen. Wonach ich mich sehne, ist eine Unterbrechung, eine Pause. Ich hoffe auf einen Weg, der mich aufrecht und gelassen gehen lässt, frei von Hektik, aber auch ohne das Gefühl der Lähmung. Ich will Frieden.

 

In der Welt, aus der wir aufgebrochen sind, rumoren so viel Stimmen! Sie brausen drinnen oder draußen, leben in mir, beleben und bedrängen mich. Kurz bevor wir die ersten Schritte in die mit hohen Bäumen gesäumte Bahnhofsallee des kleinen Spessartortes setzen, schaue ich zum Himmel. Und bitte:

„Gott, du Schöpfer aller Klänge, dirigiere sie! Gib jene Stimmen frei, die Raum und Weite brauchen. Und bändige die, die mich belagern und bekriegen: Wiege sie jetzt in den Schlaf.“[1]

 

 

Wer in die Stille geht, folgt einer Sehnsucht. Doch häufig ist da auch Respekt, manchmal sogar Angst im Spiel: Komme ich mit mir zurecht? Stoße ich auf Widerstand, wenn ich für andere nicht mehr erreichbar bin – und sei es nur für Stunden? Dann aber reizt es doch, dem Anspruch davonzuwandern, ständig eingebunden sein zu müssen. Wo aber gerät man hin? Wird man neue Töne hören, werde ich verstummen, wird meine Stimme sich verändern?

 

 

Wenn man in die Stille wandert, hilft es auf andere zu schauen, die ihr Leben unterbrachen. In so gut wie allen Religionen gibt es sie: Menschen, die aufbrechen, um – wie die ersten christlichen Asketen sagen: – „die Süßigkeit des Schweigens“ zu entdecken. Sie lassen etwas weg. Der Verzicht aber wirkt kostbar. Freilich sind diese Stillesucher keine Vorbilder, wenigstens nicht in dem Sinn, dass man sie kopieren könnte. Denn dafür sind sie viel zu originell und eigentümlich. Doch auch sie orientierten sich an Menschen, die vor ihnen waren – nicht zuletzt an Jesus, von dem erzählt wird, dass er einmal für 40 Tage in Wüste zog, wo er nichts anderes tat als zu schweigen.

Antonius soll unter den christlichen Asketen der erste gewesen sein: Es war im 3. Jahrhundert, als er die Stille suchte und aus dem fruchtbaren Nildelta in die ägyptische Wüste zog. Schon als Kind unterwanderte er das Gewohnte. Er wehrt und sträubt sich gegen schulischen Erfolg, wird erzählt. Ist Antonius ein Außenseiter, Anarchist, ein Spinner? Manche mögen es so sehen. Trotzdem geht er fleißig in die Schule – bei Einsiedlern, die am Rand der gewohnten Welt leben. Antonius arbeitet bei ihnen hart, liest viel. Dann bricht er erneut auf, geht noch tiefer ins Abseits, mitten in die Wüste. Da lebt einer nur noch für sich – und mit Gott, der allerdings ein nicht ganz üblicher Gefährte ist.

Wer heute Stille sucht, tut es meist für Minuten, Stunden, Tage oder Wochen. Antonius hielt 20 Jahre Abstand von der Welt. Er ist aber kein Meister der Stille, wenigstens nicht in dem Sinn, dass er gewusst hätte, wie man meditationstechnisch alles richtig macht.

Auf andere Art aber ist sein Weg meisterhaft: Antonius ist bereit mit Fragen zu leben, mit jenen Stimmen, die in der geschäftigen Welt oft überlagert werden. Sein Leben ist ein leidenschaftliches Suchen.

 

 

Wir haben den kleinen Spessartort zurückgelassen, der Weg steigt an, wir gehen über freies Feld. Und dann? Wasser fällt herab. Ausgerechnet jetzt, da wir kurz davor sind, die Grenze zum Land der Stille zu überschreiten. Allerdings können wir unser Stöhnen über den Fauxpas des Wetters nicht hören. Schirme und Kapuzen vibrieren: Welch ein Lärm! Doch er tut nicht weh, klingt eher wie Musik. Es ist keine Stille im messtechnischen Sinn, sondern ein gut hörbarer Hinweis: Es gibt befreiend andere Klänge als jene, die mit der Attitüde der Geschäftigkeit auftrumpfen.

 

 

So rasant der Regen eingesetzt hat, so abrupt hört er wieder auf.

Und wir treten wie durch ein Tor in den Spessartwald. Der schmale Pfad zwingt die Stille-Abenteurer hintereinander zu gehen – vorsichtig, denn immer wieder liegen Bäume umgestürzt im Weg.

Von außen in den Wald eindringende Geräusche sind allenfalls leise zu hören, gedämpft durch Blätter, Stämme, Moos. Auch wir verständigen uns mit gedämpften Stimmen. Ganz still ist es nicht. Da ist das Rauschen der Blätter, das Knacken von Ästen und die Aufgewecktheit der Vögel. Nur stören diese nicht, sondern beruhigen mich, der ich auf dem moosigen Waldboden wie auf einem Teppich gehe, wie in einem Tempel, „wie in einem Palast“ oder „verzauberten und verträumten Märchenschlosse“[2].

 

 

Die frühen christlichen Asketen zogen nicht nur in Wüsten, sondern auch in Wälder. Das Schweigen war dann aber doch nicht nur süß.

Manche mauerten sich in Zellen ein, lebten über Jahre auf Bäumen oder einer Säule, wird erzählt. Das stille Leben war ein heftiger Kampf. Die Distanz zur Welt ist offenbar nicht nur wohltuend und befreiend. Denn da regen sich Stimmen, die angriffslustig sind, Träume von wilden Tieren, Feinden. Diese Asketen waren für viele Abseitige, Irre. So aber sehen sie sich sogar selbst, nämlich als religiös motivierte Clowns, als christliche Narren.

Auch wer heute in die Stille geht, kann so einiges zu hören bekommen – zum Beispiel: „Wenn du es dir leisten kannst.“ Manche halten einen für überheblich oder unsozial, weil man sich entfernt und bei den üblichen Geselligkeiten fehlt. Da sind Anfragen, die nicht einfach von der Hand zu weisen sind: „Stiehlst du dich davon?“ Man fragt sich das vielleicht auch selbst: Statt sich auszuklinken, könnte ich mich engagieren, besser einbinden, vernetzen, Position ergreifen und für andere eintreten. Stattdessen wagt man es, sich selbst zu genügen. Und kümmert sich jetzt einmal nur um sich, was zur Folge haben kann: Lange Abgetauchtes treibt nach oben: Uneingestandene Sehnsüchte, Verletzungen, innere Verkrampfungen und ungelöste Fragen. Und man geht auf die Suche nach einer anderen Dimension. Nur was genau hat es mit dieser anderen Dimension denn auf sich? Schon wieder eine Stimme, die aufwühlen, beunruhigen und erregen kann. Denn das ganz Andere ist kaum fassbar oder vorzeigbar. Das aber zieht an.

 

 

Wer ins Land der Stille aufbricht, wird bemerken: Die Abkehr ist letzten Endes ein Weg zur Welt. Das ist die überraschende Pointe. Ausgerechnet der Abstand lässt Antonius das Leben entdecken. Der erste christliche Asket verteufelt nicht die Welt, die er hinter sich gelassen hat. Sie öffnet sich ihm auf neue Weise.

Antonius wird Altvater oder Abba genannt. Ein Ehrentitel, der zeigt: Er lebt eben nicht beziehungslos.

Auch wer heute ins Abseits geht, kann Autorität gewinnen. Sie gesellt sich womöglich genau in dem Augenblick zu einem, da man den üblichen Geselligkeiten abgesagt hat. Denn da ist ja nicht nur das Kopfschütteln der Zurückgelassenen, sondern auch deren Neugier. Wer Ruhe sucht, ist gefragt, soll erzählen und kann auch etwas erzählen.

Die ersten christlichen Asketen bleiben in der Wüste nicht allein. Jeder Einsiedler lebt für sich. Aber man geht spazieren, trifft sich zufällig, kommt ins Gespräch. Außerdem pilgern in die Wüste Menschen aus der Welt, die die Asketen doch zurückgelassenen hatten: Sie kommen in der Stille zu Besuch. Davon berichten die Apohthegmata Patrum, eine Sammlung von Worten der Wüstenmütter und Wüstenväter: Darin finden sich Anekdoten, prägnante Lebenshilfe, Parabeln und Dispute: Worte, die ihre Kraft aus der Stille ziehen: Selbstgespräche, Gespräche mit Gott, Gespräche unter denen, die auf die Suche gehen und sich besuchen. Die Wüstenbewohner schauen dabei nicht auf jene herab, die in den gewohnten Lebensvollzügen bleiben. So sagt Antonius einmal von einem Arzt in der Stadt: Dieser ist von Gott genauso geehrt und weise wie ein Abba in der Wüste.

 

 

Und mit einem Mal geht der Waldvorhang auf! Zwei Stunden sind wir durch einen so dichten Wald gegangen, dass man ihm den Ehrgeiz unterstellen kann, das Klischee vom sagenumwobenen Spessartwald unbedingt erfüllen zu wollen. Aber jetzt passieren wir ein Faustballfeld, das sich an den Rand des Waldes schmiegt. Es hat die vielleicht schönste Aussicht aller Faustballfelder nördlich der Alpen. Welch eine Helligkeit. Über das Tal hinweg schaue ich auf die Hügelkette gegenüber und darüber noch hinaus. Der Horizont feiert ein Fest, das den Augen eine ungeheuer schöne Weite schenkt.

 

 

Doch noch einmal kehrt der Weg in den Wald zurück. Wir gehen jetzt mit einigen Metern Abstand voneinander, ohne ein Wort zu sprechen, jeder für sich – und doch sind wir nicht allein. Immer wieder ist da ein Scharren der Füße zu hören. Kein Waldboden dämpft die Schritte. Eine Schotterstraße bietet den Füßen Bahn, sich dem Zentrum der Expedition immer weiter anzunähern. Das Schweigen selbst aber scheint noch nicht der Friede zu sein, die innere Ruhe, auf die ich hoffe, es kündigt diesen Frieden aber an. In mir regt sich ungehindert, was ich an anderen Tagen übertöne: Schmerzen, das Gefühl der Überforderung, dazu so viele Fragen, auf die es keine Antwort gibt.

Aber seltsam: Es tut weh, doch fühle ich mich dennoch frei, ganz leicht. Die sonst mit großer Anstrengung niedergerungenen Fragen dürfen atmen. Wenn man in die Stille geht, lässt man das Fragliche des Lebens offenbar nicht zurück, sondern nimmt es mit.

Unser Gehen mündet in einer Kapelle, die direkt am Weg gelegen ist, eine einst von Glasmachern errichtete Kreuzkapelle, mitten im Wald. Noch immer schweigen wir. Das Kreuz in der Kapelle wirkt wie ein Versprechen: An den Stellen der tödlichen Wunden findet sich rotes Glas. Es zeigt den Schmerz, der zur Kostbarkeit geworden ist.

 

 

Der Text ist inspiriert von einer Tour der Reihe GangART, die unser Autor Georg Magirius 2009 ins Leben gerufen hat. Bei 30 Touren gingen bislang mehr als 600 Teilnehmer mit. Informationen: www.georgmagirius.de

 

 

Musik dieser Sendung:
(1) Angelico (Federico Mompou), Musica Callada, Steffen Schleiermacher

(2) Ricercare für Laute Nr. 73 (Francesco Canova Da Milano), Lute music, Christopher Wilson

(3) Fratres for violin and piano (Arvo Pärt), Spiegel im Spiegel, Vadim Gluzman and Angela Yoffe

(4) Tabula Rasa for 2 violins (Arvo Pärt), Tabula Rasa – Symphony No 3, Takuo Yuasa. Lesley Hatfield & Rebecca Hirsch. Ulster Orchestra

(5) Lento (Federico Mompou), Musica Callada, Steffen Schleiermacher

 

[1] Georg Magirius, Schritt für Schritt zum Horizont, Pilger-Werkbuch, Freiburg i.Br. 2015, S.61.

[2] Robert Walser, Spaziergang in einer glücklichen Menschenseele

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