Erntedank

Von vollen Scheunen, leerem Leben und wahrem Reichtum
Ernte

Bild: cloudvisual via unsplash.com

Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Himmels Hand:

Der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf

und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.


Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn;
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt,
und hofft auf ihn.

 

Heute ist es wieder so weit: Erntedankfest. Nicht nur auf dem Lande: Festliche Umzüge, dicke Getreidekränze, rote Äpfel, geschmückte Altäre. Und oft dabei: dieses bekannte Erntedanklied von Matthias Claudius. Es drückt aus, was viele Menschen empfinden – egal, ob christlich engagiert oder atheistisch geprägt: An uns hängt es letztlich nicht, ob etwas gedeiht oder gelingt. Entscheidend ist der „Himmel“, die „Natur“ oder wie immer man das übergreifend Größere nennen mag. Ernte, ja das ganze Leben, ist Geschenk. Für Christen kommt es von Gott.

 

Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behände in unser Feld und Brot:
Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.


 

Zu allen Zeiten und in allen Religionen und Kulturen gab und gibt es Traditionen, die dieses Wissen widerspiegeln.

Die alten Ägypter haben ihren Fruchtbarkeitsgöttern gedankt, die Germanen aus dem letzten Kornschnitt Erntekränze geflochten. In Japan gibt es die Tradition, dass der Kaiser den Göttern Reis aus der ersten Ernte opfert.

Zum tamilischen Ernte-Fest gehört ein Reisgericht mit Zucker, das unbedingt überkochen muss – als Zeichen für den erhofften Überfluss und Wohlstand.

 

In biblisch-jüdischer Tradition gibt es sogar zweimal im Jahr Erntedank: Beim Frühlingsfest Schawuot dankt man für die ersten Feldfrüchte und für die Zehn Gebote. Und im Herbst wird das Erntefest Sukkot gefeiert, das Laubhüttenfest. Es erinnert an die Wüstenwanderung heraus aus der Sklaverei in Ägypten, bei der die Israeliten in Schatten spendenden Unterständen schliefen. Um diese Erfahrung zu vergegenwärtigen bauen sich noch heute fromme Juden überall auf der Welt Hütten aus Ästen und Laub für die sieben Festtage – im Garten, auf Balkonen und Parkplätzen. Ernte-Dankbarkeit und Geschichts-Dankbarkeit verbinden sich.

Eine furchtbare Verkehrung des Erntedankfestes war Hitlers „Reichserntedankfest“ in Nazideutschland. Bis zu einer 1 Million Menschen wurden dafür aus allen Landesteilen in Sonderzügen zusammengekarrt auf eine riesige Wiese auf dem Bückeberg in der Nähe von Hameln. Die Massen wurden eingeschworen auf eine nationalistische Blut-und-Boden-deutsche Heimat-Ideologie. Höhepunkt war das Gedicht von Bauern an den Führer:

 

Sie schützen mit starker Hand unser Land, unser Volk, unsern Stand.
Als unseres Dankes bescheidenes Zeichen wir Ihnen die Erntekrone reichen.

 

Perfekt-perfide Propaganda. Ihr konnten sich auch die Kirchen nicht entziehen, so zeigt es ein Aufruf von 1933:

 

 „Diese Feier des Dankes gegen den Schöpfer gibt der Kirche Gelegenheit zum Hinweis auf den Gehorsam gegen die göttliche Schöpfungsordnung, wie er uns besonders durch die Gedankenwelt des Nationalsozialismus in neuer Klarheit nahegebracht ist.“

 

 

 

 

Ziemlich klar ist eine biblische Geschichte, die oft zu Erntedank im Gottesdienst vorgelesen wird – auch heute wieder. Sie passt nicht so recht ins rotbackig-runde, golden-fröhliche Erntedank-Bild:

Ein Bauer hat eine ungewöhnlich große Ernte. Er baut sich größere Scheunen, um die überreichen Vorräte zu lagern. Aber zur Strafe stirbt er in der darauffolgenden Nacht. So die Kurzform des ohnehin schon kurzen Jesus-Gleichnisses aus dem Lukasevangelium.

Bei diesem sog. „Reichen Kornbauern“ ist wohl an einen Großgrundbesitzer gedacht, der eine der weiten, fruchtbaren Landflächen Palästinas bewirtschaftet, besser gesagt: von seinen Arbeitern bewirtschaften lässt. Der reiche Kornbauer steht für ein Gesellschaftssystem, wo der Reichtum der wenigen nicht denkbar ist ohne die Armut der vielen und sich auf ihre Arbeit, vielleicht sogar ihre Ausbeutung gründet. Nicht so viel anders als heute.

Vermutlich haben die kleinen Leute das so mitgehört, als Jesus ihnen vom reichen Kornbauern erzählte.

Doch dieser reiche Mann macht ja vieles sehr richtig. Er handelt, wie ein umsichtiger Unternehmer handeln muss. Klug kalkuliert er Einsatz von Saatgut und Risiko von Ernteausfall und ist sicher auch deshalb erfolgreich im Ertrag. Unternehmerisch initiativ plant er, nach der außergewöhnlich guten Ernte seine Lagerungskapazitäten zu erweitern. Will seine eigene Existenz für die Zukunft sichern – und im besten Falle auch die Arbeitsplätze seiner Lohnarbeiter.

Im Unterschied zu vielen anderen, auch zu manchen Profitstrebern heute, agiert der reiche biblische Kornbauer nicht maßlos gehetzt von unstillbarer Gier, nach dem Motto: reich und immer superreicher. Im Gegenteil: Er ist zufrieden mit seiner Ernte! Er will sie nur noch einlagern und sich dann genussvoll zur Ruhe setzen.

Was also ist das Problem? Oft wird der reiche Kornbauer einfach als „habgierig“ bezeichnet und damit abgehakt. Ich finde, das greift zu kurz.

 

Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun?

 

Hier deutet sich das Problem an: Der reiche Mann denkt „bei sich selbst“ und redet mit sich selbst. In den fünf kurzen Versen des Gleichnisses kommt fünfmal das Wörtchen „ich“ vor und ebenso fünfmal „mein“: meine Früchte, meine Scheunen, mein Korn, meine Vorräte, meine Seele.

Der Kornbauer kreist um sich selbst. Ich und wieder ich und noch mal ich und mein und immer nur mein. Offensichtlich gibt es niemanden außer ihm, nicht andere Menschen, nicht Gott. Nur er und seine Seele, mit der er redet. Ein Dialog im Monolog:

 

Und ich will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!

 

Ob das wirklich so fröhlich und genussvoll ist, wie es klingen soll? Ich höre hier auch einen einsamen Menschen, der sich selbst Mut zusprechen muss trotz allen beneidenswerten Erfolgs. „Liebe Seele“, das klingt auch ein wenig nach verkrampfter Feierlaune. Ist ja auch nicht wirklich schön, alleine nur mit sich zu feiern…

Der Kornbauer spricht von vielen Jahren, die er nun mit Lebensmitteln abgesichert hat. Aber was ist sein echtes Lebens-Mittel? Und wo ist seine Lebens-Mitte?

 „Habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ – das war zu biblischen Zeiten ein geflügeltes Wort, das die ersten Hörer der Geschichte vermutlich kannten.

Auch heute ist das ein geläufiger Anti-Stress- und Work-Life-Balance-Tipp: Sei zufrieden mit dem, was du hast! Mach es dir schön! Genieße dein Leben!

Ich finde das richtig. Genießen ist schön und gut! Aber das ist nicht alles. Denn dieser Dankbarkeits-Tipp kreist nur um sich selbst. Fördert ein Verhalten, das sich selbstzufrieden abschließt und andere ausschließt. Wie beim Kornbauern. Die Konsequenz für ihn:

 

Gott sprach: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du bereitet hast?

 

Seine „liebe Seele“, die einzige Gesprächspartnerin des arm-reichen Mannes – auch sie wird ihn verlassen. Noch in der Nacht. Keine Kinder, keine Erben. Was bleibt? Nichts. Und es zeigt sich mit einem Schlag: Nichts und nichtig ist alles, was er mühsam angehäuft hat. So „richtig“ er gehandelt hat, so „falsch“ war sein Leben.

Bestimmt haben Jesu Zuhörer bei dieser Pointe geschmunzelt. Auch etwas schadenfroh: „Geschieht ihm recht, dem reichen Großgrundbesitzer! Das hat er nun davon, der Bonze!“

Diese Schadenfreude kommt mir bekannt vor. Der reiche Kornbauer ist ein moderner Typ: Das Leben in die Hand nehmen. Unabhängig sein. Reich und erfolgreich. Aber auch dies: mit materiellem Überfluss innere Leere überdecken. So gesehen: Eine tragische Figur! Und ja, ein Narr!

Ein Narr ist ja einer, der ver-rückt ist. Und närrisch die Wahrheit ins Licht rückt. Wahrheit bringt auch dieser klug-selbstbewusste und zugleich gescheit-gescheiterte Kornbauer ans Licht: Es gibt keine Sicherheit. Kein noch so großer Besitz kann sie garantieren, kein noch so toller Erfolg sie bieten. Schon im nächsten Moment kann die Narretei des Lebens brutal aufbrechen. Und das Leben selbst abbrechen.

Vor närrisch-falscher Sicherheit warnt auch ein anderer Abschnitt im Neuen Testament, im Jakobusbrief. Da wählt der Schreiber nicht wie Jesus in seinem Gleichnis ein Beispiel aus der bäuerlichen Welt, sondern eins, das Stadtmenschen näher ist:

 

Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen – und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Dunst seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen sollt ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun. Nun aber rühmt ihr euch in eurem Übermut. All solches Rühmen ist böse. Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tuts nicht, dem ists Sünde.

 

Auch hier der Gedanke: Pläne hin, Erfolg und Reichtum her – im Grunde alles flüchtig wie ein Rauchfähnchen. Übermütige Selbstsicherheit ist zutiefst unangemessen. Ja, dumm. Dagegen steht, das Leben demütig-dankbar und freigiebig- fröhlich zu leben. Denn:

 

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn...

 

 

Mit seinem Kornbauer-Gleichnis von den vollen Scheunen und dem leeren Leben mahnt Jesus nicht nur, sondern eröffnet auch eine heitere und vertrauensvolle Lebenseinstellung:

 

Wie dem Kornbauern geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott. Darum sage ich euch: Sorgt nicht um das Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um den Leib, was ihr anziehen sollt. Denn das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung. Seht die Vögel: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben keinen Keller und auch keine Scheune, und Gott ernährt sie doch. … Macht euch keine Unruhe. Euer Vater weiß, dass ihr dessen bedürft. Trachtet vielmehr nach seinem Reich, so wird euch dies zufallen.

 

Darum geht’s: Nicht verkrampft, selbstbezogen und sorgenvoll nur um sich selbst und das eigene Wohlergehen kreisen, sondern andere Menschen, ihr Leben und auch ihre Not in den Blick nehmen. So wird man reich bei Gott.

Das könnte sich dann zufrieden und entspannt anhören, von uns oft so nörgelig undankbaren modernen Kornbauer-Leuten: „Schaut doch mal: Wie unglaublich gut geht es uns! Gott sei Dank! So viel Schönes im Leben! Unverdient geschenkt. Genießen wir es! Freunde und Fremde, nah und fern: Lasst uns zusammen feiern! Und miteinander teilen! Es ist genug für alle da.“

Erntedank – ja, das sind ländliche Traditionen, rotbackig-runde Äpfel und golden-dicke Getreidesträuße. Aber Ernte-Dankbarkeit ist mehr. Sie fängt im Herzen an und hört im Portemonnaie nicht auf.

In meiner Großstadt-Kirchengemeinde haben wir einmal einen ungewöhnlichen Erntedanktisch gestaltet. Alte und junge Gottesdienstbesucher brachten ganz unterschiedliche Gegenstände nach vorne. Eine leere Spritze – als Dank für gelungene medizinische Behandlung. Einen Schlüssel – als Dank für die schöne neue Wohnung. Eine Babyrassel – als Dank für ein gesundes Geschwisterkind. Ein Schulheft – als Dank für die bestandene Prüfung. Jemand brachte auch einen gar nicht rotbackigen, sondern ziemlich schrumpeligen Apfel – als Dank, dass er liebevoll umsorgt wird in seiner schweren Krankheit. Und so weiter.

Und dann haben wir ein Fest gefeiert! Mit reichlich leckerem Essen für alle. Auch viele Geflüchtete haben mitgefeiert. Sie haben von Erntedankbräuchen in ihrer Heimat erzählt. Und wir haben eine Kollekte zusammengelegt gegen den Hunger in der Welt. Da war es bei der Sammlung sehr leise, weil viel mehr Scheine als Münzen in den Körbchen landeten.

 

Ernte-Dankbarkeit macht großzügig. Und zufrieden. Und wirklich reich.

 

 

 

 

 

Musik dieser Sendung:

1) Wir pflügen und wir streuen, Pfälzische Kurrende, Lore-Ley II

2) Wir pflügen und wir streuen, Andreas Gundlach, Predigt ohne Worte

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