"Hier.Stehe.Ich."

Jugend baut Zukunft
Hier.Stehe.Ich

© Charlotte Grief, Junges Deutsches Theater

Über die Sendung:

Sie sind jung. Und sie suchen nach dem, wofür es zu kämpfen lohnt. Um sagen zu können: Hier stehe ich! Wie es Martin Luther, der Überlieferung nach, im April 1521 vor dem Reichstag in Worms gesagt hat. Sie kommen aus Russland, Polen und Deutschland. Sie haben Menschen getroffen, die heute so handeln und sich gefragt, wofür sie eintreten wollen.

Ihre Suche, ihre Begegnungen und Erfahrungen sind in ein Theaterprojekt im Deutschen Theater zum 500jährigen Reformationsjubiläum eingeflossen. Meist englisch, aber auch russisch, polnisch und deutsch haben sie tanzend, singend, schreiend und klagend, deklamierend und debattierend gezeigt, was sie umtreibt, ihren Zorn, ihre Ratlosigkeit, ihre Verletzlichkeit und ihren Willen, etwas zu tun in der Gesellschaft ihrer Länder für die Freiheit und die Rechte der Menschen.

"Am Sonntagmorgen" um 08.35 Uhr im Deutschlandfunk

 
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„Hier stehe ich und kann nicht anders“ (gesprochen auf Russisch, Deutsch, Polnisch)

 

 „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“ – Luthers berühmte Worte vor dem Reichstag in Worms vorgebracht, heute. In drei Sprachen gesprochen, auf Russisch, auf Deutsch, auf Polnisch. Luthers berühmte Worte, mit denen er sagen wollte: Ich weiche nicht ab von dem, was ich als wahr und richtig erkenne, gesprochen von drei jungen Männern: Grischa, 18, aus Petersburg; Justus, 17, aus Berlin; Gabriel, 16, aus Warschau. Ein Jahr lang haben sie diese Worte hin und her gewendet. Sie haben versucht herauszufinden, was diese Worte mit ihnen zu tun haben. Am Ende stand ein Theaterstück mit dem Titel „Hier.Stehe.Ich“. Die Idee zu diesem Projekt entstand im Berliner Evangelischen Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation. Superintendent Johannes Krug erinnert sich:

 

Superintendent Johannes Krug:

Und dann waren wir sehr schnell bei dieser legendären Aussage Luthers in Worms: Hier stehe ich und kann nicht anders. Und die Frage, die uns dabei leitete, war gar nicht mal, Luther zu feiern oder ein Luther-Theaterstück aufzuführen, sondern mal mit Jugendlichen von heute, aus Polen, Russ-land, Deutschland zu erarbeiten: Wofür bin ich eigentlich bereit, aufzustehen, einzustehen in meinem Land?

 

Zu diesem Zweck haben sich die jungen Menschen auf eine intensive Reise begeben: Eine Reise in die jüngere Vergangenheit zu Menschen, die mit ihren Taten Luthers Widerstandsgeist entsprochen haben. Eine Reise in die Gegenwart zu solchen, die es heute tun. Und eine Reise zu sich selbst: zu ihrem Zorn, ihrer Ratlosigkeit, ihrer Verletzlichkeit und ihrem Willen, etwas zu tun in der Gesellschaft ihrer Länder für die Freiheit und die Rechte der Menschen. Sie haben recherchiert, Interviews geführt, Gedankensplitter und Szenenideen zu Papier gebracht. Künstlerisch und inhaltlich begleitet wurden sie vom Jungen Deutschen Theater Berlin. Seine Leiterin Birgit Lengers, die als Dramaturgin mit dabei war, beschreibt, was ihnen dabei vorgeschwebt hat. Die Grundidee war, …

 

Birgit Lengers:

… diesen Prozess, den wir während des Projektes vollzogen, gemeinsam erlebt haben, dass der sich auch widerspiegelt in der Form des Abends. Das war so eine Grundidee, und dass man so ein Widerstandslaboratorium dort hat, wo man auch die Zuschauer nochmal so ein bisschen diesen Weg gehen lässt, den man selber gegangen ist.

 

Das Widerstandslaboratorium zeigt, wie 18 junge Menschen aus Russland, Deutschland und Polen mit historischen Vorbildern des Ungehorsams umgehen, wie sie die Begegnung mit aktuellem Widerstehen für sich deuten, wie sie um eigene Konsequenzen ringen. Auf einem schwarz-weiß gehaltenen Bühnenraum haben sie diesen Prozess meist englisch, aber auch in ihren Sprachen, schreiend und klagend, deklamierend und debattierend, tanzend und singend aufgeführt. Auch mit Liedern, die ihre Situation ausdrücken, die sie talking about our generation genannt haben. Das Lied der deutschen Jugendlichen zeigt Frustration und Herausforderung zugleich, wenn es dort heißt:

 

We have to deal with the real big shit. We didn’t initiate it. Wir haben den Mist am Hals. Wir haben ihn nicht angerichtet.

 

 

Mit drei historischen Beispielen des Ungehorsams aus Gewissensgründen haben sich die Teilnehmer des Projektes „Hier.Stehe.Ich“ beschäftigt. Mit dem Titel gebenden Reformator Martin Luther. Mit dem russischen Atomphysiker Andrej Sacharow, der die sowjetische Wasserstoffbombe entwickelte, sich später aber gegen den Einsatz atomarer Waffen wandte und in Opposition zur Regierung trat. Und mit der Polin Irena Sendler, die unter Einsatz ihres Lebens Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettete. Grischa aus Petersburg beschreibt, was ihn am Menschenrechtler Sacharow beeindruckt. Projektkoordinator Grzegorz Szymanowski übersetzt.

 

Grischa:

Der ist für mich besonders wichtig, weil in Sowjetunion nur wenige solchen Mut hatten, sich gegen dieses System, sehr oft ein unmenschliches System zu stellen. Man muss beachten, dass er sehr privilegiert war. Er war ein Wissenschaftler im Dienste der Regierung. Er hatte besonders viel Geld. Und trotzdem konnte er seine Meinung ändern und seine Haltung ändern.

 

Für Grischa ist der Sinneswandel Sacharows ein Beleg dafür, dass die Stimme des Gewissens stark sein kann. So stark, eigene Privilegien zugunsten einer als wahr und nötig erkannten Sache aufzugeben. Näher am eigenen Leben der Teilnehmer des Projektes sind Menschen, die heute auf diese Weise Risiken eingehen. So war Justus aus Berlin von der politischen Aktionskunstgruppe Peng! fasziniert. Eine derer Aktionen richtete sich gegen offiziell untersagte Waffenexporte aus Deutschland in Länder mit Krisensituationen. Sie sind dagegen vorgegangen in drei Schritten.

 

Justus:

Der letzte Schritt war dann die Einladung von verschiedenen Vertretern von großen oder auch kleineren Waffenfirmen in Deutschland, um denen dann einen Friedenspreis zu übergeben. Also ein paar Tage vor der Aktion haben dann noch sehr viele abgesagt, aber dann ist tatsächlich noch einer gekommen und wollte dann den Friedenspreis in Empfang nehmen. Der hat es dann während dieser Zeremonie allerdings dann irgendwann geschnallt und ist auch abgehauen.

 

Auch für Grischa war die Begegnung mit Menschen im eigenen Land, die zivilen und politischen Ungehorsam praktizieren, die stärkere Inspiration für das eigene Handeln. In Petersburg haben sie Elena Gremina getroffen, die unter schweren Anfeindungen und Bedrohungen ihr politisch ausgerichtetes Theater Dok betreibt. Für Grischa ein Ansporn, denn …

 

Grischa:

… wenn man sieht, dass diese Menschen jetzt aktiv sind und jetzt Kraft finden, was zu machen, dann kann ich oder können wir auch Kraft dafür finden.

 

Stuck in this place between the sickness and the sorrow, heißt es im Generationenlied der russischen Teilnehmer des Projektes: Gefangen hier zwischen Schwäche und Sorge. Dann aber schwingt sich das Lied aus der Depression auf: We will show you real resistance. You will get a generation’s hit.

Wir werden widerstehen. Ihr werdet den Schlag einer Generation erleben. Ihre Versuche, sich dafür zu präparieren, das zeigt ihr Stück. Wie die Szenen dafür entstanden sind, beschreibt Regisseurin Uta Plate. Anstoß gaben Fragen wie:

 

Uta Plate:

Wann hast du jemals in deinem Leben nicht für etwas gekämpft? Wann hast du geschwiegen, wo du hättest reden sollen? Dann fangen sie an zu schreiben, dann fangen sie an, in die Kamera zu sprechen. Und aus diesen Sätzen komponiert man dann eine Szene. Oder man lädt sie ein zu extremen Thesen und lädt die anderen wieder ein, auf ihre Thesen Gegenthesen zu entwickeln. Und daraus komponiert man eine Thesen-Antithesen-Synthesen-Szene. Und dann gibt es den Moment, wo man sie einlädt und sagt: Wo wollt ihr euch sehen in 10 Jahren als jemand, der sich traut, seine Meinung ohne Rücksicht auf Verluste zu sagen.

 

Die eigene Stellung zu finden, das war und ist wohl die größte Herausforderung für die 18 jungen Frauen und Männer aus Russland, Deutschland und Polen. Auf dem Weg dahin half ihnen die Begegnung mit Menschen, die Widerstand gelebt haben, wie im Vorfeld des Mauerfalls in der DDR. Der Ruf der Demonstrationen von 1989 „Wir sind das Volk“ ging ebenso in das Stück ein wie Stimmen Oppositioneller, etwa die des Pfarrers Bernd Albani, der erklärte, wie wichtig sein Protest gegen die Inhaftierung des Regimekritikers Rudolf Bahro für seine Selbstachtung war.

In einer der letzten Proben vor der Aufführung klang das so:

 

Wir sind das Volk. Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk. / Je mehr ich mich in der DDR engagiert habe, je mehr ich riskiert habe, desto mehr hab ich mich mit dem Land identifiziert. / Den Ein-Mann-Protest hab ich nie bereut. Es hat mir geholfen, mir selber in die Augen blicken zu können.

 

Sich selber in die Augen sehen können – das wollen die jungen Russen, Deutschen und Polen.

Für Gabriel aus Warschau war dafür die Begegnung mit dem Leiter des Warschauer sogenannten allgemeinen Theaters eine wichtige Anregung.

 

Gabriel:

Der ist nämlich Direktor von einem der wenigen Theater in Polen, die Mut haben, Themen anzusprechen, die heutzutage kontrovers sind, also vor allem Politik und Kirche. Aber trotzdem hat er diese Themen angesprochen und dadurch fühlten sich Leute, die anders, politisch oder religiös anders denken, sie fühlten sich angeregt zum Protest. Es wurden Fenster in seinem Theater zerstört, sie haben Mails mit Drohungen bekommen. Es gab Gewalt und Aggression gegen das Theater. Und deswegen bewundere ich den Mann, dass er trotz all dem weitergeht und weiter arbeiten will.

 

We are the puppets in his show, singen die Polen in ihrem Generationenlied, and the victim is our soul. Wir sind die Puppen in seiner Show (gemeint ist Jarosław Kaczynski, Chef der Regierungspartei in Polen) und unsere Seelen sind die Opfer. Aber auch ihr Lied wandelt sich von der Lähmung zum Aufbruch. Und sie singen: We know where we want to be. We won’t stop searching for the key. Wir wissen, wo wir sein möchten. Wir werden nicht aufhören, nach dem Schlüssel zu suchen. Genau das haben sie mit dem Projekt „Hier.Stehe.Ich“ getan. Sie haben den Schlüssel zur eigenen Standfestigkeit, zum eigenen Widerstehen gesucht. Ein Weg dazu war, andere kennenzulernen, die auch auf dieser Suche sind. Für diese Möglichkeit ist Grischa besonders dankbar.

 

Grischa:

Dass wir Polen kennenlernen durften, war großartig, weil wir in Russland sehr wenig über Polen wissen. Zum Beispiel das zu erfahren, dass wir jetzt auch ähnliche Probleme haben, weil in Polen auch die Regierung restriktiv wird, das wusste ich nicht und das war sehr interessant.

 

So hat das Projekt „Hier.Stehe.Ich“ die Perspektive aller Teilnehmer geweitet. Einzelne Szenen aus dem daraus entstandenen Theaterstück wurden am Premierentag in einem Gottesdienst zum 500-jährigen Reformationsjubiläum gezeigt. Am Abend und an drei weiteren Tagen war dann das ganze Stück im Deutschen Theater zu sehen. Im Widerstandslabor auf der Bühne ging es lebhaft zu. Die schwarze Wand im Bühnenhintergrund, am Anfang noch leer, füllte sich immer mehr mit Statements und Bildern, die sich aus dem Ringen um das Thema ergeben hatten. Am Ende aber wurden alle Notizen des Prozesses abgerissen und nur noch die Porträts der Jugendlichen waren zu sehen. Wie um zu sagen: Hier stehen wir. Jeder von uns und zusammen. Superintendent Johannes Krug war davon sehr berührt.

 

Superintendent Johannes Krug:

18 Porträts und alle mit geschlossenen Augen. Und sie singen davon, was es bedeutet, aufzustehen, einzustehen für ihre Ideale. Und es mündet dann mit diesem Satz: Fremder wünsch uns Glück. Und dann sieht man die 18 Porträts wieder, und die Augen sind geöffnet. Dann ist das Stück vorbei. Und in diesem Moment hat sich alles verdichtet und hab ich gesagt: Dafür haben wir das gemacht:

18 junge Leute, die mit offenen Augen ihre Wege gehen, … über ihre Ideale nachgedacht haben und bereit sind, dafür auch aufzustehen.

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Martin Buber
04.02.2018 08:35