Weder die Beste noch Bestie

Plädoyer für ein realistisches Mutterbild

Mother do you think she's good enough? For me?

- Pink Floyd, Mother
 

 

Bei der Mutter laufen die Fäden zusammen. So ist das zumindest in den meisten Familien. Sie rufen an. Sie laden ein. Sie fragen nach. Sie wissen Bescheid. Manchem Kind sind sie damit lästig, aber die Mütter leisten damit einen entscheidenden Beitrag für den Zusammenhalt der Familien.

 

Allerdings: Nicht alle Frauen sind mit dieser Mutter-Rolle glücklich. Manche fühlen sich von ihren Kindern eingeengt und sind ihnen nicht so nahe. Andere wiederum wollen ihren Kindern allzu nahe sein. Dabei ist klar: Der Mutter verdanken die Kinder ihr Leben. Und die meisten erleben, dass ihre Mutter immer für sie da ist. Das bedeutet aber auch, dass niemand so viel Einfluss auf die Kinder hat wie die Mütter. Im Guten wie im Schlechten.

 

Die Mutter - ein Mensch der Superlative? Darüber hat der Familientherapeut Torsten Milsch ein vielbeachtetes Buch geschrieben. Vorne drauf steht in schwarzen Buchstaben der Titel: „Mutti ist die Beste“. Allerdings ist an der passenden Stelle noch ein rotes I eingefügt. So wird daraus: „Mutti ist die Bestie“. Ein Wortspiel, das die Extreme des Mutterseins ausloten soll. In dem Buch beschreibt der Autor, wie wichtig die Mutterbeziehung ist. Aber auch wie gefährdet. Und wie gefährlich sie sein kann. Der Untertitel lautet: „Die heimliche Diktatur vieler Mütter“. Ist die Mutter also die Beste? Oder die Bestie? Dieser Frage will ich nachgehen - heute am Muttertag. Mit drei biblischen Geschichten über Mutter-Schicksale.

 

Die erste ist Maria, die Mutter Jesu. Eine besondere Mutter – gewiss. Das zeigt sich schon in der Art, wie sie von ihrer Schwangerschaft erfährt: Ein Engel kündigt ihr an, dass sie den Sohn Gottes gebären soll. Auf diese Weise lernt Maria gleich am Anfang eine Lektion, die andere Mütter erst viel später verstehen: Das Kind gehört ihr nicht, auch wenn sie es bekommt. Es hat eigene Ziele und ist bei ihr nur in Obhut. Sie muss es gewähren und ziehen lassen. Ansonsten erlebt Maria vieles wie andere Mütter auch: Die Last der Schwangerschaft, die beschwerliche Geburt und dann die unbeschreibliche Freude über das neue Leben. Später wächst das Kind aus ihren Armen heraus.

 

Der Evangelist Johannes erzählt etwas über das persönliche Verhältnis des erwachsenen Jesu zu seiner Mutter. Beide sind auf einer Hochzeit eingeladen. Es geht feucht-fröhlich zu. Doch am Abend droht das Fest in eine peinliche Situation zu geraten: Die Gäste sitzen auf dem Trockenen.

 

Als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm. „Sie haben keinen Wein mehr.“ Jesus spricht zu ihr: „Was geht´s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Seine Mutter spricht zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“

 

Wenig später lässt Jesus sechs große Krüge mit Wasser füllen und verwandelt sie in guten Wein. Das Fest ist gerettet. Über dieses kleine Gespräch zwischen Jesus und seiner Mutter muss ich immer wieder schmunzeln. Da ist die Mutter. Nur eine Andeutung lässt sie fallen – und wirken. Darauf reagiert ihr Sohn sofort und zwar sehr unwirsch. Doch den Anraunzer steckt Maria weg. Sie weiß: Er hat verstanden, er wird etwas tun. Und: Er tut es! So ist das in der Familie: Eingespielte Gesprächsabläufe. Man kennt sich. Im Guten wie im Schlechten.

 

Als Mutter hat Maria vieles zu ertragen. Sie folgt ihrem Sohn überall hin, am Ende sogar bis unters Kreuz. Dort erlebt sie das Schlimmste, was einer Mutter zustoßen kann: den Tod ihres Sohnes. Wie sich das anfühlt, haben seitdem viele Mütter erlebt. Zum Beispiel die, die im Krieg ein Kind verloren haben. Es sind viele – aus vielen Ländern. Keine Liebe ist so belastbar wie die der Mutter. Wieder so ein Superlativ.

 

Hush now baby, baby don't you cry. Mama's gonna check out all your girlfriends for you. Mama won't let anyone dirty get through. Mama's gonna wait up until you get in. Mama will always find out where you've been. Mama's gonna keep baby healthy and clean.

- Pink Floyd, Mother

 

Das Leid der Mütter steht oft im Schatten. Das ist auch in der zweiten, biblischen Mutter-Geschichte so. Sie handelt von drei Personen: einem Mann, dem König Salomo, und zwei jungen Müttern. Normalerweise steht in dieser Geschichte der Mann im Rampenlicht, Salomo, denn er fällt ein weises, ein salomonisches Urteil. Doch heute schaue ich auf die beiden Mütter und die Frage: Wem gilt die Liebe der Mutter – dem Kind oder, auch, der Mutter selbst? 1. Buch der Könige, Kapitel 3:

 

Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn. Und die eine Frau sprach: Ach, mein Herr, ich und diese Frau wohnten in einem Hause und ich gebar bei ihr im Hause. Und drei Tage nachdem ich geboren hatte, gebar auch sie. Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite und legte ihn in ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie in meinen Arm. Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und der König sprach: Holt mir ein Schwert! Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sagte die Frau, deren Sohn lebte, zum König – denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn – und sprach: Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht! Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein; lasst es teilen! Da antwortete der König und sprach: Gebt dieser das Kind lebendig und tötet's nicht; die ist seine Mutter.

 

Diese Geschichte lässt etwas von der Urkraft des Mutterseins erahnen. Da ist das tiefe Glück einer jungen Mutter. Und im gleichen Haus der unendliche Schrecken einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, womöglich ist sie sogar selbst daran schuld. In ihrem Schmerz wird sie zur Kindes-Räuberin. Als der König Salomo befiehlt, das Kind scheinbar gerecht aufzuteilen, zeigen sich die wahren Motive der beiden Frauen. Die eine protestiert. Sie handelt aus uneigennütziger Liebe: Hauptsache, ihr Kind lebt! Dafür will sie verzichten und den Schmerz des Verlustes ertragen. Die zweite willigt ein, das Kind zu zerschneiden. Wenn sie es nicht haben kann, soll es auch die andere nicht haben. Es bleibt offen, warum die Frau so handelt. Man kann spekulieren: Warum bedeutet ihr das Leben des Kindes so wenig? Obwohl sie doch zugleich unbedingt eines haben will. Vielleicht als Statussymbol? Oder weil es ihrem Leben einen Sinn verleiht? Es ist ja nicht unbedingt nur der reine Altruismus - also eine selbstlose Liebe, die Mütter antreibt. Sie bekommen auch etwas dafür. Die mütterliche Hingabe kann die beste sein – oder die Bestie, wie es im Buch des Familientherapeuten Torsten Milsch heißt.

 

Hush now baby, baby, don't you cry. Mama's gonna make all of your nightmares come true. Mama's gonna put all her fears into you. Mama's gonna keep you right here under her wing. She won't let you fly, but she might let you sing. Mama's gonna keep baby cozy and warm.

- Pink Floyd, Mother

 

 

In der dritten und letzten biblischen Geschichte geht es um eine Frage, die in jeder Familie im Raum steht, in der mehr als ein Kind lebt: Liebt die Mutter ihre Kinder gleich viel? Oder bevorzugt sie eines? Bei Rebecca, der Frau von Isaak, ist das ganz klar. Ihre zwei Söhne Esau und Jakob könnten kaum unterschiedlicher sein: Esau ist eher ein grober Naturbursche, Jakob ein hübscher und geschmeidiger Junge, eindeutig der Liebling seiner Mutter. Doch Esau ist der ältere und damit der Stammhalter, der Erbe. Das lässt die Mutter nicht ruhen.

 

Und es begab sich, als Isaak alt geworden war und seine Augen zu schwach zum Sehen wurden, rief er Esau, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm: Mein Sohn! Siehe, ich bin alt geworden und weiß nicht, wann ich sterben werde. So jage mir nun ein Wildbret und mach mir ein Essen, wie ich's gern habe, auf dass dich meine Seele segne, ehe ich sterbe. Und Esau ging hin aufs Feld, dass er ein Wildbret jagte und heimbrächte. Da sprach Rebekka zu Jakob, ihrem zweiten Sohn: Höre, mein Sohn, und tu, was ich dir sage. Geh hin zu der Herde und hole mir zwei gute Böcklein, dass ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er's gerne hat. Das sollst du deinem Vater hineintragen, dass er esse, auf dass er dich segne vor seinem Tod. Das tat Jakob. Und die Mutter bereitete das Essen zu. Jakob ging zu seinem Vater und sprach: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn; ich habe getan, wie du mir gesagt hast. Komm nun, setze dich und iss von meinem Wildbret, auf dass mich deine Seele segne. Und Isaak segnete den Jakob. Kaum war das geschehen, kam Esau, sein Bruder, von seiner Jagd und machte auch ein Essen und trug's hinein zu seinem Vater und sprach zu ihm: Richte dich auf, mein Vater, und iss von dem Wildbret deines Sohnes, dass mich deine Seele segne. Da entsetzte sich Isaak über die Maßen und sprach: Dein Bruder ist gekommen mit List und hat deinen Segen weggenommen.

 

Gestohlener Segen, gestohlenes Erbe – eingefädelt von der Mutter! Sie heckt den Plan aus, mit dem der Ältere ausgetrickst wird. Aber der Plan fliegt natürlich auf. Jakob, der jüngere, muss fliehen. Esau, der ältere, bleibt zuhause. Allerdings möchte man gar nicht wissen, wie das wohl war. Hatte die Mutter doch das Vertrauen ihres Mannes gebrochen und den einen Sohn massiv benachteiligt. Doch Gott zeigt, dass er selbst aus dieser kaputten Situation noch etwas machen kann. Jakob findet in der Fremde sein Glück. Als gemachter Mann kehrt er nach Jahrzehnten zurück. Da hat ihm der ältere Bruder Esau längst verziehen. Die beiden Brüder versöhnen sich. Mit solchen Geschichten beschreibt die Bibel nicht, wie das Leben sein soll, sondern wie es – leider - oft genug ist.

 

Ooh baby, ooh baby, ooh baby, You'll always be baby to me.

- Pink Floyd, Mother

 

In der Bibel werden die Mütter nicht vergöttert, sondern ganz realistisch gezeigt. Ist Mutter die Beste? Oder die Bestie? In den meisten Fällen weder das eine noch das andere. Sie ist einfach eine Frau, die ihr bestes gibt. Meistens wird das nicht genau das Richtige sein. Aber auch nicht ganz das Falsche. Ich bin überzeugt davon, dass keine Mutter-Kind-Beziehung perfekt ist und dass keine Mutter und kein Kind daraus ohne gegenseitige Verletzung davon kommen. Dafür ist diese Beziehung viel zu eng, zu intensiv. Alle Beteiligten sind darauf angewiesen, dass sie liebevoll und barmherzig beurteilt werden. Eigentlich ist das genauso wie bei jedem anderen Menschen auch.

 

Vergeben, barmherzig sein, trösten… das fällt schwer. Gott will niemanden ungetröstet lassen. Und wie sich sein Trost anfühlt – das beschreibt der Prophet Jesaja im Kapitel 66. Da sagt Gott:

 

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

 

Dieser Satz ist mir eine echte Überraschung! Ausgerechnet der Mutter-Trost dient als Vorbild für den Trost Gottes! Das ist riskant. Denn so manches Kind hat sich vergeblich nach dem Trost der Mutter gesehnt. Andere wurden dagegen überbehütet. Aber viele Kinder - zum Glück - werden von ihrer Mutter einfach wunderbar getröstet. Sie lässt für ihr Kind alles stehen und liegen, nimmt es in den Arm, streichelt es, hört zu und trocknet die Tränen. So tut es auch Gott, sagt Jesaja. So zeigt sich Gott gerade als Tröster menschlich und nahbar, mütterlich eben. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist eine Liebeserklärung Gottes. Heute, am Muttertag, erinnert sie daran: Dieser Trost gilt allen Menschen, auch den Müttern, denn auch sie sind ja Kinder. Auch sie brauchen manchmal den Trost Gottes. Und ganz sicher die Wertschätzung ihrer Familie.

 

Bibelnachweis:

Lukas 1,26ff und 2,41ff, Johannes 2,1ff, 1.Könige 3, 16-27,
Genesis 27 gekürzt, Jesaja 66,13

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