Evangelisch "am Ende der Welt"

Reiseimpressionen aus Indonesien
Sulawesi

Gemeinfrei via unsplash.com (Pahala Basuki)

Über die Sendung:

Wie geht Partnerschaft zwischen Kirchen, die 19 Flugstunden voneinander entfernt sind, die in verschiedenen Welten zuhause sind? Sich auch innerlich auf die Reise begeben. Sich selbst nicht zum Maß der Dinge machen. Fragen stellen in einer Gemeinschaft der Lernenden.

Der "Feiertag" im DLF zum Nachhören und Nachlesen.

Sendung nachhören

 

Sendung nachlesen:

„Evangelisch am anderen Ende der Welt- gibt’s das wirklich? Und wie leben die Menschen dort ihren Glauben?“ mit diesen Fragen sind wir aufgebrochen ins Land, wo der Pfeffer wächst: Indonesien. Wir – das sind 16 Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. Denn sie pflegt seit über 30 Jahren eine Partnerschaft mit der evangelischen Kirche auf der Insel Sulawesi, der „Gereja Masehi Injili di Minahasa“, kurz GMIM.

 

Java, Sumatra, Borneo und Sulawesi – das klingt nach Regenwald und Korallenriffe, nach exotischen Pflanzen, wilden Tieren und indigenen Völkern. Und in der Tat ist Indonesien ein Land, das artenreicher und pluraler kaum sein könnte. 17 Tausend Inseln, 650 Volksstämme und unzählige Religionen. Man begegnet vollverschleierten Frauen auf Java und nackten Männer und Frauen in den Wäldern von Borneo. Manche glauben noch an Geister und beten Steine an, manche glauben an Jesus Christus. 88 % der Indonesier sind Muslime, die Christen grade mal 9%. Und die Evangelischen sind eine Minderheit von 6%.

Nur im Norden der Insel Sulawesi, im Gebiet der Minahasa ist es anders. Dort sind fast alle evangelisch. Und dorthin möchte ich Sie jetzt mitnehmen.

 

 

Nach 19 Stunden Flugreise landen wir in Manado, der Hauptstadt von Sulawesi.
Wir durchqueren die Ankunftshalle mit ihrem spiegelblank geputzten Boden. In der Flughafentoilette informiert uns ein Schild darüber, wie man dieselbe benützt. Man setzt sich nicht mit den Füßen auf die Klobrille. Man nützt sie wie einen Stuhl. Und die Spülung funktioniert per Knopfdruck. Aha! Später sollten wir tatsächlich nur in gut situierten Häusern solche Toiletten vorfinden. Standard ist eher ein Loch im Boden und als Spülung ein Wasserbecken mit Schöpfkelle. Soeben sind wir – wegen der Zeitverschiebung- 7 Stunden in der Zukunft gelandet. Und – was die Toilettennutzung betrifft – im vorletzten Jahrhundert. Sind wir in der Zukunft oder in der Vergangenheit? Hinken die Menschen hier unserer Entwicklung hinterher? Oder sind sie uns weit voraus? Diese Fragen sollten uns immer wieder beschäftigen.

„Geht hinaus in alle Welt,“ hat Jesus gesagt. „Predigt das Evangelium allen Völkern und macht sie zu Jüngern.“ Die beiden schwäbischen Missionare Schwarz und Riedel haben das in die Tat umgesetzt. Sie haben im 19. Jahrhundert hier nicht nur das Evangelium gepredigt, sie haben auch Krankenhäuser, Schulen, ja ein ganzes Bildungssystem aufgebaut und damit den Grundstein gelegt zu einer evangelischen Kirche reformierter Gestalt, der GMIM.

Aber wie lebt man evangelisch, wenn die Ur-Urgroßeltern noch an Geister geglaubt haben? Die mit den „Orang Utan“- den Waldmenschen nachbarschaftlich gelebt haben als „Orang- Orang“ auf deutsch „Menschen“.

Wie behauptet sich eine so kleine Kirche in einem Land mit überwältigender muslimischer Mehrheit? In einem Land, in dem es niemals Winter wird? Kann unser gemeinsamer Glaube all diese Unterschiede von Sprache und Kultur überbrücken? Und so waren wir sehr gespannt auf die Gemeindegottesdienste, zu denen wir eingeladen waren.

 


Die Sonntagsgottesdienste sind unseren Glaubensgeschwistern in der Minahasa heilig. Anders als sonst beginnen sie immer pünktlich um 9 oder 10 Uhr.

Als ich den Vorraum der Kirche betrete, erwarten mich schon die circa 20 Kirchenältesten, um mich zu begrüßen. Alle sind sie dunkel gekleidet, mit einer weißen Stola um den Hals und einer Bibel unterm Arm. Zum Mitlesen des Predigttextes. Die Ältesten sind für den reibungslosen Gottesdienstablauf zuständig, fürs Vorsingen der Lieder, fürs Bedienen des Laptops, der per Beamer die Liedstrophen an die Wand wirft, fürs Einsammeln der Spenden und vieles mehr.

Als alles besprochen ist, legt ein Ältester der Pfarrerin eine grüne Stola um, was so viel heißt wie: Jetzt beauftragen wir dich, für uns zu predigen und zu beten. Nach einem kurzen Gebet ziehen wir feierlich in die Kirche ein.

Die ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Kirche fasst ungefähr 500 Gemeindeglieder. Frauen und Männer, Junge und Alte, alle festlich gekleidet. Das ist immer so am Sonntag, meint die Pfarrerin.
Ich sitze im Altarraum, in einer der zwei Bankreihen links und rechts, die für die Ältesten vorgesehen sind. Hinter uns Arrangements von buntglitzernden Stoffblumen. Ein Altarraum ohne Altar. Dafür ein mächtiges, zwei Meter hohes Podest- die Kanzel. Auf die wird die Pfarrerin zu Beginn des Gottesdienstes steigen und erst nach dem Schlusssegen wieder herunterkommen. Während des ersten Liedes wandert mein Blick nach oben. An der Decke lächelt mich der auferstandene Jesus an. Ein freundlicher junger Mann mit wallendem Gewand und Bart. Er breitet seine Arme aus, als wolle er uns empfangen in seinem Reich. Auf einem Dachbalken zu Jesu Füßen hat sich eine Spatzenfamilie niedergelassen und zwitschert kräftig mit zum Lobe Gottes.

 

 

So innig der Gesang, so konzentriert das gemeinsame Gebet, so befremdlich manch Anderes. Da liest eine Älteste nach dem Eingangsgebet die Namen der Familien vor, die in der vergangenen Woche Geld gespendet haben. Und wie viel. Da wird ein junges Brautpaar nach vorne gerufen, das kommentarlos zuhört, wie eine Älteste der Gemeinde erzählt, welche Berufe sie haben, aus welcher Familie sie stammen und wo sie wohnen wollen.

Ich verstehe zwar nicht, was die Pfarrerin predigt, aber wie sie das macht, mit dramatisch lauter Stimme und erhobenem Zeigefinger- finde ich seltsam. Auch, dass sie beim Schlussgebet gar kein Ende mehr findet.

Immer wieder schüttele ich innerlich den Kopf, immer wieder nickt die Gemeinde zufrieden. Immer wieder fühle ich mich fremd, immer wieder holt mich die Innigkeit zurück, mit der die Gemeinde betet und singt. Wie zum Beispiel die 15 Männer im blauen Batikhemd, die im Wettbewerb der Kirchenchöre die Goldmedaille gewonnen haben. Und die trägt einer von ihnen freudestrahlend auf der Brust.

 

 

Zwei Stunden dauert der Gottesdienst, in dem auch ich, die deutsche Pfarrerin, die Pendetta, ein kurzes Grußwort sprechen darf. Nach dem Schlusssegen schüttle ich unzählige Hände, schaue in unzählige, freundliche Gesichter. Faltige und glatte, von der Sonne gegerbt und perfekt geschminkt. Ich tauche ein in ein Meer von Herzenswärme und Freundlichkeit. Die Jüngeren zücken ihr Handy für ein Gruppenbild oder ein Selfie mit mir. Das dann selbstverständlich auf Facebook gepostet wird.

Aber damit ist noch immer nicht Schluss. Denn kein Gottesdienst, keine Feier und keine Sitzung ohne Essen. „No Meeting without eating“. Der reich gedeckte Tisch bietet alles, was Feld, Wald und Wasser hergibt- Gemüse und Reis, Fisch und Huhn, Schwein und Rind, Fledermaus und Ratte. Guten Appetit!

 

 

Beeindruckend, wie lebendig das Gemeindeleben bei unseren sulawesischen Glaubensgeschwistern ist. Die Kirchen immer voll, das Spendenaufkommen hoch. Weil das ja das gesamte Gemeindeleben, das Auskommen der Pfarrer und alle sozialen Einrichtungen finanziert. Denn Kirchensteuern gibt es nicht.

In der indonesischen Gesellschaft zählt anders als bei uns nur die Gemeinschaft, nicht der Einzelne. Fragt man nach der Mitgliederzahl einer Gemeinde, erfährt man die Anzahl der Nachbarschaftsgruppen, die zu einer Gemeinde gehören. Jede Nachbarschaftsgruppe wiederum besteht nicht aus Einzelpersonen, sondern aus Familien. Jede Nachbarschaftsgruppe trifft sich einmal pro Woche zur Andacht, zu den Geburtstagen, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Man trifft sich in Privathäusern, singt, betet und isst miteinander. Niemand ist mit einem Schicksalsschlag allein, man hilft und unterstützt sich. Jeder ist aber auch zur Hilfe verpflichtet.

Die christlich geprägte Gesellschaft im Minahasagebiet hat es so zu erstaunlichem Wohlstand gebracht. Hier muss niemand hungern und alle Kinder gehen zur Schule. „Die Missionare Riedel und Schwarz haben uns Segen gebracht“, hören wir immer wieder, „unser Glaube macht uns stark. Und dafür sind wir dankbar.“

 

 

Warum treten bei euch so viele Menschen aus der Kirche aus? Wurden wir oft gefragt. Und warum kümmert ihr euch um Menschen, die gar nicht zur Kirche gehören? Im Krankenhaus, im Gefängnis, im Radio? Und wir fragten zurück: Warum ist bei euch keine Frau in der Kirchenleitung? Wo doch mehr als 70% der Gemeindepfarrer inzwischen Pfarrerinnen sind?

Vielleicht sind wir doch stark von der Kultur unseres Landes geprägt. Bei uns der Kultur des Individualismus. Niemand verliert sein Gesicht, wenn er oder sie aus der Kirche austritt. Während dort der Widerstand gegen patriarchales Denken gering ist.

Aber wie soll die Kirche der Zukunft aussehen? Das habe ich den Vizepräsidenten der Kirche in der Minahasa gefragt, Pfarrer Hein Arina.

 

„The following years we have to aquip our just members to believe in god to face all the problems, that we face daily. We do believe that everyone who trust god and is continuously reading the bible as the word of god that will prepare our next generation to continuously love our church as the Christ church.”

 

„In den folgenden Jahren müssen wir vor allem unsere Mitglieder dazu befähigen, dass sie auf Gott vertrauen, um den täglichen Problemen gewachsen zu sein. Wir glauben: Jeder, der auf Gott vertraut und beständig die Bibel als das Wort Gottes liest, wird unsere kommende Generation darauf vorbereiten, dass die Kirche als Kirche Jesu Christi zu lieben.“

 

Das Bewährte bewahren. Die Gemeinden stärken gegen den um sich greifenden Individualismus der Moderne. Und gegen die Herausforderung, die eine radikale Minderheit von Muslimen derzeit darstellt. Das hat sich die gegenwärtige Kirchenleitung der GMIM vorgenommen.

Krise Gosal wollte Pfarrerin werden, weil sie es so großartig fand, als Pfarrerin auf der Kanzel zu stehen und die Geschicke der Gemeinde zu leiten. Während ihrer Ausbildung hat sie jedoch auch die soziale Wirklichkeit in Gefängnissen und Krankenhäusern kennengelernt. Das hat ihr Bild von Kirche sein verändert.

 

„Facing the reality in the society, I said to myself: being a Christian in my context is, not just nurturing the believers, but go beyond to find someone marginalized, embracing the stranger.”

 

„Als ich die sozialen Verhältnisse in unserer Gesellschaft kennengelernt habe, sagte ich mir: Christ zu sein in meinem kulturellen Kontext heißt nicht nur, die Mitglieder zu nähren. Es heißt auch, die Verhältnisse zu durchschauen, die Menschen am Rande der Gesellschaft zu finden und ja- die Fremden zu umarmen.“

 

Ähnliche Erfahrungen hat Mona Saroinsong gemacht. Die studierte Pädagogin arbeitet derzeit für eine christliche NGO als „humanitarian worker“ in ganz Asien. Sie ist in einem mehrheitlich muslimischen Dorf großgeworden.

 

„Ich war in islamische Umgebung geboren, aber wir hatten eine Kirche dort. So für mich Islam und andere Religionen sind nicht fremd. Niemals sagen wir: Ah, du bist Islam, du kannst nicht mit uns! Nein! Nur sagen wir: Ej, das ist Schwein, du kannst nicht essen! Aber wenn die möchten essen, kein Problem.“

 

In Banda Aceh auf Sumatra, wo das Gesetz der Scharia gilt, hat sie mit einem Team von 100 Muslimen für die vom Tsunami traumatisierten Menschen gearbeitet. Kein Problem, sagt sie. Christen und Muslime können respektvoll miteinander leben. Wenn die Basics stimmen. Und das ist ihre Mission, als überzeugte Christin.

 

„Meine Mission ist, dass alle Leute können Haus haben und Wasser und Essen und in die Schule, mindestens die Grundschule, oder secondary Schule.“

 

Krise Gosal ist Pfarrerin und arbeitet heute Vizepräsidentin der Evangelischen Kirchen von Indonesien mit Sitz in Jakarta. Kirche steht heute vor der Herausforderung, sich für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu engagieren. Zum Beispiel im interreligiösen Rat von Indonesien.
 

„For example our members in the protestant church of Moluccas, they promote what they call „peace provocator”. They increase the local wisdom, that shows that living in harmony with neighbors and with the earth.”

 

„Zum Beispiel unsere evangelischen Glaubensgeschwister auf den Molukken. Sie unterstützen die so genannten „Peace provocators“. Die verbreiten das Erfahrungswissen der Menschen in den Regionen, welches zeigt: wir können mit unseren Nachbarn und der Erde harmonisch zusammenleben.“

 

In Indonesien haben die Menschen mit den verschiedensten Religionen über Jahrhunderte friedlich zusammengelebt. Muslime und Christen haben gemeinsam für die Unabhängigkeit Indonesiens gekämpft. Seitdem sieht die indonesische Verfassung vor, dass jeder Indonesier sich zu einer von 5 Religionen bekennen muss. Dies sind Islam, Buddhismus, Hinuismus, Konfuzianismus oder das Christentum. Jeder soll sich auf die Werte von einer dieser Religionen verpflichten. Und die Werte des Andersgläubigen respektieren. Dieses so genannte Prinzip der Pancasila ist die große Klammer, die das Land zusammenhalten soll.

Über die Gräben der verschiedenen Kulturen, Sprachen und Sitten hinweg. Nach der Vorstellung der Indonesier ist Atheismus oder archaischer Animismus nicht erlaubt. Jeder Gläubige hat den Andersgläubigen zu respektieren. Die Pancasila ist der Kern der friedlichen, schon immer pluralen Gesellschaft von Indonesien.

 

 

Was haben wir mitgebracht von unserer Reise ans andere Ende der Welt? Was bleibt uns?
Es sind vor allem die vielen herzlichen Begegnungen von Mensch zu Mensch. Die Erfahrung, dass ein gemeinsamer Glaube kulturelle Gräben überbrückt und Meinungsunterschiede auch relativiert.

Wir haben gelernt, dass wir vorsichtig umgehen mit unseren Gefühlen und dass wir unsere Urteile überprüfen und nicht gleich in die Tat umsetzen. Vieles sind eben keine Bekenntnisfragen, sondern nur Geschmacksfragen. Das ist ein mühsamer Verständnisweg. Aber er hat uns viel gelehrt, auch über uns selbst.

Gemeinsam haben wir mit unseren Glaubensgeschwistern das Vaterunser gebetet. Jeder in seiner Sprache. Und doch haben wir uns verbunden gefühlt durch den einen Geist. Den Geist Jesu Christi, den Geist der Liebe und der Versöhnung.

Wie kann ein plurales Land, wie kann eine immer globaler werdende Welt den Frieden bewahren? Ich glaube, dass unsere Glaubensgeschwister in Indonesien uns in der Antwort auf diese Frage weit voraus sind. Denn sie haben schon immer plural gelebt, leben müssen. Und die evangelische Kirche von Indonesien hat dazu viel beigetragen.

Im vergangenen Jahr war Krise Gosal als stellvertretende Präsidentin der indonesischen Kirche von der deutschen Regierung eingeladen. Sie wurde nach ihrer Einschätzung gefragt, wie man mit Migration umgeht und mit der zunehmenden Zahl von Menschen aus muslimisch geprägten Menschen.

 

„And then we talked about the rejection of indigenous people, the stranger, the refugees. I would like to say, that being the church, not only in Asia, but in Europe and everywhere. You cannot avoid to embracing the refugees or the strangers, because all of us are strangers in the world.”

 

„Und dann haben wir darüber gesprochen, dass die einheimische Bevölkerung oft die Fremden und Flüchtlinge zurückweist. Ich würde sagen: Nicht nur in Asien, auch in Europa und überall bedeutet Kirche sein: man kommt nicht darum herum, die Flüchtlinge und die Fremden zu umarmen. Weil wir alle Fremde sind in der Welt.“

 

Fremde und Kinder des einen Gottes im Himmel. Als Christen folgen wir dem Mann aus Nazareth, der nicht nur die Seinen, sondern auch die Fremden umarmt hat. Wir lassen uns nicht von unserer Furcht leiten, sondern vom Vertrauen in den Geist Jesu, der Menschen und Völker miteinander im Frieden verbindet.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

Musik dieser Sendung: Alle Musiken und Atmos sind Mitschnitte von Gemeindeveranstaltungen der GMIM und mit deren Einverständnis aufgenommen.