Herrscher des Himmels

Der ESA-Chef und Reformationsbotschafter Jan Wörner

Bild: ESA

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Auf der Liste seiner nächsten größeren Vorhaben steht der Bau eines Space-Dorfes auf dem Mond. Das ist schon eine wissenschaftliche und technische Herausforderung, aber letztlich bloß ein Zwischenschritt. Eine Übungsmission, quasi. Denn dann kommt auf der Liste der größeren Vorhaben des Mannes der bemannte Flug zum Mars. Das ist kein Science Fiction, es geht um Wissenschaft, Fakten, das Machbare. Johann Dietrich Wörner, der sich selbst Jan nennt, ist kein Autor, kein Filmproduzent – er ist studierter Bauingenieur und seit 2015 der Chef der ESA, der Europäischen Weltraumagentur. Außerdem ist er einer von mehreren Reformationsbotschaftern der evangelischen Kirche, die im fünfhundertsten Jahr der Reformation zeigen sollen, was das Ereignis bis heute bedeutet. Er tut dies, weil er sich selbst als gläubigen, evangelischen Menschen sieht.

 

„Ich bin evangelisch, weil mich meine Eltern erstmal evangelisch getauft und konfirmiert haben. Ich bin aber auch evangelisch, weil ich mich heute mit der Kirche auseinandersetze und die evangelische Kirche auch basierend auf der Reformation für eine Grundlage ist auch für mein tägliches Leben, für meine Entscheidungen – eben immer wieder daran zu denken: Was können wir tun, was können wir für die Gesellschaft tun, was können wir auch für unser so genanntes Seelenheil tun.“

 

Wie versteht Jan Wörner, dessen Job es ist, ein Dorf auf dem Mond zu bauen und einen Menschen zum Mars zu fliegen, die Reformation, sein Evangelisch-sein?

 

 

Wie kann ein Wissenschaftler, ein Naturwissenschaftler zumal, an Gott glauben? Viele verstehen das heute nicht mehr. Viele haben die Frage, was ein Mensch denn ist, für sich so beantwortet: Er ist eine komplexe Kohlenstoffverbindung. Fertig. Wer sich an die Fakten hält, die unsere Forschung bis heute herausgefunden hat, kann nicht mehr glauben. Dieser Überzeugung sind viele. Jan Wörner widerspricht:

 

„Ja, da gibt’s ja auch ein berühmtes Zitat von Gagarin, dem ersten russischen Kosmonauten, der gesagt hat: ‚Ich bin jetzt da hoch geflogen, ich hab mich umgeguckt – aber ich habe Gott nicht gesehen.‘ Das hängt wieder damit zusammen, dass diese beiden Welten – Wissenschaft und Glauben – in unzulässiger Weise ineinander zusammengeführt werden. Also wenn ich mit Wissenschaft versuche, Glauben zu erklären, dann komme ich immer dahin, dass ich sage: „Glaube ist all das, was ich nicht beschreiben kann“. Das ist mit zu wenig. Glaube ist mehr. (…) Und ich würde deshalb Gott auch nicht an einer Stelle suchen, sondern wenn ich ihn suche, dann in mir selbst. Aber ich brauch ihn nicht zu suchen, ich weiß er ist da.“

 

Natürlich – in der Bibel gibt es Texte, die durchaus naturwissenschaftlich gemeint waren, als sie vor Jahrtausenden verfasst wurden. Sie führen selbst Wissenschaft und Glauben – wie Jan Wörner es nennt – „unzulässig zusammen“. Wir heute wissen, dass die Welt nicht so entstanden ist, wie es die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt. Schon dass es am Anfang der Bibel gleich zwei recht unterschiedliche Berichte gibt, die so ohne weiteres nicht zusammen passen, lässt erahnen: Auch die Menschen früherer Zeiten wussten, dass eine mythische Erzählung und eine genaue Beobachtung der Natur zwei verschiedene Dinge sind. Und wir wissen weiter: In der Erzählung der Erschaffung der Welt in sechs Tagen geht es vor allem darum, den Schabbat einzuführen, den siebten Tag, an dem selbst Gott nach getaner Arbeit eine schöne Pause macht. Bis heute der Ruhetag nach einer Arbeitswoche, den das Christentum als Sonntag (aus der jüdischen Tradition) übernommen hat. Lange haben die Kirchen aber die Bibel wörtlich genommen – und gegen jeden Zweifel verteidigt. Zu unrecht. Dass in der Folge viele finden, Wissenschaft und Glaube passen nicht zusammen, kann Jan Wörner einerseits nachvollziehen. Für falsch hält er die Kritik trotzdem – beim Glauben geht’s um Werte, bei der Wissenschaft um Messwerte:

 

„Für mich sind Gauben und Wissen zwei ganz unterschiedliche Sachen. Das Tolle ist, dass wir das in einem Gehirn verbinden können – ohne Widerspruch. Wissen ist etwas, was dem Menschen innewohnt. Nämlich Neugier, Dinge zu verstehen, zu beschreiben, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, weiterzugeben. Das ist für mich Wissen – und Wissenschaft. Und das andere ist Glauben. Und das ist eben eine Positionierung. Die hängt zusammen mit Wertegerüsten, mit Vertrauen, mit all diesen Begrifflichkeiten. Und das Schöne ist, finde ich, wenn man beide Begriffe in seinem Kopf hat, dann kann man sie verbinden und sie gegenseitig nutzen.“

 

 

Die Wissenschaft auf der einen Seite – das Verstehen-wollen; der Glaube auf der anderen: Das Wertegerüst, Vertrauen – eines haben sie doch gemeinsam: Beide brauchen den Zweifel, die Neugier. Ist es richtig, was wir tun? Diese Frage kennt nicht der Glaube allein. Wörner findet, dass der Zweifel unterschätzt wird, ein viel zu schlechtes Image hat. Das Wort „Zweifel“ klingt nach Defizit, nach Mangelerscheinung.

 

„Wir haben so viel Dinge erfahren, ob das erst das geozentrische Weltbild war, dass die Erde im Mittelpunkt ist – und dann das heliozentrische, dass plötzlich die Sonne im Mittelpunkt ist, und mittlerweile wissen wir, dass das auch nicht der Fall ist. Es gibt allenfalls einen Mittelpunkt – nach unseren Vorstellungen -, wo der Urknall stattgefunden hat. Das ist der einzige Mittelpunkt, den wir uns im Moment noch vorstellen können. Aber auch das würde ich sagen: Wart’ mer mal ab! Zweifel positiv verstanden ist Zweifel eine Triebfeder für Wissenschaft. Zweifel und Neugier, die gehören irgendwie zusammen.“

 

Der Zweifel ist der Motor für gute Ideen, Fortschritte, Veränderung. Oder – um einen Begriff aus der Kirchen- und Glaubenswelt zu nutzen: Für Umkehr. Aber genau die ist eine Grund-Forderung, die die Bibel öfter stellt: „Dein Fehlverhalten der Vergangenheit ist dir vergeben, aber mach den Fehler nicht nochmal!“ – Wer nicht den geringsten Zweifel hat, dass das, was er oder sie tut auch falsch sein könnte, kann nichts ändern, nichts verbessern. Und über den Zweifel hinaus braucht es dann auch die Freiheit des Denkens, um Dinge besser und neu zu machen. Martin Luther hat die Welt seiner Zeit mit Gedanken zum Wanken gebracht. Allen voran mit dem Gedanken der Freiheit des Einzelnen:

 

„Wir brauchen Freiheit im Denken. Das ist ein entscheidender Punkt. Dem Denken sollten überhaupt keine Grenzen gesetzt werden. Und wenn wir Raumfahrt machen, dann machen wir das natürlich ein Stück weit direkt – also – indem wir auch direkt örtlich die Grenzen überwinden. Aber auch da ist für mich der Begriff weiter zu fassen. Die Freiheit im Denken bedeutet für mich wirklich, dass wir jedem Menschen das Recht geben, frei zu denken, was immer er oder sie will.“

 

 

Die Gedanken sind frei – jeder Mensch hat das Recht, denken zu dürfen, was er will. So formuliert es Jan Wörner und bezieht sich dabei auf den Reformator Martin Luther. Freiheit, Möglichkeiten, Flexibilität: Das alles hat der ESA-Chef selbst durchlebt. Seit dem 1. Juli 2015 ist Wörner ESA-Generaldirektor. Von 2007 bis 2015 war er Vorsitzender des Vorstands des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Geboren wurde er 1954 in Kassel; er studierte Bauingenieurwesens an der Technischen Universität Berlin und der Technischen Hochschule Darmstadt, wo er 1985 promovierte. Aber er hätte noch andere Pläne gehabt: Er hätte auch Pfarrer werden können.

 

„Tatsächlich habe ich drei Berufe überlegt. Das eine war Pfarrer. Das war sehr ernst und überzeugt auch. Das zweite war Arzt. Und das dritte war Ingenieur. Ich hab mich dann fürs dritte entschieden. Und kann aber immer noch ein Stück weit meine Glaubensüberzeugung mit anderen teilen. Insofern ist es nicht so, dass ich den ersten Teil vollkommen abgegeben habe.“

 

Statt im Talar Gottesdienste zu feiern, ist er also nun Chef der Organisation, deren Ziel es ist, mittelfristig erst zum Mond und dann zum Mars zu fliegen. 2013 beschäftigte die ESA rund 2.250 hochqualifizierte Mitarbeiter – Wissenschaftler, Ingenieure, IT-Spezialisten und Verwaltungsangestellte. Wie kann ein Mann mit so vielen Mitarbeitern und diesen Aufgaben seine christlichen Überzeugungen nutzen? Wie passt die lutherische Freiheit des Einzelnen in das tägliche ESA-Geschäft? Wörner nutzt einen musikalischen Vergleich:

 

„Wenn Sie ein Musikstück herstellen wollen, wie ging das in der Vergangenheit? Sie haben einen Komponisten gehabt, der hat ein tolles Stück niedergeschrieben, dann brauchten Sie ein Orchester und einen Dirigenten. Und dann musste das Orchester schön dem Dirigenten folgen. Am Schluss kam tolle Musik raus. Hat funktioniert, funktioniert auch heute noch! Aber es gibt mittlerweile auch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel bei Jazz die Jam-Session, bei der die verschiedenen Spieler sich während des Spielens einbringen und das Stück überhaupt erst kreieren – erst entwickeln. Deswegen habe ich dieses Instrument auch in die ESA übertragen und gesagt: ‚Wir führen Jam-Sessions durch!’“

 

Jeder bringt sich ein, jede Meinung zählt, jeder fügt seinen Teil hinzu – aus eigenen freien, Gedanken. Für Jan Wörner ist das Menschenbild der Reformation bis heute aktuell. Das Menschenbild des Mittelalters hat jeden in die Gesellschaft eingeordnet, einen Platz zugewiesen – und der war genauso gottgegeben wie meistens unveränderlich. In Renaissance und Reformation wird plötzlich die Freiheit des Einzelnen betont. Wenn Martin Luther sich fragt „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ ist das ich in dem Satz bemerkenswert. Denn es meint jeden einzelnen Menschen. Jede Frau und jeder Mann hat ein eigenes Verhältnis zu Gott – und ist auch selbst dafür verantwortlich. Aus Befehl und Gehorsam wird plötzlich Selbstbestimmung. Heute hat diese reformatorische Freiheit den Namen Partizipation – Teilhabe – bekommen – und ohne Partizipation kann sich weder seine ESA noch unsere Gesellschaft gut in die Zukunft entwickeln. Davon ist Wörner überzeugt.

 

 

Martin Luther hat vor 500 Jahren die Freiheit des Christenmenschen wieder entdeckt – konnte selbst aber unglaublich stur sein. Kompromisse: Nicht wirklich Luthers Sache. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!“ – das soll Luther gesagt haben, als er sich in Worms vor dem Kaiser für seine Thesen rechtfertigen musste. Historisch verbürgt ist das nicht. Wahrscheinlich hat Luther etwas anderes gesagt; was aber inhaltlich an den bekannten Spruch herankommt. Wie bekommt der Reformationsbotschafter und ESA Chef Jan Wörner Standhaftigkeit und Prinzipientreue mit der großen Freiheit zusammen, die er sich wünscht. Statt Raumfahrt-Dirigent zu sein, sieht er sich schließlich als Spieler bei einer Jam-Session!

 

„Ich glaube, Standhaftigkeit kann schnell missverstanden werden. Wenn der Gesichtskreis zu einem Standpunkt verändert, dann hat der Kreis den Radius 0. Und das ist ein schlechtes Bild. Natürlich sollte man Werte haben, da stehe ich ganz fest dafür ein, und diese Werte können nicht durch Kompromisse überfahren werden, das akzeptiere ich nicht. Auf der anderen Seite aber bei Meinungen, die man hat, die kann ich natürlich sehr gut auch in eine Diskussion einbringen und dann auch meine Meinung ändern. Das finde ich, ist nicht nur legitim. Das ist eine Voraussetzung für Gesellschaft.“

 

Sich die Freiheit zu nehmen, auch mal eine Meinung zu ändern, Dinge und auch sich selbst zu korrigieren. Statt eines Standpunktes einen Gesichtskreis haben – das passt zu einem Mann der Raumfahrt, der weiß, dass hinter jedem Horizont, der überflogen wird, ein neuer Horizont wartet. Und der zu ganz neuen Horizonten aufbrechen will: Die nächste ISS-Mission, bei der der deutsche Astronaut Alexander Gerst als Kommandant ins All zur Raumstation fliegt, heißt „horizons“. Und die Horizonte, die noch kommen werden, sind noch viel aufregender: Wird tatsächlich ein Mensch den Mars betreten? – Was wirklich in den Sternen steht: Sicher wird nicht die ganze Menschheit auf den Nachbarplaneten ausweichen können, falls die Erde für Menschen unbewohnbar wird. Naturwissenschaftlich betrachtet ist der Weltuntergang bloß eine Frage der Zeit:

 

„Ja: Die Welt wird ja untergehen. Wir wissen genau, dass die Erde hier kein ewiges Leben haben wird. Sie wird untergehen. Aber deshalb jetzt nichts mehr zu machen wäre verkehrt. Vollkommen verkehrt! Wir haben ein Leben auf der Erde, wir können die Erde gestalten, wir können die Erde schützen, auch vor einem früheren Ende. Insofern ist das für mich auch so ein Grundsatz, dass wir uns immer einsetzen für unsere Umwelt, für unsere Welt, für unsere Gesellschaft und uns nicht von irgendwelchen Stimmungsmachern schon den Mut nehmen lassen.“

 

Auch damit ist Jan Wörner ganz bei einem Satz, der dem Reformator Martin Luther häufig zugeschrieben wird: Wenn morgen die Welt unterginge, würde er heute noch einen Apfelbaum pflanzen. Luther musste mit ansehen, wie aus seinen Ideen ein Bauernkrieg entstand, wie die Täuferbewegung in Münster ein revolutionäres Schreckensregiment einführte – das alles hatte er selbst nicht gewollt. Diese Dinge machten ihm zu schaffen. Bei seinen guten, reformatorischen Thesen ist er aber zeitlebens geblieben. In schwierigen Zeiten die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich doch noch etwas verbessern lässt. Dranbleiben und dafür arbeiten. Die reformatorische Botschaft von großer Freiheit und einer Hoffnung, die nichts umwirft – für die steht Jan Wörner im 500sten Jahr der Reformation als Reformationsbotschafter der evangelischen Kirche ein. Und als ESA Chef sowieso jeden Tag.

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02.07.2017 07:05