Luthers Thesenanschlag

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Was ist eigentlich Buße? Was rettet wirklich aus Verzweiflung? Mit diesen Fragen hat Martin Luther lange gerungen und in der Bibel geforscht. Im Oktober 1517 ist die Zeit reif für seine 95 Thesen.

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„Ich bin mit mir im Reinen“, sagt die alte Dame. Sie hat gerade einen runden Geburtstag gefeiert und erzählt: „Bis vor kurzem habe ich noch nicht ans Sterben gedacht. Aber so langsam wird es wohl Zeit, dass ich mich damit auseinandersetze.“ Sie schaut zurück auf die Jahre, die sie erlebt hat. Ihr Lebensgefühl heute: „Ich spüre eine große Zufriedenheit in meinem Herzen. Alles ist gut so, wie es war und ist.“ Ich bin beeindruckt, wenn man so dem Ende seines Lebens entgegensehen kann. Aber was, wenn es anders ist? Wenn die Bilanz bitter ausfällt und mich in meinen letzten Stunden vor dem Tod vieles quält? Das, was ich versäumt habe. Ein schwerer Fehler, den ich nicht mehr gut machen kann. Menschen, denen ich etwas schuldig geblieben bin. Was ist, wenn ich mit dem Gefühl sterbe: Ich habe mein Leben vertan. Ich stehe mit leeren Händen da. So ging es dem jungen Martin Luther. Er hatte eine Höllenangst davor, nicht nur in diesem Leben zu scheitern. Noch mehr fürchtete er sich davor, wie er nach dem Tod vor Gott Gnade finden kann. Luther zog ständig erbarmungslos Bilanz und analysierte sich selbst: Alles, was ich tue, und seien es noch so fromme, gute Werke, tue ich doch nur aus Eigennutz. Ich faste und bete bis zum Umfallen, aber nicht, weil ich Gott liebe, sondern weil ich Angst um mich selber habe. Ich beichte meine Sünden und tue Buße. Aber was ist meine Reue wert, wenn ich sie nur aus Furcht vor Gottes Strafe zeige? Ich bin nach der Buße kein besserer Mensch. Ich gebe Almosen für Arme, aber nicht aus reiner Nächstenliebe. Ich will Gott damit zeigen: Schau, was ich Gutes tue. Bitte verdamme mich nicht! Es geht immer nur um mich. Das ist ein Teufelskreis, aus dem ich nicht herauskomme und der mich in die Hölle bringt. Diese Verzweiflung erlebt Luther wie ein Fegefeuer auf Erden. Seit über zehn Jahren sucht er als Mönch im Kloster und als Bibelprofessor eine Antwort auf seine Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

Die Kirche damals bietet ein ganz einfaches Mittel zur Erlösung an. Ablassbriefe. Der damalige Papst Leo X. persönlich bestätigt mit Brief und Siegel, dass dem Käufer eines Ablassbriefes die Strafen für seine Sünden erlassen sind. Seelenheil soll man also kaufen können. Geld und ein Stück Papier sollen vor der Verdammnis retten? Das kann es nicht sein! Luther hat lange damit gerungen und in der Bibel geforscht: Was rettet wirklich aus Verzweiflung? Was ist Buße eigentlich? 1517 ist die Zeit reif. Luther schreibt seine 95 Thesen.

 

„Er stieg mit einem Hammer in der Hand und einigen Nägeln in den tiefen Taschen seiner wegen des spätherbstlichen Windes flatternden Kutte die wenigen Stufen zum Tor der Schlosskirche zu Wittenberg hinan, entrollte eine längere Papierbahn und nagelte diese mit wenigen, kräftigen, in der Kirche lange nachhallenden Schlägen an das Holz des Schlosskirchentors.“[i]

 

So erzählt der Schriftsteller Herbert Rosendorfer, wie Martin Luther am 31. Oktober seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen haben soll. Das war 1517, vor fünfhundert Jahren und wird dieses Jahr groß gefeiert. Mit seinen Hammerschlägen hat Luther die damalige Kirche erschüttert und die Welt verändert. Nun, ganz so dramatisch mit Hammer und Nägeln war der Anschlag der 95 Thesen wahrscheinlich nicht. Vermutlich war es nicht Luther selbst, der das Plakat mit den Thesen an der Kirchentür angebracht hat, sondern der Hausmeister der Universität. Das war damals so üblich. Wenn ein Professor, wie Martin Luther einer war, über ein Thema diskutieren wollte, ließ er einen Aushang an den Kirchentüren der Stadt machen. Üblicherweise wurde eine solche Einladung zur Diskussion nicht angenagelt, sondern mit Siegelwachs angeheftet. Doch ob mit Wachs geheftet oder mit einem Hammer angeschlagen – die Thesen waren in der Welt. Luther ließ sie drucken. Sie verbreiteten sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land. Sie machten den 34-jährigen Augustinermönch und Bibelprofessor Martin Luther über Nacht berühmt. Er hat einen Nerv der Zeit getroffen. Was steht in seinen 95 Thesen, das die Leute so gepackt hat?

 

Martin Luther fängt seine 95 Thesen steil an. Die erste heißt:

 

Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.[ii]

 

Lebenslang büßen. Das klingt wenig attraktiv. Doch die Leute damals hat das Thema schwer umgetrieben. Viele waren in ihrem Lebensgefühl verunsichert. Die Angst ging um: Wenn morgen alles vorbei ist, wie stehe ich dann vor Gott? Was kann ich tun, damit ich nicht in der Hölle lande? Die damalige Kirche machte als Mittel gegen die Angst ein Angebot, dem man kaum widerstehen konnte. Wer seine Sünden bereut und beichtet, kann von der Kirche Ablass bekommen und sich schon in diesem Leben vor den Qualen des Fegefeuers retten. Das war im Kern eine tröstliche Lehre. Aber die damalige Kirche hatte ein Geschäftsmodell daraus gemacht. Sie hatte ein ausgeklügeltes Tarifsystem entwickelt, wie man sich von seinen Sündenstrafen freikaufen kann. Die Kirche verkaufte das Versprechen auf Seelenheil und finanzierte mit dem Geld zum Beispiel den Bau des Petersdoms in Rom. Die Kirche agierte  frühkapitalistisch nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Mach den Leuten Angst vor dem Fegefeuer. Heiz so die Nachfrage an und mach dann ein Angebot, das du geschickt vermarktest. Das nennt man Ablasshandel. Die Kirche damals machte eine Kampagne daraus. Sie schickte Prediger ins Land. Die erzählten mit feurigen Worten ihren Zuhörern, wie grausam sie im Fegefeuer leiden werden. So versetzten sie die Leute in Angst und Schrecken und machten sie zu willigen Käufern von Ablassbriefen. Mit dem Siegel des Papstes bescheinigte ein Ablassbrief dem Kunden, dass er von zeitlichen Strafen für seine Sünden befreit war. Man konnte sogar Ablassbriefe für bereits verstorbene Angehörige kaufen. Wer also seine tote Großmutter oder den verstorbenen Patenonkel liebhatte, konnte etwas tun, damit die es im Jenseits vermeintlich besser haben.

Nach Wittenberg selber kommt kein Ablassprediger. Aber Martin Luther hört, was Johannes Tetzel, ein besonders erfolgreicher Verkäufer von Ablassbriefen, in der Umgebung verbreitet. Die Leute in den Wirtshäusern reden darüber. Luther schreibt in seinen 95 Thesen, was ihm über den Ablasshandel zu Ohren gekommen ist.

 

These 27: Lug und Trug predigen diejenigen, die sagen, die Seele erhebe sich aus dem Fegfeuer, sobald die Münze klingelnd in den Kasten fällt.

 

These 75: Zu glauben, die päpstlichen Ablässe seien derart, dass sie einen Menschen absolvieren könnten, selbst wenn er – gesetzt den unmöglichen Fall – die Gottesgebärerin vergewaltigt hätte, das ist verrückt sein.

 

Da stockt einem heute noch der Atem. Sogar die Kirchenfürsten damals merkten, dass sich ihre Ablassprediger mit solchen Sätzen verstiegen hatten und schlimmen Schaden anrichteten. Seelenheil für bare Münze. Sich gegen Geld von seinen Sünden freikaufen. Absolution für die schlimmsten Verbrechen – nur eine Frage des Preises. Das zerstört, worum es beim christlichen Glauben geht: um die Beziehung jedes einzelnen Menschen zu Gott. Die ist unverkäuflich. Not for sale. Kein Mensch darf sich an die Stelle Gottes setzen und mit falschen Versprechen den Himmel verkaufen. Die Leute haben gespürt, dass der Ablasshandel Religion zu einem schmutzigen Geschäft macht. Er nutzt die Angst vor der Hölle und die Sehnsucht nach dem Himmel aus. Darum haben Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel so eingeschlagen. Luther kritisiert nicht nur die Praxis seiner Kirche scharf. Er beschreibt in den 95 Thesen auch, was gegen die Verzweiflung und Angst hilft, was wirklich selig macht.

 

Für Martin Luther war klar: Ich kann noch so sehr versuchen, ein guter Mensch zu sein. Ich werde immer wieder daran scheitern. Ob ich in den Himmel oder in die Hölle komme - wenn das davon abhängt, was ich selber leiste, dann bin ich verloren. Jahrelang ist er darüber verzweifelt. Bis er entdeckt: Ich kann mich selber nicht erlösen. Ich soll es auch gar nicht. Mich macht nicht selig, was ich selber Gutes tue, sondern was Gott Gutes für mich tut. Für Martin Luther war das eine unendliche Erlösung, die ihn innerlich befreit hat. Meine Seligkeit hängt Gott sei Dank nicht von mir ab. Ja, ich stehe vor Gott mit leeren Händen. Vor Gott muss ich nichts beweisen und nichts darstellen. Vor Gott stehe ich, so wie ich bin.

Wozu müssen wir dann noch büßen, wenn wir doch gar nichts tun können und Gott allein uns aus unserem Teufelskreis befreit? In der ersten seiner 95 Thesen schreibt Luther: Christus will, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei. Buße besteht für Martin Luther aus zwei Schritten. Der erste Schritt ist die Reue darüber, was ich getan habe, zu welchen Gedanken, Gefühlen und zu welchem Verhalten ich fähig bin. Reue ist das Erschrecken darüber: Das habe ich getan. Es gehört zu mir. So bin ich also. Aber so will ich nicht sein. Luther ist dabei schonungslos ehrlich mit sich selbst. Er versucht, sich nicht selbst zu belügen. Er ergründet, was und warum er etwas getan oder gelassen hat. Luther nennt die Buße ein Zwiegespräch des Gewissens mit Christus im stillen Kämmerlein. Es gibt einen Bereich, der gehört allein mir und meinem Gott. Vor Gott kann ich aussprechen, was ich keinem anderen sagen würde. Buße meint: Ich muss mich nicht verstellen. Keine Ausreden und Ausflüchte, kein Verschieben und Vertagen. Vor Gott muss ich meine Schuld nicht verstecken und auch nicht das, was mich tief im Herzen kränkt. Buße ist ein Raum der inneren Freiheit, in dem ich mich Gott zeigen kann, wie ich bin. Sie bedeutet Freiheit, weil Gott ein gnädiges Gegenüber ist. Er verdammt mich nicht, egal wie ich zu ihm komme. Das ist der zweite Schritt der Buße: das Vertrauen darauf, dass Gott mich freundlich aufnimmt und bedingungslos liebt. Das gilt immer. Diese Chance kann ich jeden Tag ergreifen. Darum schreibt Luther: Das ganze Leben der Glaubenden sei Buße.

Für Luther führt Buße zu einem „fröhlichen, friedlichen Herz“. Das ist viel, wenn ich daran denke, wie mein Herz vor Angst rasen kann oder wie mich Ungelöstes in meiner Seele blockiert. Es befreit, wenn ich spüre, dass mein Herz wieder fröhlich und friedlich schlägt. Wie komme ich da dauerhaft hin? Verfalle ich nicht immer wieder in die alten Ängste und mache dieselben Fehler immer wieder? Kann ein Mensch sich überhaupt ändern und bessern?

 

Buße kommt von Besserung. Sie setzt voraus: Wir können uns und unser Verhalten zum Besseren verändern. Wie das geht, dafür gibt es heute jede Menge Tipps und Ratschläge. Mehr Sport machen. Weniger Fleisch, mehr Gemüse essen. Bevor ich aus der Haut fahre, fünf Mal durchatmen. Den Mut haben, auch mal Nein zu sagen.

Das sind wirklich gute Tipps. Solche Ratschläge zur Selbstoptimierung gab es  auch zur Zeit Luthers. Sie sahen ein bisschen anders aus: Bete, faste, gib Almosen, und wenn du ganz konsequent sein willst, geh ins Kloster. Das hat Luther alles gemacht.

Er hat dabei aber gemerkt: Das hilft ihm alles nichts. Wenn er nicht tief in sich darauf vertraut: Ich bin von Gott geliebt, so wie ich bin. Das ist der Boden, auf dem ich stehe. Von da aus kann ich mich munter und fröhlich verändern. Luther hält fest: Ein Mensch kann sich bessern, wenn er sein Verhalten ändert. In seinen 95 Thesen schreibt Luther:

 

„These 44: Durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe, und der Mensch wird besser.“

 

Der gute Vorsatz allein „Man sollte mal“ ändert nichts. Oft kommt die Wende zum Besseren, wenn ich anfange und etwas tue. Die Werke der Liebe sind in Luthers 95 Thesen: den Armen geben, einen Bedürftigen sehen und sich um ihn kümmern.[iii] Es geht um den Blick über mich selbst hinaus, um die Aufmerksamkeit für andere. Also: Gutes tun kann einen Menschen bessern. Auf der anderen Seite ist Luther Realist. Es bleibt ein lebenslanger Prozess, ein besserer Mensch zu werden. Es gibt nicht den Status, auf dem ich sagen kann: Jetzt habe ich es geschafft. Jetzt stehe ich gut da vor den anderen und vor Gott. Ich kann mich entwickeln, ich kann innerlich wachsen. Aber ich werde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen. Martin Luther nannte das den „alten Adam“ und die alte Eva, von denen wir uns nicht aus eigener Kraft befreien können. Perfekt werden wir nicht werden, und zu Heiligen können wir uns nicht selber machen. Für Martin Luther ist das kein Grund zur Verzweiflung. Denn es gibt Besseres als Perfektion. Martin Luther nennt es die Gnade Gottes. Das ist die Entdeckung: Ich muss mich nicht abstrampeln, verrenken und verkrampfen, damit ich etwas vorweisen kann und Gott freundlich auf mich schaut. Ich kann den Sinn meines Lebens nicht selber herstellen. Dafür ist viel zu brüchig, was ich mir an Lebenssinn zusammenschustere. Ob es Erfolg ist oder Liebe und Familie, Begabung oder Besitz, Ansehen und Aussehen, ich habe es nicht in der Hand, ob das hält und mich ein Leben lang trägt. Darüber könnte ich resignieren und daran verzweifeln. Luther tut es nicht. Er vertraut umso stärker darauf: Gott gibt meinem Leben Grund und Halt. Die Erfüllung des Lebens, was mich befreit und selig macht, hängt nicht von mir ab, sondern kommt ganz allein von Gott. Wenn ich nicht krampfhaft an meinem Ego klammere, werden meine Hände zwar leer, aber auch offen und frei. Das Vertrauen auf Gott ist keine Garantie auf Glück. Luther sagt das sperrig und unbequem in den letzten beiden seiner 95 Thesen:

 

These 94: Man muss die Christen ermutigen, darauf bedacht zu sein, dass sie ihrem Haupt Christus durch Leiden, Tod und Hölle nachfolgen.

These 95: Und so dürfen sie darauf vertrauen, eher durch viele Trübsale hindurch in den Himmel einzugehen als durch die Sicherheit eines Friedens.

 

Es ist kein religiöses Wohlfühl-Programm, das Martin Luther in seinen 95 Thesen beschreibt. Aber es ist realistisch. Ich kann versuchen, die Welt um mich herum besser und freundlicher zu machen. „Trübsal, Leiden und Tod“ - so würde Luther das sagen - bleiben trotzdem nicht aus. Wir schaffen nicht den Himmel auf Erden. Ich kann ein Leben lang daran arbeiten, mich zu bessern, und werde doch immer wieder scheitern. Was ist die Konsequenz? Die Hände in den Schoß legen und resignieren? Nein! Luther ermutigt. Er schreibt einmal an einen Freund auf Latein: „Pecca fortiter!“ Sündige tapfer! Du bist Mensch und nicht Gott. Gott sollst du auch gar nicht sein, sondern jeden Tag neu dein Bestes geben. Also, sündige tapfer! Und dann kommt bei Luther ein wichtiger zweiter Satz: „Sed fortius fide!“ Aber vertraue noch tapferer auf Christus. Damit meint Luther: Du musst dich nicht durch Bußübungen oder Besserungsprogramme selbst erlösen. Dein Herz wird friedlich und fröhlich, wenn du darauf vertraust, dass Gott dich so annimmt, wie du bist. Und dann: Bessere dich munter drauflos!

 

 

 

Luthers 95 Thesen zum Nachlesen unter https://www.ekd.de/glauben/95_thesen.html

 

[i] Herbert Rosendorfer, Deutsche Geschichte. Ein Versuch. Vom Morgendämmern der Neuzeit bis zu den Bauernkriegen, 3. Band, München, 2004.

[ii] Aus der lateinischen Fassung „Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum“ ins Deutsche übersetzt von Johannes Schilling und Reinhard Schwarz. Quelle Martin Luther: Lateinisch-Deutsche Studienausgabe. Band 2: Christusglaube und Rechtfertigung. Hrsg. und eingeleitet von Johannes Schilling. Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2006. Abrufbar auf www.ekd.de

[iii] These 43 und 45

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