Danke, Mister Trump!

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„Auf andere können wir uns nicht mehr völlig verlassen.“ So hat es Angela Merkel erlebt, beim G7-Gipfel, bei der Begegnung mit dem amerikanischen Präsidenten. Das ließ sich kaum mehr leugnen. Nun ist es ausgesprochen.

 

Lange haben wir Deutschen uns auf Amerika verlassen. Der 8. Mai wurde vom Tag der deutschen Kapitulation zum Symboltag der Befreiung von nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, von Völkermord und Krieg. Die Westdeutschen verdanken ihre Freiheit den Amerikanern. Und bald nach Kriegsende begann die Freundschaft mit Amerika.

 

Zur Herzensangelegenheit wurde sie spätestens mit John F. Kennedy. Den Bau der Berliner Mauer, die Sorge vor einer erneuten Blockade West-Berlins konterte der damalige US-Präsident mit den Worten: „Ich bin ain Berliner!“ Das ging zu Herzen – und war vermutlich von Herzen gesprochen, gleichzeitig mit politischem Kalkül und im Bewusstsein der Konsequenzen. Diese Worte und die Verbundenheit mit Amerika stehen fest.

 

„Und jetzt,“ sagt Angela Merkel, „müssen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.“ Belastet ist das Verhältnis mit den Amerikanern schon länger, spätestens seit der NSA-Affäre und Edward Snowden. Eine Symbolfigur für Amerika wie Kennedy ist der gewählte amerikanische Präsident nicht. Er steht vor allem für sich selbst, mächtig und kaum berechenbar.

 

Deshalb halte ich es für vernünftig, unser europäisches Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Aber wie? Und ohne Überheblichkeit? In den Weisheitssprüchen der Bibel findet sich ein Satz, der mich zum Widerspruch reizt: Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand.

 

Jeder politische Kommentator wird im Gegenteil mehr Verstand fordern, eine berechenbare politische Vernunft! Gerade weil der amerikanische Präsident das so sehr vermissen lässt.

 

Die Bibel sagt: Das Herz ist größer als der Verstand. Das Herz ist der Ort, wo die richtigen Urteile gefunden werden. Die Vernunft des Herzens sagt: Wenn du eine andere Religion unter Generalverdacht stellst, vergrößerst du die Zahl deiner Feinde. Suche Verbündete, suche Partner, bilde Netzwerke des Friedens.

 

Kalte Logik dagegen sagt: Krieg dem Terror. So lautet der Reflex, wann immer Selbstmordattentäter unschuldige Menschen morden, wie zuletzt in Kabul und Manchester.

 

Aber anders als vor über 70 Jahren befinden wir uns nicht in einem Krieg, auch wenn manche nicht müde werden, uns das einzureden. Es klingt logisch, dem Terror zu drohen, gegen den Terror in den Krieg zu ziehen. Ich fürchte das Gegenteil: Wir adeln die Terroristen als Feind, lassen uns von ihnen die Art der Auseinandersetzung diktieren. Ich bin für Prävention und das Bemühen um mehr Sicherheit. Aber nicht alles, was kalter Verstand diktiert, ist gut. Das ist gemeint mit der biblischen Warnung, sich nicht allein auf den Verstand zu verlassen. Europa muss sich entscheiden, ob es wie der Mann in Washington dem Terror mit Mauern und Waffengewalt begegnen will.

 

Europäische Vernunft geht anders: Als Angela Merkel zuließ, dass Flüchtlinge mehr oder weniger geordnet eine Zeitlang ins Land kommen konnten, war das auch eine Demonstration, für welche Werte Europa steht. Vermutlich von Herzen, gleichzeitig mit politischem Kalkül und womöglich im Bewusstsein der Konsequenzen – die ein starkes und verbundenes Europa tragen kann.

 

Das Herz ist für mich der Ort der Vernunft, wo die Entscheidungen getroffen werden, die über kurzsichtige Interessenpolitik hinausgehen. Es könnte etwas Gutes haben, dass uns Europa mit seinen Werten wichtiger wird als die Nähe zu Amerika. Als Christ kann ich mich auf Gott verlassen – und Vertrauen lernen für die politische Alltagsarbeit in Europa, mit der wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wenn es das ist, was uns Europäern der G7-Gipfel gezeigt hat: Danke, Mister Trump.

 

Über Herz und Verstand können Sie mit mir bis 8.00 Uhr sprechen, unter 030 für Berlin und dann 325 321 344. Ich wiederhole: 030 325 321 344. Oder diskutieren Sie mit auf Facebook unter „deutschlandradio.evangelisch“.