Energie fürs gegenseitige Verstehen

Gedanken zur Woche

© K.Hofmann

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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Wenn Ender Cetin in die Klasse kommt, spitzen alle Kinder die Ohren: Die muslimischen, weil er eine Autorität ist, der sie vertrauen, ein Imam. Die andern, weil sie neugierig sind auf den Mann aus der Moschee, der so ganz normal auf deutsch mit ihnen redet. Er erklärt ihnen, dass das Wort Islam „Frieden“ bedeutet, worum es im Koran geht und was die Sunna sagt. Oft sagen dann auch die Lehrerinnen und Lehrer: Das haben wir gar nicht gewusst! Und sollte es in der Klasse ein paar Jungen geben, die es für ihr muslimisches Recht hielten, ungläubige Kinder zu verachten, Juden zu hassen, auf Mädchen herabzusehen – so haben sie es jetzt vor den Ohren aller andern zu hören bekommen: Sie sind keine guten Muslime, sondern bloß Rüpel, die gegen die Gebote ihrer Religion verstoßen. Aber sollten da auch Kinder sein, die meinten, es sei typisch für Muslime, wie diese Jungen sich verhielten, dann sind auch sie damit nun eines Besseren belehrt.

 

Ender Cetin kommt von der großen Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln. Schon seit Jahren geht er an die Schulen, bietet Workshops an, vermittelt in Konflikten auch mit muslimischen Eltern. Er ist nicht der einzige, der das macht – und auch nicht immer allein unterwegs. Öfter arbeitet er mit einem Rabbiner zusammen, manchmal auch mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer. Das macht natürlich erst recht Eindruck auf die Kinder, wenn sie erleben, dass die Repräsentanten der verschiedenen Religionen sich gut vertragen und zeigen können, wieviel sie doch auch gemeinsam haben – gemeinsam vor allem das Gebot der Achtung und Freundlichkeit gegenüber allen Mitmenschen, auch den Andersgläubigen.

 

So gibt es an Berliner Schulen eben nicht nur Probleme, sondern schon lange auch Lösungsansätze und Erfolge. Viele Lehrerinnen und Lehrer bemühen sich, konstruktiv mit den Herausforderungen und Konflikten umzugehen, die entstehen, wo Kinder sehr verschiedener Herkunft aufeinander treffen. Für alle Kinder ist die Schule ja ein Ort, an dem sie sich mit ihren eigenen Prägungen irgendwie behaupten wollen – oft auch gegeneinander. Zu meiner Zeit haben wir uns als evangelische Mädchen noch deutlich von den katholischen abgegrenzt. So war‘s leider – und da kann ich mir doch vorstellen, wieviel schwieriger das heute sein muss, wenn Kinder aus ganz verschiedenen Kulturen lernen müssen, tagtäglich miteinander auszukommen – und das in gegenseitigem Respekt. Tatsächlich lernen viele es in der Schule dann ja doch schneller als die Erwachsenen – dass sie ganz gut miteinander Spaß haben können – so verschieden, wie sie sind.

 

Schlimm ist es, wenn sie‘s nicht lernen. Wenn es zu Vorfällen kommt, wie sie jetzt an einer Berliner Grundschule bekannt geworden sind, wo muslimische Jungen andere Kinder als „Ungläubige“ bedroht und bedrängt haben. Zu Recht hat das ein allgemeines Erschrecken hervorgerufen, gut, denn so ist zu hoffen und zu erwarten, dass die interreligöse Bildung nun an allen Schulen mit Nachdruck auf die Tagesordnung kommt, dass immer mehr Moscheegemeinden sich für die Zusammenarbeit mit den Schulen öffnen und immer mehr Schulen diese Zusammenarbeit auch suchen.

 

Zu einfach machen wir es uns, wenn wir in der Empörung über das Fehlverhalten muslimischer Schüler meinen, nur sie würden zu Hause verächtliche Bemerkungen über die Andersgläubigen hören und zur Intoleranz erzogen. Da frage man sich doch, was in deutschstämmigen Familien am Küchentisch so alles über den Islam geredet wird. Auch da wird die Saat der Vorurteile wohl bedenkenlos immer weiter ausgestreut. Es ist nicht nur eine Aufgabe der Politik und der Institutionen, sich darum zu kümmern, dass die Kinder verschiedener Herkunft in gegenseitigem Respekt aufwachsen. Es ist auch eine Frage an uns selbst: Wie respektvoll, wie gut informiert reden wir denn an unsern Küchentischen über die jeweils Andern? Wie viel Energie und Phantasie setzen wir ein für das gegenseitige Verstehen?

 

Sie können da mitreden – auf Facebook unter „deutschlandradio.evangelisch“.

 

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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