„Berliner Lieder“

Rundfunkgottesdienst aus der Lindenkirche in Berlin-Wilmersdorf
Gottesdienst
Über die Sendung

„Berliner Lieder“- das ist eine Sammlung 77 moderner kirchlicher Songs, die aus der Gemeindearbeit mit Jugendlichen entstanden. Eine Mischung aus Jazz, Country, Folk und Pop. Lieder mit klaren und modernen Glaubenstexten für alle. Kirchenmusikdirektor Günter Brick komponierte die Berliner Lieder gemeinsam mit Pfarrer Olaf Trenn und Musiker Marc Kurepkat. Er wird den Rundfunkgottesdienst mit Organist David Schirmer musikalisch gestalten.

Es singt der Berliner Mädchenchor der Musikschule City-West und der Evangelischen Lindenkirche Berlin-Wilmersdorf unter der Leitung von Sabine Wüsthoff.

Die Predigt hält Pfarrern Bettina Schwietering-Evers.

Das Liederbuch „Berliner Lieder“ ist im Strube Verlag München erschienen und kostet 8,00 Euro.

 

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Predigt zum Nachlesen

Liebe Gemeinde,

wie ein Jubelpaar sitzen sie da am Sonntag Jubilate: Die zwei hier auf dem Brautgestühl.

 

Und angesichts dieser beiden muss ich es so sagen: wie ein Jubelpaar nach vielen Jahren, Jahrhunderten, ach, seit Ewigkeiten. Gott und Weisheit, ihr beiden, ihr haltet Händchen wie am ersten Tag und es scheint, als erwartet ihr heute von mir eine Ansprache zur Jubelhochzeit.

 

Dazu gehört die Festgemeinde, die hinter euch beiden sitzt. Ja, sie sieht nur eure Rücken, nicht das Angesicht. Sie glaubt euch zu kennen – ein Leben lang. Doch sooft sie sich ein festes Bild von euch macht, durchkreuzt ihr es und erscheint überraschend neu.

 

Gott und Weisheit: Als unzertrennlich habt ihr euch beschrieben, Höhen und Tiefen gemeinsam durchmessen, euch nie aus den Augen verloren, bliebt einander nahe, verbunden, treu. Und ich setze hinzu: Ihr habt die Lust aneinander nicht verloren, habt euch etwas Spielerisches und Leichtes bewahrt.

 

„Da haben sich zwei gefunden“, das war mein erster Eindruck von euch. Doch habt ihr mich eines Besseren, ja eines Größeren belehrt.

 

„Eigentlich waren wir schon immer zusammen, gewissermaßen von Anbeginn her“, so habt ihr es beschrieben. Als wäre da gar keine Zeit vor euch und ohne einander gewesen. Ich weiß, verliebte Paare sprechen so, als gäbe es sie nicht: Die Zeit vor dem ersten Kennenlernen, die Zeit vor dem zufälligen Berühren, einem ersten Kuss, dem ersten gemeinsamen Erwachen. Doch eure Liebesbeziehung klingt wie der allererste Anfang überhaupt:

 

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht.“

 

„Aber ja doch“, so scheint es euch ins Gesicht geschrieben, „genauso ist es: Wir haben einander gehabt – immer schon und vor dem Anfang der Welt.“

 

Gott und die Weisheit: Zwei, die beständig zusammen sind, die zusammen gehören und ohne einander gar nicht zu denken sind von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

 

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege,

ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.

Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her,

im Anfang, ehe die Erde war.

 

 

So singst du dein Lied, liebe Weisheit! Aufgeschrieben im Buch der Sprüche. Da steht es nun: Ein Hohelied auf die Liebe zwischen Gott, dem Herrn, und dir. Kraftvoll, vertrauensvoll, liebevoll.

 

Und ich spüre deinen Worten nach. Gott hat dich „eingesetzt“ von Ewigkeit her. Eingesetzt! und sofort frage ich: Als was? Als Herrscherin über Zeit und Ewigkeit, als intime Kennerin Gottes Wesens und Wirkens, als Kronzeugin für alles, was dann nach dir kam.

 

Oder er hat dich als Erbin eingesetzt, damit du die Schöpfung verwaltest, sobald er sich verbirgt: Du, die Weisheit, bist seine Repräsentantin, bist der Garant seines Willens, Stellvertreterin seiner Güte und Schöpfermacht; und – gnade uns Gott – du fehlst! Denn da, wo du fehlst, ist nichts Göttliches mehr, das wirkt. Welt ohne Weisheit – gottlose Welt, Welt ohne Gleichgewicht, aus den Fugen geraten, von Torheit und Willkür regiert.

 

Liebe Gemeinde, mir fehlt Frau Weisheit. Ich habe gelesen, dass es möglich ist, auf den Niedergang eines Unternehmens zu wetten. Und je tiefer der Sturz des Unternehmens, desto höher ist dann der erzielte Betrag an der Börse. Jemand setzt Geld ein und hofft darauf, dass ein anderer seines verliert. Welt ohne Weisheit – gottlose Welt.

 

Ich habe gehört, dass es wahrscheinlich ist, dass jemand die Mannschaft eines Fußballvereins töten wollte, um einen massiven Kurssturz der Vereins-Aktie herbeizusprengen. Welt ohne Gleichgewicht, aus den Fugen geraten.

 

Ich habe gehört, dass Menschen Attentate begehen, um sie anderen Menschen in die Schuhe zu schieben. Sie töten, damit andere dafür verurteilt werden. Welt ohne Gleichgewicht, von Torheit und Willkür regiert.

 

Solche Machenschaften gehen mir durch den Sinn. Sie machen sich breit und verdrängen göttliche Weisheit.

 

Darum, liebe Weisheit, darum, liebes Jubelpaar, darum, liebe Gemeinde am Sonntag Jubilate, lasst uns heute zurück schwimmen ins „noch bevor“. Lasst uns erinnern, dass gut war, was Gott schuf, und dass es wieder gut werden kann, sooft die Weisheit mit im Spiel ist.

 

 

Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren,

als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.

Ehe denn die Berge eingesenkt waren,

vor den Hügeln ward ich geboren,

als er die Erde noch nicht gemacht hatte

noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.

 

 

Geboren wurdest du, Frau Weisheit, nicht geschaffen. Und alles Geschaffene kam erst nach dir. Da warst du schon bei Gott, hast ihn nicht aus den Augen gelassen und ihm auf die Hände geschaut. Und du hast alles behalten, du wache Beobachterin! Nichts ist dir entgangen, kein noch so kleines Detail. Und doch behältst du die Übersicht und hast das Große und Ganze im Blick.

 

Indem ich dich höre, liebe Weisheit, ist es, als ob die Schöpfung ein zweites Mal entsteht. Nun erlebe ich sie mit deinen Augen, mit deinem hellsichtigen, liebenden und staunenden Blick. Und ich sehe sie so, wie Gott sie schuf.

 

 

Als er die Himmel bereitete, war ich da,

als er den Kreis zog über der Tiefe,

als er die Wolken droben mächtig machte,

als er stark machte die Quellen der Tiefe,

als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern,

dass sie nicht überschreiten seinen Befehl;

als er die Grundfesten der Erde legte,

da war ich beständig bei ihm.

Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;

ich spielte auf seinem Erdkreis

und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

 

 

Du, Weisheit, sprichst voller Liebe und Bewunderung: Was er nicht alles kann, Gott, dein Geliebter und Vertrauter! Was für eine Schaffenskraft, was für Dimensionen – du, liebe Weisheit, und Gott an deiner Seite. Gemeinsam bewältigt ihr Höhen und Tiefen, wandelt in Wolken und tanzt über Wassern. Ein einziges Liebesspiel.

 

Noch immer gibt es den Himmel und die Erde, die Wolken, die Quellen und das Meer. Und noch immer berauschen wir uns an Sonne und Wind, lassen uns verzaubern vom Meer, lieben seine Weite und spüren tief unter uns die Grundfesten der Erde, auch bei Gefahr, wenn es bebt und bricht, wankt und bröckelt, tost und tobt.

 

Wie eigentlich hält man es seit Ewigkeiten miteinander aus, frage ich mich und frage ich euch, Gott und die Weisheit? Ich meine: Wie geht es an, dass die Liebe so wach und geschmeidig bleibt und das Beieinander so leicht und voller Anmut?

 

Und ihr antwortet mir: „Wir bleiben beieinander, indem wir den einen ersten Moment in uns wach halten, den Anfang, die Schöpfung, da Gott Himmel und Erde erschuf und die Weisheit über den Wassern tanzte.“

 

So unbeschwert klingt das bei der Weisheit, liebe Gemeinde! Als wäre das Leben leicht und unser Lebenslauf ein Tanz, eine Lust, ein Spiel. Das ist weise: Das Schöpferische des ersten Moments erinnern, neue erste Momente finden, ausprobieren, tanzen und spielen.

 

Er probiert etwas aus, sie wagt einen neuen Schritt, er trägt das Hemd mal lose geknöpft und mal mit Schlips, sie kauft ein neues Paar Schuhe und kombiniert sie mit dem Mantel des vergangenen Jahres. Gemeinsam schwelgen in Erinnerungen, tanzen nach bekannter Melodie, besinnen auf alte Gewohnheiten und feiern mit den Wegbegleitern von heute.

 

In allem steckt die Leichtigkeit des ersten Momentes. Du magst es nicht fühlen, doch es gibt den Zauber des Neubeginns.

 

Du, Weisheit, spielst dich nicht zur Schöpferin auf. Deine tiefen Einblicke in Gottes Tun haben dich nicht hochmütig werden lassen. Du bist fröhlich dabei, spielst voller Anmut, während Gott tut, was Gott nicht lassen kann. In seine Schöpfertat mischst du dich nicht ein.

 

Auch das ist weise, liebe Gemeinde: Einander Freiheiten lassen, sich dort nicht einmischen, wo der andere klar kommt, es nicht besser wissen müssen, sondern darauf vertrauen, dass die andere es schon gut macht. Und derweil nicht untätig sein, nicht warten, sondern selbst aktiv sein, eigene Kreise ziehen, ich hier, du da, liebe Gewohnheiten pflegen, und um die Häuser ziehen…

 

 

So hört nun auf mich, meine Söhne!

Wohl denen, die meine Wege einhalten!

Hört die Zucht und werdet weise

und schlagt sie nicht in den Wind!

Wohl dem Menschen, der mir gehorcht,

dass er wache an meiner Tür täglich,

dass er hüte die Pfosten meiner Tore!

Wer mich findet, der findet das Leben

und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.

 

 

Erst spät bietest du deinen Rat an, Weisheit, Braut Gottes, und du suchst dir deine Töchter und Söhne unter den Menschenkindern. Eine stolze Mutter bist du, eine glückliche Mutter, liebend und sorgend. Und darum kannst du auch ernste Dinge gelassen aussprechen.

 

 

Liebe Gemeinde,

die Braut nimmt uns heute an die Hand.

Die Weisheit, eine stolze Mutter ist sie,

eine glückliche Mutter, liebend und sorgend.

Und so spricht sie auch ernste Dinge gelassen aus:

 

 

Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben;

alle, die mich hassen, lieben den Tod.

 

 

„Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.“ Dieses Lied klingt mir in den Ohren. Ich kenne es gut. Und es hat viele Strophen: Sie handeln von Krieg und Vernichtung.

 

Geflüchtete Menschen suchen Wege im Niemandsland. Terror ist Alltag. Die Türkei erinnert in fataler Weise an unsere eigene Geschichte: Kritiker werden diffamiert und inhaftiert, öffentliche Berichterstattung wird zensiert, Juristen werden gleichgeschaltet, Grundbesitz enteignet, Richter entlassen, Demokratische Ordnung kippt.

 

Gott und Weisheit, erschrocken sehe ich euch an, das Jubelpaar. Ich möchte euch nicht die Stimmung verderben!

 

Doch ihr schaut mich an – mit offenem Blick. „Ja“, scheint ihr zu sagen, „sing du nur dein Lied, wir hören es. Sing nur dein Klagelied, auch an ‚unserem’ Tag. Sing es laut und klar, und lass keine Strophe aus. Und wir werden nicht aufhören, unser Lied zu singen. Laut und klar und wie am ersten Tag.“

 

Liebe Gemeinde am Sonntag Jubilate. Da sitzen Gott und Weisheit, diese beiden, und halten Händchen wie am ersten Tag, und singen uns ihr Lied.

 

Und wir, wir spitzen die Ohren und hören den beiden einfach mal zu.

 

Wir summen mit und stimmen mit ein: Hörend und singend, wachend, sorgend und hütend, liebend und lobend. gehalten und geführt. Von Gott. Von der Weisheit.

 

Amen.

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