„Gott ist hier...“

Evangelischer Rundfunkgottesdienst aus der Christuskirche in Mainz
Gottesdienst

Foto: Bettina Klünemann

Über die Sendung

„Gott ist hier und ich wusste es nicht.“ Das erkennt Jakob nach langer Flucht. Nach durchträumter Nacht erinnert er sich an eine Himmelsleiter. Eine Himmelsleiter, die ihn symbolisch mit Gott verbindet (1. Mose 28). Immer wieder sind es diese besonderen Orte, die Himmel und Erde und Gott und Mensch einander nahebringen. Um solche besonderen Orte geht es im Gottesdienst aus Mainz. Die Christuskirche selbst gehört zu diesen besonderen Orten, sie ist am 2. Juli vor 114 Jahren eingeweiht worden.


Auch Musik öffnet einen Raum für Gottesbegegnung. In diesem Gottesdienst wird der weit über die Stadt hinaus bekannte Mainzer Bachchor mit Solisten und Bachorchester unter der Leitung von Prof. Ralf Otto Auszüge aus zwei Kantaten von Johann Sebastian Bach zu Gehör bringen, ebenso den Psalm 91 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Orgel spielt Prof. Hans-Joachim Bartsch. Durch den Gottesdienst führen die beiden Geistlichen der Christuskirchengemeinde, Pfarrerin Bettina Klünemann und Pfarrer Matthias Hessenauer.

 

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Predigt zum Nachlesen

Liebe Gemeinde,

genau hier – mitten in der Christuskirche – hat sie Himmel und Erde verbunden. Die Himmelsleiter. Weit oben in der Wölbung der Kuppel war diese Strickleiter fest gemacht und hing 27 Meter im Raum herunter bis zum großen schwarzen Steinaltar. Eine Installation des Mainzer Künstlers Michael Wolff.

 

Die Schnüre zwischen den Sprossen waren so zart und durchsichtig, dass sie tagsüber gar nicht aufgefallen sind. Obwohl die Leiter mitten im Raum hing. Aber am Abend, wenn es dunkel wurde, da fingen die Sprossen an zu leuchten. Zartgrün schwebten sie in der Luft. Und es brauchte nicht viel Phantasie, um sich die Engel vorzustellen. Wie sie leichtfüßig an dieser Leiter rauf- und runtersteigen. Diese Boten Gottes zwischen Himmel und Erde, von denen Jakob geträumt hat. Und ganz oben an der Leiter ist Gott, der Jakob verspricht: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du auch hinziehst. Denn ich will dich nicht verlassen!“ Wir haben vorhin die Geschichte gehört.

 

Diese zartgrün schwebende Himmelsleiter war und ist für mich ein Sinnbild für das, was ich erlebe, wenn ich hier am Altar unter der großen Kuppel stehe. Das hier ist ein besonderer Ort. Ein Ort, der mich erdet. Und zugleich aufrichtet. Hier fühle ich mich aufgehoben und Gott nah. Hier stehe ich zwischen Himmel und Erde. Mitten in der Hektik der Stadt. Mitten im Alltag. Entdecke ich: Gott ist da.

 

Aber es muss keine Kirche sein, um das erleben zu können. Es gibt auch ganz andere Orte, die solche Erfahrungen schenken.

 

 

Das Meer zum Beispiel. Wenn man am Strand entlangläuft: warmer Sand unter den Füßen, Sonne und Wind auf der Haut, im Ohr das Tosen der Brandung und das freche Geschrei der Möwen. Wenn ich am Meer bin, habe ich das Gefühl: hier bin ich allem entrückt und zugleich mittendrin. Wie von allein stellt sich in mir eine Balance ein: zwischen dem Himmel über mir und der Erde, auf der ich stehe. Ich bin für mich allein und fühl mich doch aufgehoben und mit der Welt um mich verbunden.

 

Der Wind bläst alle schweren Gedanken fort. Gott ist da. Sanft und stark wie der Wind. Gott ist da. Das spüre ich in diesem Moment. Und bin mir selbst nah. Ein besonderer, kostbarer Augenblick.

 

Ich kenne Leute, die machen dieselbe Erfahrung in den Bergen: Wenn sie auf einer saftigen Wiese stehen. Mit einer glasklaren Quelle. Und überwältigt sind von der Schönheit soweit das Auge reicht. Da fühlen sie sich Gott ganz nah. Haben das Gefühl: Er ist gegenwärtig. Hier und überall. Auch wenn sie zuvor unten im Tal, eingezwängt zwischen Sorgen und Pflichten nichts davon gespürt haben. Aber oben, da weitet sich ihr Blick und ihre Seele atmet auf.

 

Ich glaube, jeder Mensch kennt solche Orte. Es sind Orte, mit denen wir besondere Erinnerungen verbinden. Orte, die uns durch ihre Schönheit verzaubert haben. Orte, die uns immer wieder neu anziehen und die wir ein Leben lang in unserem Herzen tragen. Und das Besondere an diesen Orten ist, wir können sie jederzeit aufsuchen. Sie in unseren Tagträumen und unserer Fantasie betreten und in ihnen verweilen und auch so ihre heilsame Wirkung erleben.

 

Die Welt ist voll von solchen Orten, die unsere Fantasie beflügeln, die uns berühren und beschenken. Die uns näher bringen zu uns selbst und unsere Seele heil machen. Für mich ist die Kirche, in der wir jetzt sind, die Christuskirche ein solcher Ort. Hier unter der hohen Kuppel haben unsere Gedanken, Gefühle und unsere Sehnsucht einen Raum, um sich entfalten zu können. Hier dürfen wir sein, mit unseren Fragen, Zweifeln und Hoffnungen.

 

Genau dafür wurde dieser Kirchenraum von seinen Erbauern geschaffen. Der nach außen mächtige und prachtvolle Bau lädt die Menschen ein, näher zu kommen, einzutreten und in seinem Innern besondere Erfahrungen zu machen. Steht man drinnen unter dem erhabenen Kuppelrund, dann weitet sich der Blick. Und man fühlt sich geborgen. Ja, hier berühren sich Himmel und Erde. Hier ist Gott uns Menschen nah.

 

Gott ist gegenwärtig. Was wir hier in der Kirche oft besingen, das hat uns die Installation der schwebenden Himmelsleiter – zwischen Altar und Kirchenkuppel- anschaulich gemacht.

 

Auch für Kinder. Besonders schön war es, sie dabei zu beobachten wie sie die Strickleiter in der Kirche entdeckt haben.

 

Verwundert, fasziniert und nachdenklich haben sie sich ihr genähert. „Für wen habt ihr die denn aufgehängt?“, wollten manche wissen. Andere haben spontan versucht auf den Altar zu klettern, um die Leiter auszuprobieren und herauszufinden, wie da wohl Himmel und Erde miteinander verbunden sind. Alle haben sie geahnt: das hier ist ein besonderer Ort. Und er wird uns verändern, wenn wir uns darauf einlassen. Gott ist da. Man kann seine Nähe spüren, erleben. Und diese Nähe Gottes wird unser Denken und Leben verändern, wenn wir das wollen.

 

Die Besucherbücher an den Eingangstüren der Kirche erzählen auch davon. Touristen, die zunächst aus bloßer Neugier hereinschauen, lassen sich von diesem besonderen Ort ansprechen. „Hier bin ich nicht allein mit meinen Fragen und meine Gedanken.“ Steht da. Gott ist hier – auf geheimnisvolle Weise! Und das weitet meinen Blick. Und verändert mein Denken und Leben.

 

Viele versuchen, ihre Eindrücke irgendwie in Sprache zu fassen. In kurzen Sätzen oder seitenlang. Sie danken, fragen und bitten Gott, dass er ihnen auch weiterhin hilft. Und in all ihren Gedanken schwingt nach, was ihre so unterschiedlichen Erfahrungen verbindet, was auch Jakob erlebt hat: Gott ist hier. Und ich wusste es nicht.

 

 

Gott ist hier. Und ich wusste es nicht. Das begreift auch Jakob. Am Morgen nach einer Nacht, in der er seine Himmelsleiter gesehen hat. Und Engel, die auf- und niedersteigen. Das war nach Tagen der Flucht. Auf der Suche nach Zukunft. Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Aber wie ist es dazu überhaupt gekommen?

 

Er hat clever sein wollen. Wollte unbedingt den Segen seines Vaters haben. Und deshalb hat er zusammen mit der Mutter den Zwillingsbruder Esau ausgetrickst. Sich so den Segen des Vaters und das Erbe erschlichen. Jakob, der Betrüger. Aber dann hat er Angst vor der Rache des Bruders. Und flieht. Erst mal nur weg, aber dann? Gibt es eine Zukunft für ihn? Kann er sich nach all dem, was geschehen war, etwas Neues aufbauen?

 

Mit diesen Fragen zieht er los. Getrieben vom schlechten Gewissen und der Angst vor der Rache seines Bruders. Erst der Einbruch der Dunkelheit zwingt ihn zur Ruhe. Nur diese Nacht überstehen! Aber er ist ohne Schutz und Nächte können lang werden. Dort auf den nackten Steinen am Boden. Er nimmt sich einen Stein als eine Art Kopfkissen und dann träumt Jakob. Aber es ist kein Alptraum, der ihn quält. Er sieht den Himmel offen und hört eine Botschaft: „Gott ist hier.“ Das hat er nicht erwartet. Nicht mal gehofft.

 

Er hat sich selber verstoßen. Seine Flucht sollte ihn an einen Ort bringen, wo er sein altes Leben, sich selbst hinter sich lassen konnte. Aber er hat sich nicht selber verloren. Er hat sich wiedergefunden an einem Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren. An einem Ort, an dem Gott ihm verspricht: „Ich bin mit dir! Ich werde dich behüten und nicht verlassen. Auch nicht in den dunkelsten Stunden.“

 

Wie kann man sowas glauben?

 

Der Künstler, der in die Christuskirche die Himmelsleiter installiert hat, hat mir dazu einen wichtigen Impuls gegeben. Denn er hat über dem Altar nicht nur die Himmelsleiter aufgehängt. Er hat auf den schwarzen Granitaltar auch eine dicke Glasplatte gelegt. Wenn man direkt am Altar stand, konnte man sehen, wie sich die Himmelsleiter in der Glasplatte spiegelt. Die Spiegelung im Glas erweckte den Eindruck, als ob sich diese Himmelsleiter bis in die Tiefe der Erde fortsetzen würde. Der Fuß der Leiter schien im Urgrund der Erde Halt zu haben.

 

Dieser Blick in die Tiefe hat mich sehr berührt. Die tiefsten Tiefen und höchsten Höhen sind miteinander verbunden, habe ich gedacht. Weil Gott sie für uns verbindet. Wir können das nur nicht immer und überall erkennen.

 

Hier am Altar habe ich davon eine Ahnung bekommen. So also muss es Jakob ergangen sein. Jakob auf der Flucht. Der es eigentlich nicht verdient hat. Angesichts seiner Schuld und seiner Abgründe. Diesen Jakob lässt Gott den Himmel sehen.

 

Und jetzt, da er vom Himmel weiß, erträgt er auch den Abgrund. Nur wer vom Himmel weiß, erträgt auch den Abgrund.

 

Die tiefsten Tiefen und höchsten Höhen sind miteinander verbunden. Gott verbindet sie miteinander, über den Abgrund von Schuld und Versagen hinweg spannt sich sein Ja. Gott ist hier – und ich wusste es nicht.

 

 

Seit 114 Jahren ist die Christuskirche ein besonderer Ort für alle Evangelischen in Mainz und darüber hinaus. Ein Ort, an dem Gottes Nähe spürbar werden kann.

 

Viele Menschen erleben das besonders dann, wenn Musik in diesem Raum erklingt. Seit über sechs Jahrzehnten musizieren der Bachchor und das Bachorchester Mainz in der Christuskirche. Immer wieder öffnet diese Kirche einen Raum für diese besondere Musik.

 

Zehntausende Menschen sind in diesen Jahren zusammengekommen, um die großen geistlichen Kompositionen vergangener Epochen zu hören. Oder sich mit zeitgenössischer Musik anregen zu lassen, auf die Fragen dieser Zeit eine Antwort zu finden.

 

Musik ist auch so eine Himmelsleiter. Die öffnet den Himmel und verbindet ihn mit der Erde, mit uns. Sie erschließt Sphären und bringt auch denen, die an Gott zweifeln, den Gedanken nahe: Wenn es einen Gott gibt, dann ist er hier.

 

Johann Sebastian Bach hat einmal geschrieben: „Wo wirklich eine aus dem Herzen gehende Kirchenmusik gemacht wird, ist Gott anwesend.“

 

Das können Sie jetzt gleich noch einmal hören. Wenn die Klänge von Bachchor und Orchester diesen Raum erfüllen. Mit Tönen, die schweben und leuchten. Mit strahlenden Akkorden und Stimmen, die sich dicht an dicht fügen und den Dank in vielen Farben hörbar werden lassen. Einen Dank, der tiefer gründet und weiter reicht als das, was wir erfassen können.

 

Himmel und Erde im Einklang – und wir mittendrin.

 

Hören wir nun den 2. Satz aus Johann Sebastian Bachs festlicher Kantate: „Wir danken dir, Gott, wir danken dir.“

 

Vielleicht erschließt sich Ihnen diese Musik nicht sofort. Vielleicht braucht so manches Wort, mancher Klang erst ein wenig Zeit, um sich zu entfalten- angesichts der Welt, wie sie gerade ist. Vielleicht ist das immer ein bisschen so wie bei Jakob auf seiner Flucht. Der erst im Morgengrauen sagen konnte: Gott ist hier. Und ich wusste es nicht … Amen.

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