Ich habe einen Schatz gefunden

Rundfunkgottesdienst aus der Stadtkirche Melsungen
Kirche Melsungen

Bild: Gemeinde Melsungen

Über die Sendung

Ich habe einen Schatz gefunden

„Ich habe einen Schatz gefunden“ – singt die Gruppe Silbermond. Diese Entdeckung steht im Mittelpunkt des Gottesdienstes aus der Stadtkirche Melsungen. Der Jugendchor singt das Lied im Gottesdienst und um einen Schatz geht es auch in der Predigt. Einen Schatz zu finden ist etwas Wunderbares. Ein Mensch, manchmal auch irgendwelche Dinge. Dennoch spüren viele Menschen: Schätze sind nichts, was man für immer und selbstverständlich bei sich hat. Das gilt auch für den Glaubensschatz von dem Paulus schreibt: „Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen“ (2. Kor 4,7). Dekan Norbert Mecke entfaltet in der Predigt, wie der Glaubensschatz das Leben bereichern kann und hilft, den rechten Umgang mit seinen Schätzen zu finden.

Die musikalische Gesamtleitung hat Christian Fraatz, der auch Orgel und Klavier spielt. Es singt der Jugendchor Happy Voices unter der Leitung von Kinderkantorin Annette Fraatz. Michael Mahner wirkt mit Klarinette und Saxophon mit.

 

Die Stadtkirche steht mitten in der nordhessischen Fachwerkstatt Melsungen. Seit 650 Jahren feiern Melsunger Christen hier Gottesdienst. Der neugotische Hallenbau ist hell und schlicht und lädt zur Feier des Gottesdienstes ein. Der durch den Triumphbogen vom Kirchenschiff getrennte Chorraum erstrahlt besonders an hellen Tagen durch fünf gotische Spitzbogenfenster. Sie zeigen die vier Evangelisten mit ihren Symbolen: Matthäus (Engel), Markus (Löwe), Lukas (Stier) und Johannes (Adler).

Die Kirche gehört ins Stadtbild und in die Mitte der gut 14.000 Einwohner. Sie ist für Einheimische wie für Touristen ein Ort, an dem man gern zur Ruhe kommt oder eine Kerze am Ort der Stille entzündet und Stärkung für den Alltag erfährt.

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen

Liebe Gemeinde,

„Ich habe einen Schatz gefunden und er trägt deinen Namen; so wunderschön und wertvoll, mit keinem Geld der Welt zu bezahlen.“ Das Lied der Gruppe Silbermond kam vor zehn Jahren heraus. Ich weiß noch, wie es damals vom Grundschulchor gesungen wurde. Meine beiden Kinder in Reihe drei und eins. Mit mir die anderen Eltern im Gemeinschaftshaus des Ortes. Ich sag Ihnen: Das ist wirklich berührend, wenn Eltern aus dem Mund Ihrer Kinder hören: „Du bist das Beste, was mir je passiert ist, es tut so gut, wie Du mich liebst! – Deshalb leg ich meine kleine große Welt in deine schützenden Hände!“ Feuchte Augen bei Müttern und Vätern. Und der Wunsch, sofort zurück zu singen: „Mein Kind, und Du bist das Beste, was mir je passiert ist! Ich sag‘s Dir viel zu selten: Wie schön, dass es Dich gibt!“.

 

Wer einmal so von Herzen empfinden und singen kann, weiß, was Liebe ist. Der hat einen Schatz gefunden. Ich hoffe, dass jede und jeder von Ihnen mindestens einen Menschen vor Augen hat, den er voller Überzeugung „Schatz!“ nennen kann. Das ist ja ein toller Kosename – oder?! „Schatz!“ Wen ich „Schatz“ nenne, der ist mir kostbar. Wer mich „Schatz“ nennt, erlebt mich als Reichtum für sein eigenes Leben. Was kann einem Schöneres passieren?!

Eines der von einer Jury ausgewählten Jugendworte des vergangenen Jahres ist „schatzlos“. „Der ist schatzlos!“ heißt „Da ist einer Single!“ – dem fehlt ein Schatz; der ist noch auf der Suche. So muss man sich als Single gar nicht fühlen! Und doch tut in gewisser Weise Jugendmund Wahrheit kund: Es ist nicht schön, wenn man gar keinen Schatz hat, gar kein wertvolles Gegenüber. Oder mit dem Lied von Silbermond: keine Ruhe und Zuflucht, wenn sich das Leben überschlägt, niemanden, der einen mit Kraft betankt. Dann fehlt Entscheidendes.

 

„Ich habe einen Schatz gefunden!“ Haben Sie auch einen Schatz? Nennen Sie jemanden so? Oder: schätzen Sie jemanden so? Den Partner? Die Kinder? Die Enkelkinder? Freunde? Jemanden, wo Sie mitsingen könnten:

„Du bist das Beste was mir je passiert ist, es tut so gut wie du mich liebst. Vergess den Rest der Welt, wenn du bei mir bist!“

Haben Sie so einen Schatz?!

 

 

Vielleicht ist Ihnen gerade jemand eingefallen, der Ihr Schatz ist. Vielleicht ist Ihnen auch jemand eingefallen, der einmal früher ihr Schatz war. Bei beidem spüren wir: Schätze sind nichts, was wir selbstverständlich für immer haben:

Das Leben ist so zerbrechlich. Familien können so leicht auf der Kippe stehen. Eine Partnerschaft vor ihren Scherben. Wir versuchen es zu halten, und doch entgleitet uns Vieles. Unsere Friedhöfe sprechen davon Bände. Irden sein heißt: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube“.

„Vorsicht zerbrechlich!“, müssten wir eigentlich auf so Vieles schreiben – damit sorgsam damit umgegangen wird. Wie auf Pakete mit zerbrechlichem Inhalt. „Vorsicht zerbrechlich!“ Geh sorgsam um mit unseren Kindern oder den Enkeln und deren Erziehung. Sorgsam in dem Miteinander in Partnerschaft und Ehe.

 

„Vorsicht zerbrechlich!“, müsste auf uns selbst als Aufkleber kleben: damit wir nicht vergessen, wie schnell Gesundheit ruiniert und Kraft begrenzt ist. Manchmal reicht ein wenig mehr Belastung und unsere Seele klirrt. „Der hat einen Sprung in der Schüssel!“, heißt es manchmal. Ja – und das geht schnell. Es trifft Menschen wie Dich und mich. Genau wie Demenz oder körperlicher Kraftverlust. Wir haben den Schatz unserer scheinbaren Unversehrtheit in zerbrechlichen Gefäßen. „Vorsicht zerbrechlich!“

Damit es andere sehen, wäre so ein Aufkleber gut: „Geh sorgsam mit mir um – damit Du in mir nichts zerbrichst – auch nicht an Vertrauen und Hoffnung!“

 

„Vorsicht zerbrechlich!“ – wir merken, dass das auch über unserer Freiheit steht. Jeder Terroranschlag zeigt brutal, wie anfällig und brüchig Freiheit ist. Reisefreiheit, Grenzfreiheit, in vergangenen Jahren selbst die Narrenfreiheit bei Karnevalsumzügen: Zerbrechlich. Unser Land beschleicht eine Ahnung, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr da war: Werte und Sicherheiten – solche Schätze sind ein kostbares Geschenk und nicht selbstverständlich.

 

Von einem unvergänglichen Schatz schreibt Paulus etwa 1950 Jahre vor der Gruppe Silbermond: „Wir Christen haben einen Schatz gefunden – und der trägt seinen Namen: Jesus Christus.“ Gut, er schreibt es etwas komplizierter: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben. Und jetzt soll durch uns die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi entstehen.“

 

„Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes“ heißt mit unseren Worten: Wie herrlich Gott ist, wir würden heute sagen: Wie liebevoll und klasse, das können wir an Jesus Christus ablesen. Er ist herzlich mit Menschen umgegangen – so auch Gott mit uns. Er ist geduldig, gibt immer eine Chance – so auch Gott uns gegenüber. Wer Jesus sieht, erkennt, wie Gott ist, wie er es meint, was ihn ausmacht: Dass er wunderschön liebt und wertvoll begegnet, voller guter Werte ist. Was er schenkt, ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Denn er schenkt Ewigkeit.

Wem Gott so mit Jesus einleuchtet, in dem beginnt es zu strahlen, sagt Paulus. Dann geht Dir ein Licht auf. Da hat Gott „einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben“.

 

Paulus fährt fort: „Wir haben diesen Schatz aber in irdenen Gefäßen!“

Wie die Schätze auf der Welt, ist dieser Glaubensschatz auch kein verfügbares Gut. Glaube ist zerbrechlich. Kirche auch. Mich wundert nicht, wenn einer sagt: „Also, haben Sie von Herrn Soundso gehört? Was der sich für ein Ding geleistet hat! Und der will Christ sein?!“ oder: „Da kann ja nichts dran sein am Glauben, wenn Kirche so enttäuscht!“

Schatz und Gefäße. Wie fatal, wenn man das eine mit dem anderen verwechselt! Das Tröstliche ist:

Was den Glauben angeht, sind nicht wir der Schatz. Auch nicht Herr Soundso. Nicht Luther, nicht der Papst, nicht die Kirche. Nicht Ihr Lieblingsprediger, nicht mal jemand, der wie eine Mutter Teresa in Ihrem Dorf oder Stadtteil leben würde. Irdenes Gefäß! Höchst anfällig. Begrenzt haltbar.

Der Schatz ist, was wir durch Christus an Gott finden. Er ist das Beste, was uns je passiert ist. Es tut so gut, wie er uns liebt. Und vielleicht sagen wir es ihm viel zu selten: Es ist schön, dass es Dich gibt! Und dass Du bleibst: unvergänglich. Wenn ich schuldig werde. Du bleibst. Wenn die Kraft und Denke versagen. Gott bleibt. Wenn ich sterbe. Der Schatz, der helle Schein, den Gott in mein Herz gelegt hat, vergeht nicht.

 

 

Der Schatz, der helle Schein, den Gott in mein Herz gelegt hat, vergeht nicht.

Gott, der sprach, Licht soll aus der Finsternis hervorgehen, wird mich aus aller Finsternis hervorholen. „Vergess den Rest der Welt, wenn Du bei mir bist!“ und weiter mit Silbermond: „Wenn ich rastlos bin, bist du die Reise ohne Ende. Deshalb leg ich meine kleine große Welt – auch meinen Glauben – in deine schützenden Hände!“

 

Weil es nicht mal beim Glauben um unsere Power, um unsere Stärke, unsere Unerschütterlichkeit geht, sondern – so Paulus: „darum, dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns!“

 

Und dann spricht er von manchem, was uns dieser Tage so bekannt vorkommt: Von Bedrängendem, von Ängsten und Bangen. Er spricht von den Dingen, die Millionen unserer Mitchristen in der Welt noch heute erleben: Verfolgung und Unterdrückung. Und er spricht vom Sterben. Nüchtern. Traurig ernst. So wie wir es aus unserem Leben kennen. Wie wir es in den Nachrichten sehen. Wie es uns verunsichert.

Aber er weiß vom Schatz, der ihn ergriffen hat, und vom Licht, das ihm aufgegangen ist. Vom hellen Schein, auch, wenn man sich selbst nur wie eine kleine Leuchte vorkommt. Und deshalb fährt er verwegen fort:

Ja, wir tragen so viel Vergängliches an und in uns. Allezeit. Wie es auch Christus tat. Der, an dem aber genau darin das Leben aufleuchtete und siegte! Was an ihm offenbar geworden ist, wird auch an uns wahr werden!“

 

Ob das eine göttliche Grundregel ist, die unsere menschlichen Vorstellungen auf den Kopf stellt: Je armseliger mein eigenes Leben ist, umso stärker kann das, was mit Jesus Christus aufleuchtet, durch mich hindurchstrahlen?! Vielleicht hat er einfach vielmehr Platz, wenn es in mir leer ist. Wenn ich nicht glänze mit großen Taten, unerschütterlichem Glauben, unzerstörbarem Selbstbewusstsein, dann lässt es umso heller aufstrahlen: „In Dir bleibt es nicht finster. Ich lasse Dich auch nicht bankrottgehen. Du bist nicht „schatzlos“!“. Nein. Schatzlos ist keiner von uns! Wie wertvoll, dass Gott uns mit Kraft betankt. Uns Zerbrechliche!

 

Und uns das Schätzen lehrt: Das Einander-Wertschätzen. Die Sorgsamkeit. Dass wir mit keinem Geld der Welt zu bezahlen sind. Sie nicht. Ich nicht. Unsere Mitmenschen nicht. Das soll unsere Werte prägen, unseren Umgang. Nicht jeder ist so mir-nichts-dir-nichts unser Schatz. Aber jeder birgt etwas Kostbares in sich: Einen Schatz in irdenen Gefäßen. Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben. Und wenn ich ihn bei andern partout nicht entdecken kann, will ich es doch glauben. Und für sie Gutes und Liebe aus mir herausleuchten lassen: Meine Mitmenschen in ein gutes Licht setzen. Die Welt soll es ruhig sehen: „Ich habe einen Schatz gefunden!“ Das soll aus allen Knopflöchern meines Lebens strahlen.

 

Damals als die kleinen Grundschulkinder für ihre Eltern gesungen haben „Du bist das Beste, was mir je passiert ist!“, war ich so berührt.

Heute, wo wir in Reihe drei oder eins, daheim, unterwegs oder hier in der Kirche davon hören, berührt es uns hoffentlich genauso: Dass der große Gott der leuchtende Schatz in unserem kleinen Herz und Leben sein will.

 

Und in mir – vielleicht ja auch in Ihnen! – singt es zurück: „Ich kann es kaum glauben, dass jemand wie ich so was Schönes wie dich verdient hat!“

 

Amen

 

Es gilt das gesprochene Wort.