Im Mittelpunkt die Seele

Rundfunkgottesdienst aus der Stephanuskirche in in Köln-Riehl
Gottesdienst

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Wie ist das, wenn es persönlich wird, wenn es um die eigene Seele geht? Wenn jemand aus der Trauer herausfindet und wieder leben kann „allein aus Glauben“? Oder wenn jemand etwas los wird, was die Seele schon lange belastet hat, „allein aus Gnade“? Die großen Worte wirken, wenn Menschen sich umeinander sorgen im Geist der Reformation. Davon erzählt der Gottesdienst am 19. März. Predigttext ist die Heilung des Gelähmten am Teich Bethesda nach Johannes 5,2-9. Der Gottesdienst wird musikalisch gestaltet durch Alexandra Naumann und ihr Ensemble. Die Sängerin wird begleitet von Reiner Witzel (Saxophon) und Ron Cherian (Piano). Die Orgel spielt Gerhard de Buhr. Die Predigt halten Pfarrer Uwe Rescheleit und Pfarrer Stephan Scharf. Sie führen auch durch die Liturgie.

Der Gottesdienst eröffnet im Kirchenkreis Köln-Mitte eine von vier Seelsorgewochen. Vom 5. bis 31. März laden die evangelischen Kirchengemeinden und Einrichtungen in Köln zu vielen Veranstaltungen ein. Ganz gleich ob im Krankenhaus, im Gefängnis, in der Schule oder auf dem Flughafen, immer geht es um „Seelsorge aus dem Geist der Reformation“. Anlass ist das 500jährige Reformationsjubiläum in diesem Jahr. Neben Theaterstücken und Stadtführungen, Konzerten und Festen setzen die vier Kölner Kirchenkreise im März einen besonderen Akzent.

Der Deutschlandfunk ist mit der Gottesdienstübertragung zu Gast in der Stephanuskirche, einem modernen Kirchbau aus dem Jahr 1965, errichtet von einem Industriearchitekten mit viel Stahl, Beton und einer Front ganz aus Glas. Die Augen fallen auf ein abstrakt gestaltetes Kirchenfenster mit vielen Farben und Schattierungen.

Seelsorge spielt in der Kirchengemeinde eine wichtige Rolle. In ihrem Bereich liegt die größte Kölner Alten- und Behinderteneinrichtung, die „Sozialbetriebe Köln“. Etwa 14 Prozent der Gemeindemitglieder leben dort. Auf dem Gelände befindet sich mit der „St. Anna-Kirche“ ein von beiden Konfessionen genutzter Ort für Gottesdienste und Veranstaltungen. Außerdem gibt es in der Gemeinde ein ökumenisches Stadtteil-Café, und im „runden Tisch Riehl“ arbeiten Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit zusammen. Auch hier heißt es oft: „im Mittelpunkt die Seele“.

 

PREDIGT

Liebe Gemeinde!

Der Teich Bethesda liegt an einem Stadttor Jerusalems. Jesus heilt einen Gelähmten, der es nicht schaffen konnte, rechtzeitig in das heilende Wasser zu steigen, um gesund zu werden. Die anderen kamen ihm immer zuvor. Jesus aber geht auf ihn zu. Spricht ihn an, fragt ihn, ob er gesundwerden möchte. „Ja“, sagt der Gelähmte und Jesus fordert ihn auf, sogleich das Bett zu nehmen, auf dem er viele Jahre lag -  und loszugehen.

 

Der Mönch Martin Luther, der vor 500 Jahren in Wittenberg gelebt hat, hat sich als Priester und Seelsorger vielen Menschen zugewandt, die vorher ganz außen vor waren und abgehängt von der Gesellschaft, in der sie lebten. Waisen und Armen, Kranken und eingeschränkten, behinderten Menschen galt ganz neu sein Mitgefühl und seine Aufmerksamkeit und die seiner Mitstreiter. Er predigte nicht nur von einem gnädigen Gott, er begann selbst damit, Gnade zu fordern und Gnade zu üben. Wie kam er dazu? Was ist bei ihm selbst geschehen?

 

Treten wir einmal näher an diesen Martin Luther heran, schauen ihm zu, hören seinen Gedanken zu, wie er an das Ufer des Flusses tritt, der an Wittenberg vorbeifließt, das Ufer der Elbe, zusammen mit seiner Tochter Magdalena auf dem Arm. So hätte es sein können:

 

Der Mann ist zum Flussufer gegangen mit seiner Tochter, die er lange getragen hat und jetzt im Elbsand absetzt. Er ist zufrieden und ein bisschen außer Atem. Da steht das Kind auf, zieht sich am Vater hoch und wankt und gräbt seine Zehen in den Sand und fällt doch nicht hin, obwohl es jederzeit fallen könnte; aber jetzt macht es die ersten Schritte seines Lebens.

Ein leichter Windhauch kräuselt jetzt das Wasser der Elbe und kühlt sein Gesicht in der Sommerhitze. „Wie beim heiligen Johannes im Evangelium vom Teich Bethesda,“ denkt er. „Nun nimm Dein Bett und geh, Magdalena,“ sagt er zu sich selbst. „Glauben tust Du ja schon, dass Dein Vater Dich zurückschleppen will ins schwarze Kloster. Und ich darf glauben, dass der Herr Jesus Christus so ein Menschlein war wie Du bei Deinen ersten Schritten heute, das durfte ich mit eigenen Augen sehen.“

 

Martin Luther kehrt zurück zur Stadt, die Tochter auf dem Arm. Zurück auch in seinen Dienst, in seine Lebensaufgabe, in seine Lebensgemeinschaften, in seine Entscheidungen.

 

Und wir kehren zurück zum Teich von Bethesda. Dort handelt Jesus: er hilft einem Mann auf. Er richtet ihn auf. Er schaut mit ihm nach vorne und er legt Hand an, nimmt die Lähmung von ihm.

Das kann niemand, was Jesus hier tut.

Aber was passiert mit uns, wenn wir Jesus und dem Gelähmten am Teich Bethesda zusehen? Was ist mit dem Mönch Martin Luther geschehen, was ist mit der Kirche passiert, die sich von Jesus hat anrühren, von Jesus hat beteiligen lassen?

 

Martin Luther glaubt an einen gnädigen Gott. Luther sieht, wie Gott in Christus handelt. Er versteht: Gott ist deshalb gnädig, weil er im Leben der Menschen vorkommt. Die Benachteiligten und Ausgestoßenen sind Kinder Gottes, nicht bloß die, denen es gut geht und die immer schon meinten, dass sie dazugehören. Die Armen sind von ihm geliebt und nicht nur die Reichen und Mächtigen: und das wird Wirklichkeit, das kann man tatsächlich erleben, wenn Menschen einander zu helfen beginnen in eben diesem Geist Gottes.

So wird die Geschichte vom Teich Bethesda zum Bindeglied zwischen Gott und den Menschen!

 

So wie Jesus, der durch alles Fremdartige hindurch im Gelähmten vor allem anderen einen von Gott geliebten Menschen sieht. Er erkundigt sich, was er braucht, er vergibt ihm und stellt ihn wieder auf seinen Weg, zu dem Gott ihn bestimmt hat.

 

Gespannte Erwartung und gleichzeitig auch eine Zuversicht wohnen in dieser Geschichte vom Teich Bethesda. Die Lähmung ist noch greifbar, das alte ist noch spürbar und doch ist ein neuer Raum da, der sich öffnet. Es gibt eine Zukunft mit Gott.

 

Ein Wunder, wenn der Geist Gottes zu Tage tritt und etwas Neues bewirkt! Und das Beste ist: Dieser Geist Gottes wohnt in uns Menschen.

 

II

 

Ryan hätte auch der Mann am Teich von Bethesda sein können.

Er brauchte seinen Rollstuhl, um vorwärts zu kommen.

Und einen Stock mit Haken, um sich Dinge näher heranzuholen, Schranktüren zu öffnen oder heftig auf den Tisch zu klopfen, um sich Gehör zu verschaffen.

Ryan hätte der Mann von Bethesda sein können.

Und dann aber wieder ganz und gar nicht.

Er musste nicht geheilt werden, also nicht so, dass erst etwas mit seinem Körper verändert werden müsste, um „richtig“ zu werden.

Er war eben Ryan. So wie er war. Und das war gut so.

Er hat genug Lebenskraft für zwei Menschen gehabt.

 

Wenn einer erst „richtig“ und heil werden musste, dann die, die mit zwei gesunden Beinen durch die Gegend liefen und ihm die Fahrwege mit Stühlen verbauten. Oder ihm nicht dasselbe zutrauten.

Das war eigentlich das Schlimmste.

Wenn er merkte, dass man ihn nicht für voll nahm.

Ryan hätte der Mann von Bethesda sein können.

Und hätte selbst nicht anders sein können.

 

Der Mann von Bethesda kommt nicht von der Stelle.

Obwohl er seit langer Zeit am Teich liegt.

Hofft er, dass sich noch etwas tun könnte, oder ist er schon verzweifelt? Gab es keine Alternativen? Wollte er keine?

Der Mann von Bethesda kommt nicht von der Stelle.

Aber hat das denn etwas mit seinen lahmen Beinen zu tun?

Wenn ich an Ryan denke, kommen mir da Zweifel.

Ich habe den Verdacht, der Mann von Bethesda hängt in seinem Leben fest.

Um ihn herum geht alles seinen Gang, während sich für ihn dasselbe Spiel immer wiederholt.

Dieses Gefühl habe ich schon in anderen Gesichtern gesehen:

 

„Es ist wie gestern, dass mein Mann gestorben ist. Gut, dass das Grab so nahe ist, dann kann ich jeden Tag hin.“

Die Frau weint, als sie das erzählt.

„Aber es tut noch immer so weh, dass ich es kaum aushalte.“

Für alle anderen gehe das Leben ja weiter. Das sei das Schlimmste. „Du musst nicht mehr trauern,“ sagen die Kinder. „Das kann ich gar nicht hören. Bin ich etwa komisch, weil ich noch immer traurig bin?“

Vielleicht sind sie das größte Hindernis für den Mann von Bethesda, sie, die anderen Menschen. Die haben ihn dort liegen lassen, sehen nicht, dass er Hilfe braucht und drängen sich an ihm vorbei. Bis er sich nur noch durch Ihre Augen sieht. Abgeschrieben.
Und in irgendeiner Weise unvollständig.

 

Hier setzt Jesus mit seiner Frage an.

Er fragt: „Willst Du heilwerden?“

Und so wie der Mann von Bethesda nach dem schlichten „Ja“ dann sein Bett aufrollt und gehen kann, möchte man meinen, er hätte das doch eigentlich die ganze Zeit gekonnt. Wenn er es nur hätte sehen können, wenn er es gespürt oder sich zutraut hätte!

Jesus kommt mit einfachen Mitteln aus.
Da sein. Hinsehen. Mitfühlen. Aushalten. Respekt zeigen. Nachfragen, Fantasie wecken. Kräfte aktivieren.

Alles in dem Vertrauen, dass Gott in der Situation schon immer mit vor Ort ist. 

 

Was hier passiert, zwischen Jesus und dem Mann am Teich Bethesda, ist Seelsorge. Und der kurze Wortwechsel verdichtet, was Seelsorge sein kann.

In der Begegnung findet der Mann von Bethesda die Lebenskraft, die er braucht, um das Leben, in dem er festeckte, aufzurollen und ein Neues zu beginnen. Mit der Bettrolle unter dem Arm.
Ein wenig, wie ich es bei Ryan gelernt habe.
Das Schwere ist ein Teil von mir, aber es bestimmt mich nicht.

 

III

 

Martin Luther hat in seinem Leben öfter ganz neu anfangen.

„Herr erbarme Dich, Christus erlöse mich“, hat er dann gebetet, hat geglaubt, dass Jesus nah bei ihm ist.
Bei manchem Neubeginn war er mutig und fröhlich, als ob seine Seele weitergesungen hatte in der Zeit der Not, er selbst wurde ein guter Seelsorger in seiner Gemeinde und für seine Studenten.

Von Geborgenheit erzählen die Lieder, die Luther gedichtet hat, sie singen von einem Gott, der beschützt und der seine Schöpfung liebt, und dabei jedem Einzelnen begegnet -  von Angesicht zu Angesicht.

 

Wo Seelsorge geschieht, wo Menschen, die als Seelsorgerinnen und Seelsorger andere Menschen aufsuchen, wo sie begleiten und zuhören und beraten, glauben wir, dass ein gnädiger Gott mit dabei ist, der die Not lindern möchte und neues Leben möglich machen kann.

 

Wie in einem Moment der Seelsorge im Altenheim auf der Pflegestation in Köln-Riehl.

Eine alte Frau liegt fest in ihrem Bett und muss ihrem Tod entgegensehen.

Eine große innere Unruhe hat sie ergriffen und quält sie. „Mögen Sie mir von dem Bild über ihrem Bett erzählen?“ fragt der Seelsorger. Ja, sie möchte. Die Zimmernachbarin und eine Krankenschwester sind auch im Raum. „Das kleine Mädchen vor der Mühle bin ich“, sagt sie. „Das glücklichste Mädchen, das Sie sich vorstellen können. Dann musste mein Vater in den Krieg, er kam nie zurück. Mein Vater war der Müller, er hat mich sehr lieb gehabt. Wir mussten dann bald fliehen, ich habe ihn nie wiedergesehen und trotzdem habe ich mein Leben lang auf ihn gewartet. Wie kann ich von dieser Welt gehen, ohne ihn wiedergefunden zu haben?“ fragt sie und versucht vergeblich, sich aufzurichten. „Können Sie glauben, dass Sie es jetzt sind, die zu ihrem Vater zurückkehren wird?“ fragt der Seelsorger. Sie atmet einige Male ganz tief.

Ihr Gesicht entspannt sich. Eine Last fällt von ihr ab. Mit allen, die im Raum sind,

spricht sie selbst ein Gebet. Alle spüren: Sie hat Kraft. Die innere Panik ergreift auch in den nun folgenden Tagen nicht mehr Besitz von ihr.

 

Das Wasser, das sich bewegt im Teich Bethesda, ist auch ein Schulhof, der unerreichbar scheint.

Die 17jährige Schülerin offenbart sich der Schulpfarrerin am Telefon. Sie kennt sie aus dem Religionsunterricht. „Ich schwänze seit drei Monaten die Schule“, beichtet sie. „Bisher hat keiner etwas gemerkt zu Hause, aber gestern rief der Stufenkoordinator bei uns zu Hause an und alles ist aufgeflogen. Ich soll wieder hingehen morgen, aber das werde ich nicht schaffen. Ich habe furchtbar Angst.“ Die Pfarrerin telefoniert mit der Schule und versucht, zu vermitteln. Ruft dann die Schülerin wieder an und bietet ihr an, sie am folgenden Morgen zu begleiten. Die Schülerin stimmt zu. Das Gespräch mit der Schulleitung ist konstruktiv. Ein erster Schritt ist getan.

 

Im Mittelpunkt die Seele. Gottes Geist wirkt unter uns Menschen. Immer wieder kommt etwas in Bewegung. „Du meine Seele, singe!“  - So sind Sie jetzt eingeladen, dieses Lied mitzusingen, hier in der Kirche, zu Hause oder unterwegs.

Der Friede Gottes, der höher ist als all‘ unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn!

Amen.

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