Trotzdem aufrecht!

Evangelisch-methodistischer Rundfunkgottesdienst aus der Friedenskirche in Esslingen
Evangelisch-methodistischer Rundfunkgottesdienst aus der Friedenskirche in Esslingen

Bild: Kirchengemeinde Esslingen

Über die Sendung

„Trotzdem aufrecht!“ Dass Schuld und Vergebung immer wieder eine Rolle im Leben spielen, wird besonders am Volkstrauertag bewusst. Niemand kann sich da ausschließen. Die Frage ist, wie Menschen damit umgehen: Lassen sie sich davon beherrschen und niederdrücken oder finden sie Wege, trotzdem aufrecht zu gehen? Am Beispiel des sogenannten „ungerechten Verwalters“ aus Lukas 16 zeigt Pastor Markus Bauder, wie Menschen sich gegenseitig helfen können, diese Schuld zu bewältigen. Denn Gott will helfen, einen neuen Anfang zu wagen, zu jeder Zeit und unter allen Umständen. 

Schon seit 150 Jahren ist die evangelisch-methodistische Gemeinde in Esslingens Altstadt ansässig. Etwa 300 Menschen zählen sich zur Gemeinde, die ihre zentrale Lage nutzt, um möglichst viele Menschen zu dieser Chance auf Neuanfang einzuladen. Jede und jeder ist eingeladen, findet seinen Platz in der Gemeinschaft und Möglichkeiten zu ehrenamtlichem Engagement.

 

Gottesdienst nachhören

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Unser Predigttext (1) heute ist kein einfacher Text. Ich finde diese Geschichte komplex. Verwirrend. Sie entspricht so gar nicht dem, was ich normalerweise aus dem Neuen Testament kenne. Am Ende wird einer gelobt, der betrogen hat und der ziemlich clever, fast möchte man meinen gerissen, mit seiner Schuld umgegangen ist. Schlechtes Gewissen Fehlanzeige. Einsicht und Reue ebenfalls. Das passt ja eigentlich nicht zum Volkstrauertag.

 

Ich weiß nicht. In dieser Geschichte kommt ziemlich oft der Begriff Schuld vor! Und das passt gut zum Volkstrauertag, denn das Gedenken an Opfer von Krieg und Gewalt hat fast immer auch mit Schuldgeschichten zu tun.

 

Ja, du hast recht: Auch in unserer Geschichte haben verschiedene Personen Schuld oder zumindest Schulden gegenüber ihrem Herrn. Und der Verwalter macht sich schuldig, weil er seinen Herrn betrügt. Und dann erlässt er den anderen Schuldnern teilweise ihre Schulden.

 

Schuldenerlass per Federstrich. Spannend, wie da mit Schuld umgegangen wird. Aber was soll daran gut sein?

 

 

Heute am Volkstrauertag wenden wir in Deutschland uns einem traurigen und drückenden Thema zu: den Opfern von Krieg und Gewalttaten. Wir denken an die Trauer und die Opfer, die damit verbunden waren. Möglicherweise tragen viele von Ihnen, die Sie heute zuhören, auch noch an der Last dieser Zeit. Viele Menschen sind gestorben, unsägliches Leid kam über Familien, Landstriche, Völker und Nationen.

 

Im zweiten Weltkrieg hat der Schrecken hier in Deutschland seinen Anfang genommen. Eine große, kollektive Schuld, die nie vergessen werden kann und darf. Aber am heutigen Tag wenden wir uns nicht nur unserer eigenen Vergangenheit und dem Leid, das von deutschem Boden ausging, zu. Wir nehmen auch andere Opfer von Krieg und Gewalttat in den Blick. Wir denken z.B. an den Nahen Osten und die vielen Opfer, die dieser Konflikt in Jahrhunderten gekostet hat. Kann diese Todes- und Gewaltspirale je durchbrochen werden?

 

Oder wir denken an Myanmar. Die muslimische Minderheit der Rohingya wird von gewalttätigen Buddhisten verfolgt und vertrieben. Wir denken an den Schrecken des Islamischen Staates, der alle verfolgt und angreift, die nicht seiner extremen Glaubensrichtung folgen, insbesondere auch Christen.

 

Es wird in dieser Welt vielen Menschen Gewalt angetan. Dadurch entsteht Schuld. Schreckliche Schuld und großes Leiden. Wie passt dazu diese Geschichte über einen betrügerischen Verwalter? Es geht darin ja gar nicht um Krieg oder Gewalttat.

 

Aber es geht auch um Schuld. Schuld durch Betrug. Um Schulden, die Menschen dem großen Gläubiger gegenüber haben. Dem Gläubiger, von dem ich annehme, dass Jesus ihn mit Gott gleichsetzt. Deshalb kann man sagen: Da macht sich ein Mensch Gott gegenüber schuldig. Da haben Menschen Schulden bei Gott.

 

Es ist ein Verwalter, der zunächst durchaus die Interessen Gottes vertreten hat. Und der nun offensichtlich als Betrüger dasteht. Auf einmal steht er auf derselben Seite wie die anderen Schuldner. Nun kann er seine Mitschuldner nicht mehr von oben herab betrachten. Er muss sich klar machen: Ich bin genauso schuldig. Ich habe Gott gegenüber ebenfalls ein Defizit.

 

Mich erinnert das an eine Geschichte, in der fromme Menschen eine Frau vor Jesus zerren und wollen, dass Jesus sie verurteilt. „Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ hat er gesagt, und alle sind still davongeschlichen. Ich möchte nicht falsch verstanden werden – es geht hier nicht darum, dass Täter nicht ihre Verantwortung tragen müssten. Schuld muss gesühnt und ausgeglichen werden. Aber ich empfinde den Gedanken trotzdem als hilfreich, dass wir Menschen beim Thema Schuld vor Gott alle auf der gleichen Seite stehen. Die Tragik von Schuld erreicht uns alle. Und ein erster, wichtiger Schritt könnte sein, dass ich nicht mit dem Finger auf den anderen zeige.

 

Versöhnung und Ausgleich entstehen nicht dadurch, dass man gegenseitig aufrechnet, sondern indem man sich der Tragik von Schuld stellt – dieser Tragik, die uns allen gemeinsam ist. Und dann streicht der Verwalter Schulden. Das heißt, er verkleinert sie. Er macht sie nicht größer als sie sind. Er kommt den anderen Schuldigen entgegen. Und zeigt so: Ich bin an einer guten Lösung interessiert. Wir sind auf der gleichen Seite.

 

Wäre das nicht ein guter Ansatz für den Umgang mit Schuld? Wir stellen uns auf eine Ebene, zeigen nicht mit dem Finger aufeinander, sondern helfen uns gegenseitig dabei, mit Schuld und Schulden fertig zu werden? Wir erlassen uns nach Möglichkeit gegenseitig Schuld und suchen immer wieder gemeinsam nach einer Lösung, mit der alle leben können?

 

 

Sich gegenseitig Schulden erlassen, statt sie ewig gegenseitig aufzurechnen, das klingt vernünftig. Trotzdem, ich wundere mich über diesen Verwalter. Ich hätte auf diesen Rauswurf anders reagiert. Ich wäre erstmal sauer gewesen und hätte versucht, das Ganze rückgängig zu machen. Und wenn das nicht geklappt hätte, hätte ich mich in Selbstmitleid gewälzt.

 

Ja, aber ganz anders der Verwalter: Er fackelt nicht lange, sondern versucht aus seiner Situation noch das Beste herauszuholen. So einen nennt die Bibel klug!

 

Er handelt ja auch besonnen und pragmatisch! Frei nach dem Motto: Wenn dein Pferd tot ist, dann steig ab. Aber warum Jesus das jetzt so toll findet, verstehe ich immer noch nicht.

 

 

Wenn man nachliest, was andere Ausleger oder Prediger über unsere Geschichte schreiben, sind sie nicht immer einer Meinung. Aber in einem Punkt sind sie sich einig: Der Verwalter ist klug, weil er sofort handelt. Weil er nicht zögert. Weil er nicht mit seinem Schicksal hadert. Weil er nicht lamentiert oder versucht, etwas festzuhalten, was nicht festzuhalten ist. Manche von Ihnen kennen ja den Spruch, der als eine alte Indianerweisheit gilt: „Wenn das Pferd, das Du reitest, tot ist, steig ab“.

 

Der Spruch ist ja nur deshalb originell, weil die Erfahrung häufig eine andere ist. Wir neigen dazu, am Bestehenden festzuhalten. Selbst dann noch, wenn es unumkehrbar vorbei ist. Wir können uns oft nicht lösen von Dingen, an die wir uns gewöhnt haben. Oder von Dingen, die uns mal gefallen haben. Lieber versucht man den Status Quo aufrecht zu erhalten, als einzusehen, dass nun eine Veränderung nötig ist.

 

Dabei leben wir in einer Zeit, die uns an vielen Stellen Veränderungen abverlangt. Im Berufsleben. In unseren Gewohnheiten. In unserer Lebensweise. Mein Vater empfahl mir vor 45 Jahren noch, ich solle lernen, mit dem Rechenschieber zu umzugehen. Weil das gut und hilfreich sei. Ich habe nie einen benötigt und ich vermute, die heutige Generation weiß nicht einmal mehr, dass es so ein Rechengerät gegeben hat.

 

Gerade in Organisationen, die stark mit der Vergangenheit verbunden sind, oder die besonders groß sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man lange an Altbewährtem festhält. Dass man zu lange wartet, um notwendige Entscheidungen zu treffen oder Veränderungen einzuleiten. Die Kirche z.B. ist eine solche Organisation. Und unsere Vorstellungen von Glauben und Christsein sind es mitunter auch.

 

Seid klug, sagt Jesus, und lernt von anderen. Auch von denen, die nichts mit Kirche und Glaube zu tun haben. Sie wissen einiges vom Leben. Sie sind schlau und zögern nicht, auch ungewohnte Wege zu gehen. Sie passen sich ihrer Zeit und den Gegebenheiten einfach an.

 

Zu uns sind viele Geflüchtete gekommen. Nicht darüber lamentieren und versuchen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sich schnell und zügig darauf einstellen. Darum geht es. Auch als Christen und als Kirche. Die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern sich. Menschen leben heute anders als früher. Sie freuen sich am Sonntagmorgen über frische Brötchen und kaufen vermehrt im Internet ein. Nicht alles ist gut und manches muss man auch kritisieren. Aber die Zeiten ändern sich. Geht mit. Bleibt nicht stehen. Sich darauf einzustellen heißt die Devise.

 

Aber auch noch auf eine andere Weise will uns die Geschichte zeigen, dass es gut ist, nicht um den heißen Brei herumzureden. Ganz konkret, wenn es um Schuld geht. Der Verwalter in der Geschichte versucht nicht, sich zu rechtfertigen. Oder sein Verhalten zu entschuldigen. Nein, er weiß, er hat etwas falsch gemacht. Und dann steht er dazu. Einfach so. Ohne lange darum herumzureden. Der Beschuldigte gibt den Vorfall zu. Ja, das war ich.

 

Es ist immer wieder schwer verständlich, wenn Menschen nicht zu dem stehen können, was sie offensichtlich getan haben. Selbst wenn alle anderen es wissen.

 

Wir wissen nicht, worin der Betrug des Verwalters bestand, aber offensichtlich ist er geschehen. Und andere wissen davon. Und der Verwalter sagt: Ja, das war so. Damit muss ich jetzt leben. Und ich versuche jetzt, mit den Konsequenzen klar zu kommen und ihnen nicht auszuweichen. Aber ich kann das trotzdem aufrecht tun. Buße und Reue sind wichtig, aber sie sollen angemessen sein und ich muss nicht mein ganzes Leben lang mit gesenktem Kopf und eingezogenen Schultern unterwegs sein. Ich kann nach vorne schauen.

 

Das ist die Frucht der ernüchternden Einsicht, dass wir ganz sicher nicht unschuldig durchs Leben gehen werden. Denn das wird uns nicht gelingen. Und wir müssen damit leben. Und versuchen, beides zugleich zu sein: demütig und tapfer. Wir sind immer wieder schuldig, aber wir gehen trotzdem aufrecht.

 

Ich wünsche Ihnen beides: dass Sie, wenn deutlich wird, dass Sie Ihr Leben oder Ihr Verhalten ändern müssen, nicht zögern und mutig den nächsten Schritt gehen.

Und dass Sie dort, wo Sie mit Schuld in Ihrem Leben konfrontiert werden, den Mut haben, diese Schuld anzunehmen und mit den Konsequenzen zu leben und trotzdem aufrecht durchs Leben zu gehen.

 

Der Gedanke gefällt mir: Dass ein Schuldeingeständnis nicht heißt, ewig zerknirscht zu sein, sondern sich mutig den Folgen zu stellen. Ich finde es interessant, dass sich der Verwalter plötzlich mit den Schuldnern zusammentut. Er wechselt einfach die Seiten.

 

Das erinnert mich an das ethische Konzept der common aims, von dem ich in einer Vorlesung gehört habe. Es besagt, dass man ein gemeinsames Ziel verfolgen kann, auch wenn man zu sehr unterschiedlichen Gruppen gehört.

 

Der Verwalter hat also erkannt, dass er als Einzelkämpfer nicht mehr weiterkommt, sondern dass er und die Schuldner gemeinsame Interessen haben und sich gegenseitig unterstützen können.

 

 

Bei meinem dritten Punkt haben wir lange darüber diskutiert, ob man das tatsächlich aus der Geschichte herauslesen darf oder kann. Ich bin gespannt, wie Sie das sehen.

 

Wenn man die Geschichte nämlich so versteht, dass mit dem begüterten Herrn Gott gemeint ist, dann kann man den Verwalter als eine Person der Kirche verstehen. Als einen, der die Kirche repräsentiert, oder die Christen. Und man kann die anderen Schuldner als Menschen verstehen, die sich außerhalb von Kirche oder vom Christentum bewegen. Sie haben natürlich trotzdem mit Gott zu tun. Kritisch ist, dass der Verwalter ja nicht freiwillig handelt. Und dass er alles nicht nur zum Wohl der anderen, sondern zu seinem eigenen Vorteil tut. Ein solches Verhalten kann doch Jesus nicht gut heißen?

 

Man kann das Verhalten des Verwalters aber auch so verstehen, dass er durch den aufgeflogenen Betrug gezwungen ist, seine Situation zu überdenken. Und er kapiert, dass er die anderen braucht. Dass er als Einzelkämpfer nicht weit kommt. Er versteht, dass seine Schuld und die Schulden der anderen etwas miteinander zu tun haben. Und dass sie dieser Umstand verbindet. Auch Gott gegenüber.

 

Ich meine, dass in dieser Geschichte das Verhalten des Verwalters Gott gegenüber weniger entscheidend ist als das Verhalten der Schuldner untereinander. Der Verwalter und die anderen tun sich zusammen und stellen fest: Wir sind gemeinsam unterwegs. Wir können schauen, wie wir zusammen klarkommen. Wir können erkennen, wo wir Gemeinsamkeiten haben. Und wie wir uns gegenseitig ergänzen.

 

Wobei können Menschen dieser Erde, Christen und Nichtchristen zusammen kommen und gemeinsame Sache machen? Ich glaube, immer dann, wenn es um Dinge geht, die uns einfach als Menschen betreffen. Auch als Menschen Gott gegenüber. Wenn es um Gerechtigkeit geht, zum Beispiel. Oder um Frieden. Oder um das Beenden von Kriegen und Gewalttaten. Wenn es darum geht, für Menschen in Not da zu sein. Oder wenn es um unsere Erde und das Klima geht.

 

Es gibt so viele Themen, die uns mit allen Menschen dieser Erde verbinden. Und Jesus sagt: Ja, tut euch zusammen. Schaut, dass Ihr alle klarkommt. Wenn Ihr das versucht, dann seid Ihr durchaus auf einem guten Weg. Common Aims – gemeinsame Ziele haben. Verbündete werden um einer Sache willen. Auch wenn es darum geht, Schuld gemeinsam zu tragen und Schulden gegenüber Gott gemeinsam abzutragen.

 

Das Evangelium sagt: Christus ist für alle gestorben, Lebende, Tote – man könnte auch sagen Christen und Nichtchristen, einfach alle. Die Schuld ist getilgt. Gerade wir als Christen dürfen das wissen. Jetzt lasst uns an die Arbeit gehen, als Menschen, die alle schuldig sind. Als Menschen, die zu ihrem Leben stehen können und als Menschen, die gemeinsame Sache machen können. Um Gottes Willen. Um unserer Erde willen. Um unseretwillen.

 

Gott segne uns. Amen

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

(1) Predigttext Lukas 16, 1-8: Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

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