Was bin ich wert?

Evangelischer Rundfunkgottesdienst aus der Liebfrauenkirche in Neustadt am Rübenberge
Evangelischer Rundfunkgottesdienst aus der Liebfrauenkirche in Neustadt am Rübenberge

Bild: Kirchengemeinde Neustadt

Über die Sendung

„Was bin ich wert?“ – Kann man das berechnen und in Geld aufwiegen? Oder ist es so wie im Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das heißt, jeder Mensch ist unendlich viel wert. Eine Ausstellung in der Liebfrauenkirche beschäftigt sich mit den „Tischgesprächen bei Luther“. Eine Kernfrage dabei ist: Was bin ich wert? Daraus ist ein Gottesdienst entstanden, in den sich viele Menschen aus der Kirchengemeinde sehr persönlich einbringen. Ein Schüler, ein Unternehmer, ein Mensch mit Behinderung, eine Seniorin – sie alle erzählen von Ihren Erfahrungen mit Wert und Würde im eigenen Leben.

Die Predigt hält Pastor Marcus Buchholz, Pastor Dr. Christoph Bruns führt durch die Liturgie. Musikalisch begleitet wird der Gottesdienst von Jan Katzschke an der Orgel und Kreiskantorin Birgit Pape am Flügel. Die Geige spielt Clara Marie Kupke.

Die Liebfrauenkirche in Neustadt ist eine fast 800 Jahre alten ehrwürdige Basilika. Weiße Wände, Kreuzgewölbe, alte romanische Säulen – all das steht für die Ruhe, den Schutz und die Geborgenheit des Glaubens.

 

Gottesdienst nachhören

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Liebe Gemeinde!

 

Stellen Sie sich vor: Jeder Mensch ist unendlich wertvoll und kostbar. Keiner ist überflüssig, niemand wird aufgegeben.

Eine schöne Vorstellung, aber sie passt leider nicht in die Welt. Zum Beispiel an der Supermarktkasse. Da schmerzen die Blicke: die Menschen glotzen auf seinen gelähmten Arm in einer Schiene aus Carbon, auf sein lahmes, linkes Bein. „Diese abwertenden Blicke, die tun weh“. sagt Sebastian Bohle. Der 35-Jährige ist behindert. Und manchmal an der Kasse im Supermarkt, da fühlt er sich weniger wert als er Kleingeld im Portemonnaie hat. Seine existenzielle Frage: „Was ist mein Leben noch wert?“

Und ich frage weiter: Ist jedes Menschenleben gleich viel wert, egal ob Behinderter oder Spitzensportler, Deutscher oder Geflüchteter? Freund, Feind oder Unbekannte?

 

Wirtschaftsexperten sagen: Leistung bestimmt unsere Gesellschaft. Mein Eindruck ist sogar: Wir lassen unseren Wert durch Leistung bestimmen. Im Grunde genommen glauben wir an den Gott der Leistung. Und dieser Leistungsgott ist ein gnadenloser Gott: Er belohnt die Tüchtigen, diejenigen, die sich bewährt haben und stößt alle anderen in den Dreck.

In den Dreck ist auch Sebastian Bohle gefahren, vor elf Jahren mit seinem Motorrad, morgens um 4 Uhr auf dem Weg zur Arbeit. Ein Reh sprang aus dem Wald auf die Straße. Vollbremsung – dann: alles schwarz. Keine Erinnerung. Sebastian hat vier Liter Blut verloren, erlitt sieben Knochenbrüche, eine schwere Schädelverletzung, sein rechter Arm ist seitdem gelähmt, sein rechtes Bein zerstört. Früher, da war er der Macher, der Organisator, der Schrauber als gelernter KFZ-Mechaniker. Der, der alles wieder mit seinen Händen in Ordnung bekommen hatte. „Damals war ich Superman“, sagt er. Nach dem Unfall war er nur noch ein Totalschaden. Nichts wert. Sagt er.

„Bring Leistung, nimm so am Leben teil und investiere die Belohnung erneut ins System, um noch besser zu werden, dir noch mehr leisten zu können: Du hast es Dir verdient!“ – Sätze aus der Werbung wie diese gehen Sebastian ständig durch den Kopf, wenn er auf seinen kaputten Körper schaut, in ihm lebt, die Schmerzen am Bein jeden Tag spürt.

Oft fühlt sich Sebastian schwach und wertlos. Nicht nur an der Supermarktkasse, auch weil er Zweifel hat: „Warum musste mir dieser Unfall passieren? Ist das alles hier noch lebenswert?“ Sebastians Fragen sind Stellvertreterfragen für viele Menschen.

 

So auch bei Niklas: Bei dem 17-jährigen Schüler geht es jeden Tag um seinen Wert: Wer hat die besten Noten und die coolsten Schuhe? Der Wert eines Menschen gemessen an Leistung und Aussehen.

Oder beim Unternehmer Ulrich Temps – da geht es jeden Tag um den Wert eines Mitarbeiters: Gute Arbeit, gleich gute Leistung, gleich guter Umsatz, ein gutes Geschäftsjahr. Der Wert eines Menschen gemessen an der Bilanz des Unternehmens?

 

Und auch bei der Seniorin Monika Lingscheidt glückt nicht jeder Geburtstagbesuch, mal macht niemand auf, mal wird sie beschimpft, mal frühstückt sie zwei Stunden mit einem Geburtstagskind: Der Wert eines Menschen gemessen am Erfolg des Engagements.

Um den Wert eines Menschen ging es Jesus, diesem jungen Zimmermann, Arbeiter und Wanderprediger vor allem: Vor 2000 Jahren stellten ihm die Randständigen, Kranken und Ausgegrenzten genau diese Frage: „Was sind wir wert?“. Er erzählte dann diese Geschichten, am liebsten Gleichnisse, die am Ende eine Antwort gaben. Zum Beispiel diese vom verlorenen Sohn.

 

Es ist eine Geschichte, die von Zuwendung und Neuanfang erzählt, die einem Menschen die Würde und den Wert zurückgibt. Es ist eine Geschichte, in der es um Geld und Leistung geht: Ein Vater, zwei Söhne. Der Jüngere fordert den Teil des Vermögens, der ihm zusteht. Er macht ihn zu Geld. Macht sich vom Acker, zieht in die Fremde. Er verschleudert alles und bald geht es ihm richtig dreckig. Der junge Mann sucht Arbeit, findet einen Job auf dem auf Feld und muss Säue hüten – unreine Tiere, eine erniedrigende Arbeit. Nicht einmal vom Schweinefraß bekommt er etwas ab. Am Boden liegend, erinnert sich der verlorene Sohn an seine Heimat: Brot in Fülle. Vom Elend zermürbt, beschließt er, heimzukehren. Der alte Vater geht – im Orient fast ein Skandal – dem Ehrlosen entgegen, umarmt und küsst ihn zum Zeichen der Vergebung. Er erhält ein feines Gewand, Sandalen an die Füße, einen Ring als Symbol des freien Mannes. Und bald steigt eine üppige Fete: „Wir wollen Mahlzeit halten und feiern, und alle sollen sich freuen. Denn mein Kind hier war tot und ist lebendig geworden; es war verloren und ist wiedergefunden“, ruft der Vater. Bedingungslose Liebe. Wert und Würde sind wieder da.

 

Jesus hat den Menschen damals diese Geschichte erzählt, um klar zu sagen: Ihr seid unendlich viel wert. Egal, ob Ihr im Dreck lebt, verschuldet oder unverschuldet. Euer Wert ist nicht abhängig von äußeren Maßstäben wie Leistung, Schönheit, Erfolg. Ihr könnt neu anfangen, weil Gott sich euch zuwendet. Die Geschichte erzählt von der bedingungslosen Liebe Gottes für jeden Menschen. Das macht seine Würde aus. Jeder Mensch ist gleich viel wert. Jede und jeder entdeckt das auf ganz eigene Weise.

 

Sebastian Bohle hat erzählt: Als er sich an langen, einsamen Wochenenden im Krankenhaus völlig verlassen fühlte, da kamen plötzlich Menschen aus der Kirchengemeinde. Sie feierten mit ihm Abendmahl am Krankenbett: Gemeinsam aus dem Kelch trinken, zusammen das Brot essen, das bedeutet für ihn: „Gott erfüllt mich und macht mich ganz und innerlich wieder stark.“ Zum Glück gibt es da auch seine Frau Sarah und den sechsjährigen Sohn. Für ihn bleibt er „der Superman“, lacht Sebastian.

 

Oder die Seniorin Monika Lingscheidt. Neulich hatte sie bei einem Taufgottesdienst ein besonderes Erlebnis, wie sie sagt: Auf einmal hat sie gefühlt, dass mit der Taufe ja bei jedem Menschen die Würde unterstrichen wird. Und dann war da die Erinnerung an ihre eigene Taufe. Nach diesem Gottesdienst hat sie sich ganz froh und irgendwie motiviert gefühlt.

Und Ulli Temps, der Unternehmer, erinnert sich: Wenn ich dann sehe, mit wieviel Motivation die Geflüchteten in unserem Malerbetrieb an die Arbeit gehen, wie sie sich gegenseitig helfen, auch wenn sie aus zehn verschiedenen Ländern kommen – das motiviert ihn dann wieder. Und er schöpft Kraft, wenn er gelegentlich mittwochabends zur Andacht in die Kirche kommt. Raus aus dem hektischen Alltag, rein in die Stille und warme Atmosphäre der Kirche. Hier im Gebet findet er Entspannung und Energie für neue Aufgaben im Betrieb. Das stärkt ihn in der Verantwortung für seine vielen Mitarbeiter und Kunden.

 

Auch Niklas Behrmann hat so eine Kraftquelle, sagt er: Ohne Schuldruck findet er beim Jugendtreff in der Kirchengemeinde eine starke Gemeinschaft. Er genießt den Respekt, den hier die Jugendlichen untereinander haben. Das hilft ihm für die Arbeit mit den Konfirmanden, sie zu unterrichten, mit ihnen über das Thema Würde zu reden und Respekt einzuüben.

 

Ich glaube, jeder Mensch braucht seine Kraftquellen, die ihm helfen gegen alles, was das eigene Leben, das Handeln und den Selbstwert in Frage stellen. Sie können ganz unterschiedlich sein, aber die Erfahrung: „Ich bin in den Augen Gottes wertvoll“ ist eine wichtige Grundlage. Und es ist gut, wenn wir uns gegenseitig dabei unterstützen, diesen Wert immer wieder zu finden und uns vor Augen zu halten. „Du bist unendlich viel wert.“

 

Amen

Und der Friede Gottes, welcher ist höher als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

Sendungen

Vorherige Sendung
31.10.2017 10:05
Nächste Sendung
19.11.2017 10:05