Wenn mich jetzt jemand so sieht – Unsere Scham und Gottes Blick

Evangelischer Rundfunkgottesdienst aus der St. Jakobskirche in Frankfurt am Main-Bockenheim
Evangelischer Rundfunkgottesdienst aus der St. Jakobskirche in Frankfurt am Main-Bockenheim

© Evangelische Gemeinde Frankfurt-Bockenheim

Über die Sendung

Scham ist nicht angenehm, aber wichtig und menschlich. Mit dem Motto: „Wenn mich jetzt jemand so sieht – Unsere Scham und Gottes Blick“ nähert sich der Gottesdienst dem Gefühl der Scham. Eine Lehrerin, ein Krankenpfleger und eine Journalistin berichten von beruflichen und persönlichen Erfahrungen, die mit Scham besetzt sind. Pfarrer Rüdiger Kohl zeigt in seiner Predigt über den Zöllner Zachäus aus dem Lukasevangelium, wie aus Scham etwas Gutes entstehen kann. Den Gottesdienst gestaltet Pfarrer Rüdiger Kohl mit seinem Team. Die Kantorei St. Jakob und die Capella FrancoForte unter der Leitung von Kantor Peter Scholl musizieren u.a. Stücke von Antonio Vivaldi und John Rutter. Jens Amend spielt die Orgel.
Die St. Jakobskirche im Frankfurter Stadtteil Bockenheim ist sonntags stets gut besucht, untypisch für eine Großstadt. Menschen jeden Alters schätzen die lebensnahe Auslegung der biblischen Botschaft, herzliche Verbindungen zu anderen im Stadtteil und die Vielfalt der Kirchenmusik. Die Kirche ist eine Oase: Im ovalen Kirchenraum leuchten rundum Glasfenster in sattem Blaugrün. Sie zeigen biblische Geschichten sowie Legenden des Heiligen Jakob, denn die Kirche liegt am alten St. Jakobs-Pilgerweg nach Santiago di Compostela. Der Künstler Charles Crodel hat die Fenster nach seinem französischen Exil in den 1950er Jahren gestaltet. Crodel galt unter der der NS-Herrschaft als „entarteter Künstler“.

Gottesdienst nachhören

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen

Liebe Gemeinde,

liebe Hörerinnen und Hörer,

 

„Wenn mich jetzt jemand so sieht!“ Das denkt man unwillkürlich, wenn man in einer peinlichen Lage gesehen wird. Mir ging’s gerade so bei einer Feier. Als ich in die Wohnung kam, merkte ich: Ich bin viel zu leger angezogen. Alle anderen hatten sich richtig schick gemacht. Peinlich. Ich hab gesehen, wie ein Mann in meine Richtung geschaut und mit seiner Partnerin getuschelt hat. Die haben sich wahrscheinlich lustig über mich lustig gemacht. „Kann der nicht lesen? Der Dresscode stand doch auf der Einladung.“ Am liebsten wollte ich wieder gehen. Ich dachte: Alle sehen, ich gehöre nicht dazu. Aber dann hat mich der Gastgeber herzlich begrüßt und relativ laut gesagt: „Meine Krawatte ist so eng, die bringt mich um. Ich zieh sie gleich aus!“ Ich wurde lockerer und dachte, na ja, sowas kann vorkommen. Damit kann man leben.

Schwerwiegender ist, wenn jemand etwas macht, was er eigentlich nicht verantworten kann. Wenn ich gegen Normen verstoße, die ich eigentlich mit anderen teile. Dann schäme ich mich. Dann habe ich die Angst: Andere beurteilen nicht das, was ich tue. Sondern schätzen mich als Person gering. Denn Scham betrifft immer den ganzen Menschen. Dann nehme ich den Blick der Anderen als bedrohlich wahr. Bedrohlich für mein eigenes Selbstbild. Bedrohlich für meine Würde.

 

Scham ist ein Gefühl, über das man naturgemäß nicht gern spricht. Doch sie ist ein ganz menschliches Gefühl. Jeder empfindet sie wohl ein bisschen anders. Sie ist in unterschiedlichen Kulturen verschieden ausgeprägt – in Japan, in der asiatischen Kultur zum Beispiel, schämt man sich zum Teil für andere Sachen als bei uns. Das Gefühl der Scham ist mal kurz und mal lang. Flüchtig bis dauerhaft und leicht bis abgrundtief, sogar traumatisch. Doch selbst wenn sie noch so unangenehm ist: Sich zu schämen ist menschlich. Denn das Gefühl der Scham gehört zu Menschen dazu.

Und Scham kann auch hilfreich sein. Wir haben eben im Gottesdienst gehört, wie drei Menschen erzählen, wie sie Scham erfahren haben. Die Beispiele zeigen: Es gibt im Inneren des Menschen etwas Kostbares, das es zu schützen gilt. Das gilt in der Schule, im Krankenhaus, auch bei Beschimpfungen in den Medien. Ein Freiraum für einen selbst, der anderen nicht zugänglich sein soll. Gerade in einem Zeitalter, in dem fast alles öffentlich wird. Wer sich schämt, ist sensibel dafür. Wo die Schamgrenze eines Menschen von anderen bewusst und scham-los überschritten wird, ist seine Würde in Gefahr.

In der Bibel gibt es viele Geschichten von Menschen, die sich schämen. Wenn sie mit dem Blick anderer Menschen oder mit Gott konfrontiert werden. Dabei fällt auf: Oft ist das Gefühl der Scham der Schlüssel, um zu verstehen, wie Menschen sich neu orientieren, umkehren, wieder in die Gemeinschaft integriert werden. Wenn mit der Scham richtig umgegangen wird, ist es möglich, dass Menschen sich befreit fühlen und stärker werden. Und dass aus der Scham Gutes erwächst.

Auch die Geschichte von Jesus und Zachäus handelt von menschlicher Scham und Gottes Blick. Davon erzähle ich Ihnen nach dem Adagio von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

 

 

 

Wie aus der Scham Gutes entstehen kann, davon erzählt die Geschichte von Jesus und dem Oberzöllner Zachäus. Wir haben sie gerade gehört. Das Wort „Scham“ kommt nicht vor. Doch es geht hier um einen, der sich schämt.

Bei Zachäus und Jesus habe ich ein Bild aus meiner alten Kinderbibel vor Augen. Ich sehe einen Baum mit vielen großen Blättern. Wenn ich genau hinschaue, ein paar Augen, die zwischen den Blättern hindurch schauen, neugierig verfolgen, was da unten auf der Straße passiert. Da versteckt sich einer, aber er will genau sehen, was geschieht. Da versteckt sich einer, aber vielleicht will er ja auch gesehen werden!

Sich verstecken. Und doch gesehen und gefunden zu werden. Ein Widerspruch. Zachäus ist sowieso ein Mensch voller Widersprüche Er ist ein Oberer von Berufs wegen und gleichzeitig klein von Gestalt. Alle können sehen: Er ist körperlich nicht so groß, wie er sein möchte. Nicht so groß, wie man sein möchte, wie man gesehen werden will. Das ist auch im übertragenen Sinn für viele Menschen ein zentraler Konflikt in ihrem Leben. Und Grund, sich zu schämen.

 

In meiner Kinderbibel ist er fast niedlich gezeichnet. Da sitzt also der kleine Zachäus, auf dem Maulbeerbaum. Niedlich aber ist Zachäus in den Augen der Menschen nicht: Ein Verräter am eigenen Volk ist er, der mit den Bösen gemeinsame Sache macht. Der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Mit dem will man nichts zu tun haben!

Der sitzt jetzt auf dem Baum. Da thront er über den anderen, wie sich das für ihn gehört. Doch der Oberzöllner auf dem Baum wirkt einfach lächerlich. Das kennen wir: Es ist eine Urangst der Menschen, lächerlich zu erscheinen. Wir wissen nicht, wie sich Zachäus dort oben fühlt. Ob er denkt: „Wenn mich jetzt jemand so sieht.“ Doch alle, die ihn so sehen, spüren: Sein Status, was er ist, und das, was er tut, passen nicht zusammen. Die anderen erkennen ihn sowieso nicht an, er gehört nicht dazu. Nun tut er gerade alles dafür, darüber hinaus nicht mehr ernstgenommen zu werden.

Der Mächtige in einer peinlichen Situation. Das ist peinlich und gleichzeitig willkommen zum Lachen und zu Klatsch und Tratsch. Was haben wir als Schüler damals gefeixt, als unsere Lehrerin auf der Klassenfahrt nach Berlin einen über den Durst getrunken hatte und dann schlafend im Bus saß. In dem Moment hatte niemand mehr Respekt vor ihr.

Zachäus erfährt gerade einen Kollaps seines Ansehens. Denn wer im Maulbeerbaum sitzt, hat eine enorme Fallhöhe.

Auf dem Bild meiner Kinderbibel verbirgt sich Zachäus, man kann ihn zwischen den großen Maulbeerblättern kaum erkennen. Eigentlich will er sich nicht die Blöße geben, die er mit dem Blatt notdürftig zu verhüllen sucht. Vielleicht will er auch verbergen, dass er wie jeder Mensch bedürftig ist. Denn das ist er, auch und gerade als mächtiger Oberzöllner.

Und gleichzeitig hofft er, dass er im Versteck gesehen und gefunden wird. Er hofft, dass Jesus ihn sieht. Er will, dass er ihn sieht, so wie er ist: Er will als Mensch gesehen und anerkannt werden.

Ob und wie das gelingt, hören wir nach der folgenden Musik: Pastorale für Oboe und Orgel von Harald Heilmann.

 

 

 

Zachäus versteckt sich, um gesehen zu werden. Und es geschieht, was er gefürchtet und gleichzeitig gehofft hat: Jesus sieht ihn. Offenbar sieht Jesus Zachäus so an, dass Zachäus spürt: „Ich brauche mich nicht zu schämen, dass ich bedürftig bin, dass ich angesehen werden will, dass ich angesehen sein will.“

Interessant ist, was Jesus nicht tut: Er hält keine Strafpredigt. Er stellt ihn nicht bloß: Was willst du denn da oben?

Jesus tut etwas ganz Einfaches: Er sieht Zachäus an: da, wo er ist. So, wie er ist. Und traut ihm etwas zu! Er traut ihm zu, dass er selbst weiß, was zu tun ist. Dass er selbst weiß, was Recht ist und was Unrecht.

Das einzige, was Jesus einfordert, ist Gastfreundschaft, eine offene Tür, ein offenes Herz. „Ich muss heute bei dir zu Gast sein!“ sagt Jesus. So wird Zachäus gesellschaftsfähig. Jesus holt ihn in die Gemeinschaft zurück und erweist ihm Ehre.

Jesus gibt ihm dadurch seine Würde zurück. Er sagt: „Auch er gehört zum Volk Gottes“ Jesus sieht ihn an, als Geschöpf und Ebenbild Gottes, der tatsächlich beide Möglichkeiten hat: Weiter Unrecht zu tun – und Gutes zu tun. Schuldig zu werden – und es wieder gut zu machen. Diese Möglichkeiten hat jeder Mensch.

Dieser Blick Jesu wirkt. Zachäus verändert sich Es ist, als hätte Jesus bei ihm eine Blockade gelöst. Er kann sich wieder selber im Spiegel in die Augen sehen.

Er muss kein ganz anderer Mensch werden, nicht mal seinen Beruf aufgeben. Was soll Zachäus tun? Sich ansprechen lassen und sein Herz und seine Tür aufmachen. Sein Herz, damit er spürt, dass er sich nach einem neuen Leben sehnt. Und seine Tür, damit Jesus bei ihm einkehren kann.

Und die Umstehenden? Sie murren über das, was Jesus tut. Sie sagen: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“ Wie gerne würden sie aus dem Maulbeerbaum einen Pranger machen. Doch sie müssen sehen: So einer wie Zachäus, der gehört zu ihnen.

Jesus zeigt: Gott sieht Menschen anders an. So, dass sie zu ihren Gefühlen stehen können. Und: Er will uns überflüssige Scham ersparen. Er zeigt uns: Wir gehören zu ihm. Mit dem, was wir können. Mit unseren Grenzen. Mit unseren Schwächen. Gott heißt nicht alles gut, was Menschen tun, was ich tue. Aber Gott sieht, wo sich ein Mensch weiterentwickeln kann. So bewahrt er unsere Würde.

Dazu gehören. Anerkannt werden. Angesehen sein. Das brauchen wir alle.

Ich stelle mir vor: Wir beginnen, uns mit dem Blick Jesu, mit dem Blick Gottes anzuschauen. Zum Beispiel in der Schule. Wir alle waren in der Schule und wissen: Da geht es nicht ohne Scham. Weil Leistungen und Verhalten von Schülern benotet werden, benotet werden müssen. Es geht aber darum, überflüssige Scham zu vermeiden. Schüler müssen von Lehrern und Eltern viel häufiger hören: „Auch wenn du einen Fehler gemacht hast: Du bist kein Fehler. Du hast etwas falsch gemacht, aber du bist nicht falsch. Ich sehe dich mit deinen Möglichkeiten, dich zu entwickeln.“

 

Ich brauche Respekt im Beruf. Ob als Journalistin oder Politiker. Respekt vor jedem Beruf. Wer respektiert wird, dem fällt es auch leichter, Fehler einzugestehen, die überall passieren.

 

Oder im Krankenhaus. Wenn ich verwundet bin, wenn ich schwach bin. Wenn ich krank oder verletzt bin, dann brauche ich Menschen, die meine Grenzen respektieren. Die versuchen, meine Intimsphäre zu wahren, so gut es geht. Die mir zeigen: Du brauchst dich nicht zu schämen, weil du nicht so gesund bist, wie du gerne wärst.

Dann brauche ich den Blick, der mir zugewandt bleibt. So wie Gott mir und allen Menschen zugewandt bleibt. Dann brauche ich genau den Blick, mit dem Jesus den Zachäus angesehen hat. So sieht Jesus mich an. Und alle Menschen.

Amen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.