125. Geburtstag Martin Niemöllers

Morgenandacht

„Oo duh-mah-thee-a“: „Der auf dem rechten Weg Wandelnde“ haben ihn die Ponca-Indianer genannt und ihn zu ihrem Stammesmitglied erklärt. Da war er schon 71 Jahre alt. Einen ebenfalls indianisch klingenden Namen hatte ihm das Magazin Der SPIEGEL bereits zwölf Jahre vorher gegeben und ihm eine Titelgeschichte gewidmet: „Der mit Benzin löscht“.

 

„Der mit Benzin löscht“ und „Der auf dem rechten Weg Wandelnde“ – beide Namen treffen und sie ergänzen einander. Die Rede ist von Martin Niemöller, dem vielleicht streitbarsten evangelischen Pfarrer und Theologen des 20. Jahrhunderts. Heute ist sein 125. Geburtstag.

 

Dass er stets Der auf dem rechten Weg Wandelnde war, zu dem ihn die Poncas gemacht hatten, das hat der streitbare Niemöller oft so empfunden. In der Rückschau auf sein Leben meinte er aber, dass ihm entscheidend wichtige Dinge erst sehr spät klargeworden sind. Die erste Autobiographie veröffentlicht Niemöller schon 1934, mit 42 Jahren. 50 weitere Jahre lebt und streitet der Theologe da noch. Seine Autobiographie heißt „Vom U-Boot zur Kanzel“. Auf der Kanzel schien Martin Niemöller 1934 endgültig angekommen, nachdem er im ersten Weltkrieg U-Boot-Kommandant war, dann unter Protest seinen Abschied nahm, Gutsbesitzer werden wollte, alles durch die Inflation verlor und so als Theologiestudent von vorne anfing. 1934 war er Pfarrer in Berlin Dahlem und schon längst im Widerspruch zu den Nationalsozialisten, denn er war Vorsitzender des Pfarrernotbundes. Das waren jene Pfarrer, die sich im Dritten Reich den Deutschen Christen widersetzten. Weil Niemöller Hitler auch direkt widersprach, wurde er schließlich dessen persönlicher Gefangener. Neun Jahre saß der Theologe im Gefängnis, acht davon im KZ, überlebte aber und war ungebrochen. So ungebrochen, dass er 1951 den Titel „Der mit Benzin löscht“ bekam. Auch mit dem Adenauerdeutschland stand er auf Kriegsfuß, weil er Frieden wollte und die deutsche Teilung befürchtete. Und um seinen deutlichen Worten Taten folgen zu lassen, reiste er im kältesten kalten Krieg einfach nach Moskau zu einem offiziellen Kirchenbesuch. Deutschland stand Kopf. Später reiste er auch nach Nord-Vietnam und nach China.

 

Er war unbequem – und das wollte er auch sein. Er legte sich mit jeder Partei an. Denn aus dem einstigen Offizier war spätestens durch Atom- und Wasserstoffbombe ein radikaler Pazifist geworden und ein solcher passte nirgendwo so richtig in die etablierte politische Landschaft der Nachkriegszeit. Martin Niemöller war beim ersten Ostermarsch in Großbritannien 1958 dabei und brachte die Friedensmärsche anschließend nach Deutschland.

 

Was würde Jesus dazu sagen? war sein Leitsatz. Das klingt naiv, weil Jesus zu den heutigen Problemen wenig Konkretes beitragen kann, aber Niemöller meinte das nicht naiv. Was würde Jesus dazu sagen? Die Frage war für ihn Richtschnur und zugleich eine Kampfansage an die landläufige protestantische Ethik und kirchliche Gesellschaftslehre. Die direkte Frage nach Jesus, nach der Ethik des Wanderpredigers, nach der Bergpredigt als Kompass, provozierte.

 

Mich provoziert sie bis heute.

 

Natürlich weiß ich, wie Niemöller es auch wusste, dass Jesus nicht eins zu eins Lösungen für alle heutigen Fragen hat. Aber Jesus hat heftige ethische Maßstäbe und diese werden ohne Fürsprecher dauernd kleingeredet oder man redet sie sich selber klein.

 

Martin Niemöller, diesem höchst unbequemen Aufrechten, bin ich dankbar: Dankbar für seine Radikalität und auch dankbar, dass er die Frage Was würde Jesus dazu sagen? nicht frömmlerisch nur auf den eigenen, privaten Bereich bezogen hat. Niemöller hat Jesu Frage politisch und in die Gesellschaft hinein gestellt.

 

Mit Benzin löschen ist nun meine Sache nicht. Aber seinem anderen Namen will ich nacheifern, auch wenn es provoziert: „Der auf dem rechten Weg Wandelnde“ – „Oo duh-mah-thee-a“.

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