Alplerspitze

Geh nie vom Weg ab
Morgenandacht

„Geh nie vom Weg ab“, flüstert die Stimme in meinem Kopf. Ich lege die Hand an die Stirn, blicke hinauf zum Kamm. Schnurgerade läuft der durch den Horizont. Rechter Hand erhebt sich eine Pyramide aus schroffem Fels, die Alplerspitze. Zu dem Bilderbuch-Panorama gehört auch eine besonders geformte Wolke – ovaler Ballen, fünf Finger. Wie eine offene Hand schwebt sie über dem Gipfel. Den wollten wir erklimmen. Fast 2.800 Meter, Blick zu den Dolomiten. Doch auf diesen Ausblick müssen wir wohl verzichten. Daniel stemmt die Hände in die Hüften, Schweiß glänzt um seine Augen, er schaut zu Boden. Vor gut zwei Stunden haben wir den Bergpfad verlassen. Seitdem kämpfen wir uns durch kniehohes Gestrüpp, über Geröllfelder, vorbei an äsenden Ziegengrüppchen. Aber kein Vorwärtskommen.

 

Daniel und ich kennen uns seit mehr als dreißig Jahren. Zunächst der Bolzplatz in unserem Viertel, die Sommerlager mit den Pfadfindern, dann die Streifzüge durch die Cafés der Stadt. Am Wandern haben wir festgehalten. Bis heute. Dieses Mal sind wir in Südtirol – gemeinsam mit unseren Familien. Zwei Wochen abspannen, mit den Kindern spielen, gut Essen, und natürlich die eine oder andere Bergtour zu zweit. Dabei Reden, vor allem Schweigen.

 

„Geh nie vom Weg ab.“ Die Warnung aus dem Märchen hat ihren Grund und Gehalt. Sie gilt in jedem Fall für die Alpen. Eine Schnapsidee, ausgerechnet in über 2.000 Metern Höhe eine Abkürzung nehmen zu wollen. Weiter oben meckern die Bergziegen, als wollten sie unsere Naivität kommentieren.

 

Die Querfeldeintour hat enorm viel Kraft gefordert. Daniel weist nach unten. Auf der Ebene am Fuß der Alplerspitze lässt sich eine Holzhütte erkennen, drum herum Weidepfähle. Von dort läuft ein hauchzarter heller Strich hinab ins Tal – der Weg. Wir beschließen, das Gipfelerlebnis aufzugeben und uns lieber an den Abstieg zu machen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Wir waten in einem Meer aus Blaubeersträuchern. Und je tiefer wir kommen, umso steiler wird es. Also setzen wir uns, rutschen vorsichtig auf dem Hosenboden weiter. Aber mit einem Mal fällt der Hang fast senkrecht ab. Mir wird heiß, dann kalt. Angst hämmert in meiner Brust. Daniel murmelt etwas. „Wenn wir das hier überstehen, dann ...“. Den Rest verschluckt der Wind.

 

Im Hotel warten die Familien. Die ahnen nichts von unserem Leichtsinn. Daniel hat das mit der Abkürzung von Anfang an nicht behagt. Jetzt schaut er auf den Stand der Sonne, öffnet den Rucksack. Brot, Wurst, Wasser. Keiner spricht ein Wort. Nur der Wind, das Summen der Insekten, das Lachen der Bergziegen. Vor uns gähnt der Abgrund. Es hilft nichts, wir müssen den Hang wieder hinauf, dann unterhalb des Kamms über die Geröllfelder. Irgendwo dort hinten sollten wir auf den Weg stoßen. So machen wir es. Die Hände greifen ins Gestrüpp, finden Halt, dann mit den Bergstiefeln abdrücken. Dieser Aufstieg dauert lange und er kostet noch mehr Kraft. Aber mit der Zeit verändert sich das Gelände, aus dem Klettern wird ein Wandern. Schließlich kommen wir an eine Stelle, wo der Hang dem Tal entgegenfließt. Alle paar Meter die rot-weiße Markierung am Fels. Hier stoßen wir wieder auf den Weg. Kurvenreich läuft er hinab.

 

„Geh nie vom Weg ab“, flüstert erneut diese Stimme in mir. Wir hätten auf sie hören sollen. Ich drehe mich noch einmal um. Der langgezogene Kamm, rechter Hand die schroffe Pyramide, ein azurblauer Himmel. Über der Alplerspitze steht immer noch diese besondere Wolke. Ovaler Ballen, fünf Finger. Sie sieht aus wie eine segnende Hand.

 

 

 

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