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Eine Modedesignerin hat mal zu mir gesagt: „Kleider sind für mich sowas wie eine zweite Haut. Und die ist dafür da, dass man sich in seiner ersten Haut wohl fühlt und sich mit ihr versöhnt.“

Das hat mich neugierig gemacht. Weil ich es eher andersherum kenne. Da ist die zweite Haut eher eine permanente Kritik an der ersten Haut. Der Rock findet die Hüfte zu breit. Die Hose meint, dass die Beine länger sein müssten. Und das Kleid seufzt: Von vorne sieht’s ja noch gut aus, aber von hinten…! Bestätigung für diese Kritik finde ich zuhauf, da muss ich gar nicht vor die Tür, ich muss nur ins Internet. Jetzt quillt meine E-Mail Postfach über vor Werbung fürs Abnehmen und Bodystylen.

Alle sehr freundlich. Aber auch eine Kritik an meiner ersten Haut. In der ich mich eigentlich gar nicht wohl fühlen kann, wenn ich nicht schleunigst was unternehme. Wenn eine berühmte Schauspielerin oder Musikerin sich mal ohne Schminke oder Photoshop zeigt, so ganz natürlich, dann gilt das im Netz geradezu als Sensation.

 

Aber mal unter uns: Gehen Sie gern ungeschminkt aus dem Haus? Oder haben Sie eine zweite Haut, haben Sie Kleidungsstücke, die Sie mit Ihrer ersten Haut versöhnen? Bei mir sind die ziemlich übersichtlich.

 

Wahrscheinlich hat sich der Apostel Paulus mit derlei Fragen eher weniger beschäftigt. Aber mit der Frage des äußeren Erscheinungsbildes durchaus. Weil das in einer Gemeinde großes Thema war. Dieser Gemeinde schreibt er nämlich:

 

„So zieht nun an, als die Geliebten Gottes, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld… Über alles aber zieht an die Liebe.“

 

Die Frage des äußeren Erscheinungsbildes ist durchaus nichts Oberflächliches. Wenn man keine Zeit für ein näheres Kennenlernen hat, zählt mal der erste Eindruck, den man hinterlässt, das Augenscheinliche. Der Stoff, den man trägt ist von Bedeutung.

Paulus jedoch beschwört die Aufmerksamkeit für das „Feinstoffliche“. Es ist nicht der Faltenwurf, auf den man zuerst achten soll. Weder im Rock noch im Gesicht. Natürlich ist der wichtig, aber er steht nicht an erster Stelle. Im Vordergrund sollte das Feinstoffliche stehen:

So zieht nun an…herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld…

 

All das macht die zweite Haut aus, die dazu hilft, sich mit der ersten Haut zu versöhnen. Ja, vielleicht bewirkt sie sogar, dass man sich in der ersten Haut wohlfühlt. Statt also ständig vor dem Spiegel an sich selber herumzukritteln kann man sich auch diese Worte aufschreiben und an die Pinnwand über den Schreibtisch hängen. Oder sie beim Spaziergang vor sich hersagen. Was soll ich nochmal anziehen? Ach ja. Herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Man kann die Aufmerksamkeit von den scheinbaren Defiziten abziehen und sie dorthin wenden, wo noch viel möglich ist: Herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Wenn ich mich darauf konzentriere, kann ich richtig spüren, wie die Kritik an der ersten Haut sich auflöst wie Nebel in der Morgensonne.

 

Ich glaube, dass der Apostel Paulus Recht hat. Es wirkt nicht nur das Augenscheinliche. Es wirkt auch das Feinstoffliche. Und es wirkt oft Wunder. Dass nicht immer alles besser werden muss, bevor es akzeptabel ist. Das ist es, was die ersten Christen so anders hat erscheinen lassen in ihrer Welt. Und das ist es, was Christenmenschen bis heute auszeichnet. Dass sie an die Menschenfreundlichkeit glauben. Weil ihr Gott menschenfreundlich ist.

 

So zieht nun an, als die Geliebten Gottes, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld… Das ist die zweite Haut, die mit der ersten Haut versöhnt. Und wenn es ganz kalt ist, so die Empfehlung des Apostels Paulus: werft noch einen dicken Mantel drüber. Über alles aber zieht an die Liebe.

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