Auferstehen und Tanzen

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Die alte Mary im tansanischen Dorf Uwemba hat sich schön gemacht. Sie hat sich mit Perlenohrringen geschmückt und ein Tuch wie einen Turban über ihr schütteres, graues Haar geschlungen. Am Eingang ihres kleinen Häuschens winkt sie im Sitzen und lacht uns entgegen. Aufstehen kann sie schon lange nicht mehr. Ihre dünnen Beine sind vor Jahren an den Knien durchgebrochen.

 

Mary habe ich vor fünf Jahren in Tansania kennengelernt. Die einheimische Pfarrerin hat mich damals zu ihr geführt. Wir gelangten auf ausgetrockneten, unwirtlichen Wegen an eine Art Hundehöhle. Erst nach langem Suchen habe ich in der Höhle einen Menschen entdeckt, eben Mary. Sie kroch dort auf Knien herum, um sich an einem kleinen offenen Feuer zu wärmen und darauf etwas zu kochen. Ugali vielleicht. Maisbrei.

Noch niemals zuvor hatte ich einen Menschen so elend gesehen, so im Schmutz, ohne Fenster, ohne Strom, ohne Toilette. Ich hatte das Gefühl, dem Tod persönlich ins Auge zu starren, und ich war diesem Gefühl hilflos ausgeliefert.

Als ich das meiner Kollegin dort später stockend gestand, legte sie ihre Hand auf meine Schulter und sagte ruhig, fast emotionslos: so leben hier viele alte Menschen. Mary hat es noch gut. Sie besitzt eine Matratze zum Schlafen.

 

Nach der Rückkehr haben wir in Deutschland Geld gesammelt, damit für Mary und ihre Tochter ein kleines Häuschen gebaut werden kann. Unsere tansanischen Freunde haben das auch prompt in die Tat umgesetzt. Ich weiß, mehr als ein Tropfen auf einen heißen Stein ist das nicht. Und immer wieder höre ich die klugen und besorgten Einwände, was denn sei mit all den anderen dort und mit unseren Alten hier…?

Aber kann ich leben und hoffen, wenn ich mich nur mit all den Einwänden beschäftige, mich aber nicht mehr unmittelbar berühren lasse? Nein, das kann ich nicht. Ich will es auch nicht.

Ich erinnere mich an Jesus, von dem es auch nur wenige, aber nachhaltige Heilungsgeschichten gibt. Er heilte Lazarus und den Jüngling zu Nain, die blutflüssige Frau und den gichtbrüchigen Fremden. Bis heute lerne ich von seinem Mut zur Beschränkung, von seiner Bitte, ihm nachzufolgen. Das klingt vielleicht altmodisch – und tut doch so dringend not.

Die wenigsten Menschen können im körperlichen Sinn heilen. Aber wir können uns vom Elend der Millionen Marys auf der Welt berühren lassen und Strategien gegen deren Elend entwickeln.

 

Die Theologin Dorothee Sölle sagte einmal, dass wir nicht zuerst in einen Gottesdienst gehen sollten, um dort Gott zu begegnen. Nein, sagte sie, wir sollen dorthin gehen, um Gott zu teilen, seine Erfahrungen mit ihm, unsere Hoffnungsgeschichten.

 

Ich habe Mary im letzten Sommer zum zweiten Mal besucht und sie dabei mit den besagten Ohrringen getroffen. Drei Musikerfreunde aus Deutschland waren mitgekommen. Vor Marys Haus, im roten Staub der Dorfstraße, packten sie Geige, Klarinette und eine Trommel aus. Ich durfte mitsingen. Bald kamen aus allen Häusern und Hütten junge und alte Zuhörer, mit Staunen in den Gesichtern. Wir musizierten und sangen uns Freude, Scham und Dankbarkeit aus dem Leib.

Und Mary – sie tanzte im Sitzen und schnipste den Takt mit ihren alten, von Arbeit gezeichneten Händen.

 

Auferstehung dachte ich, Ostern mitten im Leben. Der Stein vor Marys Höhle ist weggerollt. Leben kann möglich werden, wenn wir uns von Gott anstoßen lassen. Auch im dunkelsten Loch.

In drei Tagen feiern Christinnen und Christen den Sonntag JUBILATE. Er lädt ein, zum Singen und Jubeln, mit Pauken und Trompeten.

Ich werde mich dann an Mary erinnern. Und den Takt mitschnipsen, wie Mary. Und ich werde meine Perlenohrringe aus Tansania anlegen.

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