Dankbarkeit

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Vor ein paar Wochen war ich zum Geburtstag eingeladen. Bei Maria, Leiterin der Frauenarbeit in einer Kirchengemeinde. Das Wohnzimmer war proppevoll mit Familie, Freunden und Leuten aus der Gemeinde. Sogar die Pfarrerin war da und hat mit den Gästen gesungen. Dann haben die beiden Kinder von Maria eine kleine Rede gehalten. Eine Dankesrede auf ihre Mutter. Mit Herzchenkuchen und Rosen in der Hand. Ein Junge und ein Mädchen um die 17, also in dem Alter, in dem Eltern eigentlich nur peinlich sind. Und es war ihnen peinlich, sich so bei ihrer Mutter zu bedanken, vor all den Leuten. Aber sie haben es gemacht und Herzchenkuchen und Rosen überreicht. Mit Kuss zum Schluss. Als sie wieder unbeobachtet waren, haben sie sich erschöpft auf die Couch geworfen.

 

Ob die beiden irgendwann sagen: wir wurden gezwungen, was Nettes zu sagen für Mama, obwohl es uns peinlich war. Ich glaube eher nicht.

Die beiden leben nicht hier, sondern in Indonesien. In einer christlichen Gemeinde. Dort gehört es zum Kern des christlichen Glaubens, Dankbarkeit zu zeigen und zu feiern. Dafür haben die Leute dort viele Rituale entwickelt. Egal was einem passiert ist, ob große Freude oder tiefe Trauer, man kommt zusammen und bedankt sich.

 

Weil in Freud und Leid sich zeigt – Selbstverständliches ist gar nicht so selbstverständlich. Dass man Freunde hat und ein gutes Auskommen, dafür kann man dankbar sein. Dass man eine gute Verdauung hat und auch was Leckeres zum Verdauen, ist nicht selbstverständlich. Dass man Eltern hat, die gesund sind und einem eine gute Ausbildung ermöglichen, ist nicht selbstverständlich. Das merkt man nur nicht, solange alles gut geht. Aber wenn man zurückschaut, dann wird einem klar- es hätte auch anders kommen können. Deshalb gibt es viele Gründe, dankbar zu sein. Aber nicht viele sind es.

 

Jesus hat einmal 10 Männer von einer schlimmen Krankheit geheilt, erzählt die Bibel. Er hat ihnen die Chance für ein neues Leben geschenkt. Aber nur einer von den zehn kommt zurück und bedankt sich. Jesus fand das erstaunlich „Wo sind die anderen neun?“ fragt er. Aber der eine, der dankbare, kann es sich auch nicht erklären.

Vielleicht wollen die neun einfach nicht mehr daran denken, wie es war. Wollen einen Schnitt mit der Vergangenheit machen. Weil die Zeit so schlimm für sie war.

 

Ich kann gut verstehen, dass manche Kinder auf Distanz gehen zu ihren Eltern. Sie wollen ein neues Leben anfangen, ungute Erinnerungen hinter sich lassen. Aber dieser Schnitt schneidet ihnen auch die Wurzeln ab. Die Wurzeln zum Leben. Denn Leben heißt immer auch, auf Andere angewiesen zu sein. Andere zu brauchen, vom ersten Atemzug an. Niemand kann sich selber erschaffen. Man ist immer auch das, was man war.

 

Wer dankbar ist, versucht, dem gerecht zu werden. Dass man angewiesen war und nicht alles, aber doch viel bekommen hat. Ich glaube, Undankbarkeit ist viel mehr als nur schlechtes Benehmen. Bin ich undankbar, dann nehme ich nur das Negative in den Blick, konzentriere mich nur auf das Schlimme. In der Phase der Pubertät ist das ganz normal. Die Eltern und die Lehrer, sie sind halt nicht nur gut. Die sind bisweilen auch richtig peinlich.

 

Wer Undankbarkeit zur Lebensphilosophie macht, gerät in Gefahr, zynisch und verbittert zu werden. Gerät in Gefahr, nur noch um sich selbst zu kreisen.

 

Ich glaube, Dankbarkeit gehört nicht zur Grundausstattung des Menschen. Man muss sie lernen und pflegen. In der indonesischen Gemeinde, bei der ich zu Gast sein durfte, saugen es die Kinder mit der Muttermilch auf: jeder Tag gibt Anlass zum Dank. Und man pflegt ihn in vielen kleinen Ritualen.

 

Dankbarkeit ist der Schlüssel zum Glück, wissen auch die Glücksforscher. Sie zu lernen ist die wichtigste Bildung, die wir unseren Kindern mitgeben können – die Herzensbildung!

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