Das Kreuz: Torheit und Weisheit

Morgenandacht

„Damit wir klug werden“: Das ist die Losung des Evangelischen Kirchentages in Stuttgart. Zur Klugheit hat der Apostel Paulus eine kritische Meinung: Alles, was Menschen durch eigene Klugheit erreichen, ist ihm fragwürdig. Zunächst klingt es bei Paulus so wie bei den alten Griechen: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber er fügt dann etwas Wesentliches hinzu, wenn er schreibt: „Ich halte es für richtig, nichts zu wissen als allein Jesus Christus, und zwar den Gekreuzigten.“

 

Dass Jesus gekreuzigt wurde, ist für Paulus das Wichtigste am Wissen von Jesus. Das Kreuz ist das, was Paulus in seinem Denken am meisten herausfordert. Er versucht zu verstehen, dass Gott und der Gekreuzigte irgendwie zusammengehören.

 

Jesus hat das Leiden, das Kreuz nicht gesucht. Aber er hat es nicht von sich gewiesen mit der Empörung: „Ich guter und gerechter Mensch habe das doch wirklich nicht verdient“. Wenn er auch voller Zweifel zu Gott schrie –, er hat sich dem Leiden hingeben können, weil er sich auch da von Gott gehalten wusste. Bei Jesus gehen Gott und das Leiden zusammen; das Kreuz konnte ihn nicht von Gott trennen. Von Menschen wurde er im Stich gelassen; das Leben wurde ihm genommen. Aber die Verbindung zu Gott wurde nicht durchgeschnitten, sondern hielt auch im Leiden. Sie wurde sogar noch enger und dichter, weil sie sich da neu bewähren musste.

 

Aus menschlicher Sicht würde man sagen: Alles nur sinnlos! Aus menschlicher Sicht ist das Kreuz eine Torheit. Für Paulus ist es zur Weisheit geworden. Weisheit ist für ihn der Verzicht darauf, das Leben in den Griff zu bekommen, wo es nicht in den Griff zu kriegen ist. Paulus betont das Nicht-Wissen; was dann bleibt, ist die Hingabe in dem Vertrauen, nicht tiefer zu fallen als in Gottes Hand.

 

Aber auch das ist nicht ein System, das ich ergründen könnte, sondern der Erfahrungsweg des Glaubens, der durchlebt und durchlitten wird. Ein Weg, auf dem sich Menschen an der Unbegreiflichkeit Gottes abarbeiten und reiben und schmerzlich merken, dass man sich weder sein Leben noch seinen Gott zurechtlegen kann. Ein Weg, auf dem man um und mit Gott kämpft, auf dem man Gott aber doch an seiner Seite wissen kann. Man begegnet der Tiefe, der Abgründigkeit des Lebens, schaut dem Abgrund ins Gesicht und zugleich in die „Tiefen der Gottheit“ (1.Kor. 2,10).

 

Letztlich kann ich nichts anderes tun, als Vertrauen zu wagen. Es ist das, was der Beter des 139. Psalms sagt: „Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir“ (Ps. 139,17f.). Das hoffe ich. Es gibt keine andere Möglichkeit, als das Leben zu leben, es zu wagen, ihm zu vertrauen und darin die Erfahrung zu machen, die die Dichterin Hilde Domin so auf den Punkt gebracht hat: „Ich setzte den Fuß in die Luft, und die trug.“

 

Einen gewissen Halt finde ich darin, dass ich in einer Gemeinschaft der Glaubenden, der Hoffenden stehe und der Glaube schon Menschen aller Zeiten getragen hat. „Am Ende bin ich noch immer bei dir“, darauf vertraut der Beter im Alten Testament. Aber über das Ende verfügt ein Mensch nicht, das kommt noch. Wir hoffen auf ein gutes Ende.

 

Die Sprache des Vertrauens ist das Gebet. Pierre Stutz, einer der Redner auf dem Kirchentag in Stuttgart, hat in einem Gebet die Grunderfahrung des Glaubens beschrieben. Er hat sich an die Worte des 23. Psalms angelehnt:

 

Du Gott

bist der Grund meiner Hoffnung

du lebst als tiefes Geheimnis in mir

Kommen auch Tage der Zweifel

der Ungewissheit

wo vieles wie eine große Lebenslüge erscheint

so versuche ich vertrauensvoll

zu Grunde zu gehen

 

Weil

du mich durch diese Verunsicherung

zur Quelle des Lebens führen wirst

So wird mir nichts mehr fehlen

und ich finde neue Geborgenheit in dir

 

 

Das Gedicht von Pierre Stutz findet sich in: Alltagsrituale (7.Aufl., 2002), S. 38

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