Demokratie ist anstrengend

Wie kann ich gut streiten?
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Demokratie ist mühsam, auch wenn gerade nicht Bundestagswahl oder Landtagswahl ist. Mitbestimmen ist anstrengend. Es reicht ja nicht, dass ich ein Kreuz auf einem Wahlzettel mache. Ich muss mir eine eigene Meinung bilden und bin hinterher mit verantwortlich für das, was dabei herauskommt. Nicht nur in der großen Politik.

 

Zum Beispiel: Ein Betrieb mit 50 Leuten will umziehen. Die bisherigen Räume passen nicht mehr zu dem, was die Firma macht. Der Chef will aber nicht einfach von oben nach unten entscheiden, wohin der Betrieb umzieht. Er beteiligt seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sollen mit entscheiden, weil alle von dieser Entscheidung betroffen sind. Es geht um die gemeinsame Sache, deshalb soll jeder seine Meinung sagen können. Also besichtigen alle die Häuser, die für den Umzug in Frage kommen. Die Diskussionen im Betrieb ziehen sich in die Länge. Die einen Kollegen wollen dies, die anderen das. Eine junge Mitarbeiterin stöhnt: „Kann der Chef nicht einfach entscheiden? Das wäre viel leichter.“

 

Klar, von oben nach unten, in Neudeutsch: top down, ein Ordre di Mufti geht schneller. Man erspart sich die Auseinandersetzung.

 

Die ersten Christen haben es anders gemacht. Die hatten auch Streitfragen zu entscheiden, auch da ging es um die gemeinsame Sache: Sollen wir nur hier in unserer Heimat in Jerusalem und Galiläa von Jesus erzählen – oder auch draußen bei den Römern, Griechen und bei den anderen Völkern, also bei den sogenannten Heiden?

 

Die Frage hat die Christen damals gespalten. Aber sie haben den Konflikt nicht gelöst, indem sie gesagt haben: ‚Einer soll ein Machtwort sprechen. Petrus oder Paulus oder einer der anderen, die von Anfang an bei der Jesusbewegung dabei waren, soll entscheiden, damit endlich Ruhe ist.‘ So haben es die ersten Christen nicht gemacht. Sie haben sich zusammengesetzt und, ja, heftig gestritten. Spuren von schlimmen Streit und persönlichen Verletzungen sind im Neuen Testament überliefert. Paulus nennt Petrus, den Fels der Kirche, sogar einen Heuchler. Und umgekehrt wird sich Petrus auch über Paulus aufgeregt haben. Eben nicht alles Friede und Freude. Die biblischen Schriften sind da offen: einen guten Weg findet man nicht allein in Wohlfühlgesprächen und Harmonie.

 

Aber durch diese harte Auseinandersetzung haben die frühen Christen schließlich einen Kompromiss gefunden bei der Frage: Was sind unsere Aufgaben, wen sollen wir ansprechen? Der Kompromiss war damals so: Ja, Heiden herzlich willkommen! Aber vergesst nicht, woher der Glaube an Jesus ursprünglich kommt, nämlich von denen, die Jüdinnen und Juden waren.

Das Wort Kompromiss klingt oft verbraucht und nach kleinstem gemeinsamen Nenner. Oder nach einer Lösung, mit der alle gleich unglücklich sind. Das muss nicht so sein. Die Geschichte aus der Bibel darüber, wie sich die ersten Christen geeinigt haben, ist für mich ein Beispiel dafür: Man kann sich zusammen klar darüber werden, wem welches Anliegen wichtig ist und wie das in der gemeinsamen Lösung vorkommt.

 

Natürlich gab es im Lauf der Geschichte des Christentums dann auch andere Lösungsmodelle, nämlich hierarchische Beschlüsse von oben nach unten. Umso mehr bin ich davon beeindruckt, dass die ersten Christen in der Bibel gemeinsam zäh darum gerungen haben, wie sie ihren Glauben an Jesus Christus verstehen, welche Entscheidung am besten dem entspricht, was Jesus vorgelebt hat. Mir ist das sympathischer als top down.

 

Demokratie ist anstrengend. Ich muss mich informieren, mir eine Meinung bilden, mich mit anderen austauschen, mich und andere in Frage stellen. Ich trage Verantwortung für die gemeinsame Sache. Und da ist mitbestimmen besser, als einfach andere über mich entscheiden zu lassen.

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