Der Glaube des ungläubigen Thomas

Morgenandacht

Was er wohl geantwortet hätte? Der ungläubige Thomas!

 

„Woran glaubst du?“ Die ARD geht in diesen Tagen mit ihrer Themenwoche ans Eingemachte. Es geht um das, was Menschen wichtig ist. Was das Leben trägt.

 

Thomas war einer von den Leuten, die drei Jahre lang mit Jesus unterwegs waren. So berichtet es die Bibel. Als Jesus starb, brach seine Welt zusammen.

 

Von Ostern hatte Thomas nichts mitbekommen. Und als seine Jüngerkollegen ihm erzählten, Jesus sei von den Toten auferstanden, hat er wohl die berühmte Scheibenwischerbewegung gemacht. Oder sich mit dem Zeigefinger an die Stirn getippt.

 

„Woran glauben Sie?“ Was hätte er geantwortet? Vielleicht hätte er gesagt:

„Ich glaube, dass man sich nicht auf Messiasse oder Heilsbringer einlassen sollte. Es endet doch bloß im Desaster.“ Oder: „Ich glaube nur, was ich sehe.“

 

Dabei ist er doch einer von denen gewesen, die ganz dicht dran waren an Jesus. Einer aus dem inner circle sozusagen. Besonders in Erscheinung getreten war er eigentlich nie. Er war keiner, der mal aufgerüttelt hätte. Der mal gesagt hätte: „Schluss mit den Debatten. Das packen wir jetzt an“. Aber er war immer dabei. Ging immer mit. Und gehörte immer dazu.

 

Als Jesus starb, trat der Jünger Thomas gewissermaßen aus der Kirche aus. Seine ehemaligen Mitjünger konnten ja über Auferstehung reden, soviel sie wollten. Thomas ließ die Gemeinschaft der Gläubigen hinter sich. Wenn die anderen sich trafen, war er nicht dabei.

 

Aber dann kam der Tag, an dem er sich breit schlagen ließ. Die anderen hatten keine Ruhe gegeben. Ihn immer wieder eingeladen. „Wir haben Jesus gesehen“, hatten sie ihm gesagt.

„Ja, ja“, hatte Thomas gesagt. „wenn er kommt, dann müsste ich ja seine Wunden vom Kreuz sehen und berühren können.“

 

War es Neugierde? Oder wollte Thomas nur religiösen Spinnern klar machen, wie lächerlich ihr Auferstehungsgerede ist? Jedenfalls war er da. Und erlebt es mit, dass Jesus tatsächlich vor Ort ist, als die Gemeinde der Jünger ihren Gottesdienst feiert. Singt. Betet. Über ihre Erfahrungen mit Jesus spricht. Über die Zukunft debattiert.

 

Die Bibel berichtet, wie Jesus in den Gottesdienst kommt und wie er seine Jünger begrüßt: „Friede sei mit euch.“ Er sagt nicht „Friede sei mit euch, außer mit Thomas, denn der glaubt ja nicht an mich.“ Von Anfang an schließt Jesus  den unglücklich Zweifelnden in seinen Friedensgruß mit ein.

 

„Woran glaubst du?“ Ich glaube an diesen Jesus, der ein großes Herz für Zweifler hat. An einen Herrn, der seine Leute nicht abschreibt, wenn der Glaube auf Sparflamme brennt oder sogar ganz erloschen ist.

 

Und Thomas? Er fällt aus allen Wolken. Wochenlang hatte er seine Trauer hinter Spott und Zynismus versteckt. Jetzt fällt das alles von ihm ab. „Mein Herr und mein Gott“ sagt er.

 

Was hat aus dem ungläubigen Thomas einen Gläubigen gemacht? Was ist der Grund des Glaubens? Etwa die Untersuchung der Nägelmale, die er gefordert hatte?

 

Das wäre eine schlimme Sache für uns heute, für die Zweifelnden wie für die Glaubenden. Denn wir können das nicht.

 

„Mein Herr und mein Gott“, sagt Thomas. Er spricht Jesus an. Lässt sich auf ihn ein. Und so macht er den ersten Schritt auf dem Weg des Glaubens.

 

Und der biblische Verfasser, der davon berichtet, macht auf diese Weise deutlich: Es geht beim Glauben gar nicht in erster Linie um das Für-Wahr-Halten bestimmter Dogmen und scheinbar unverzichtbarer Lehrsätze. Sondern darum geht es: „Du“ zu Gott sagen. „Du, mein Herr und mein Gott“.

 

Wer das tut, öffnet sich. Wird offen für die Erfahrung: Jesus kommt uns nahe. Bewertet nicht, wie mein Leben bisher gelaufen ist. Sondern sagt: „Friede sei mit dir.“

 

Das gehört zu den Dingen, die ich glaube.

 

Der Thomas aus der Bibel ist mir ziemlich nahe. Kein Glaubensheld. Hat nicht viel auf die Reihe gebracht. Und manchmal hätte ich die Gemeinschaft der Gläubigen auch gerne hinter mir gelassen.

 

Dass ich immer noch dabei bin hat auch damit zu tun, dass die Bibel von ihm berichtet.

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