Der gute Geist

Glückselig sind die Sanftmütigen
Morgenandacht

Anna ist so etwas wie der gute Geist auf der Station. Niemand kommt auf die Idee, sie so zu nennen, die Ärzte nicht, die Schwestern nicht und auch den Patienten fällt das nicht ein. Gute Geister bleiben wie Engel meistens unbemerkt. Auf Anhieb lässt sich nur bemerken, dass Anna eine Außenseiterin ist im komplizierten Heilungsbetrieb des Krankenhauses. Ihr Kittel ist nicht weiß und nicht grün, sondern dunkelblau. Ihre Beine stecken in ziemlich unansehnlichen Stümpfen und ihr furchiges Gesicht lässt vermuten, dass es an harte Winter gewöhnt ist, aber nicht an Feuchtigskeitscreme. Anna schiebt den Putzwagen von Zimmer zu Zimmer, sie wischt die Böden, wienert die Ablagen. Sie spricht nicht gut deutsch. Niemand auf der Station weiß, wo sie wohnt und wie sie lebt. Sie ist halt eine Reinigungskraft, geschickt von der Firma.

 

Aber wenn sie irgendwann am Vormittag ins Krankenzimmer kommt mit Schrubber und Scheuertuch, haben die Patienten ein paar gute Minuten. Denn Anna schenkt ihnen allen einen herzlich teilnahmsvollen Blick. Wie’s geht, erkundigt sie sich in ihrem gebrochenen Deutsch, während sie heiter die Krümel unter dem Bett auffegt und den Klebefleck auf dem Nachttisch entfernt. Anna tut so, als sei es das gute Recht eines jeden Patienten, zu krümeln und zu kleckern – und das ist eine Wohltat, denn im Krankenhaus fühlt man sich ja leicht wie ein kleines Kind unter Aufsicht. Jedes Malheur ist ein bisschen peinlich. Bleich und strubbelig ist man eingeschüchtert vom makellosen Makeup der jungen Schwester, von der leicht gerunzelten Braue des Pflegers und vom unheimlichen Wissen der Ärztinnen und Ärzte sowieso.

 

Nur wenn Anna kommt, ist es, als dürfe man das sein: ein krankes Kind, das sich kein bisschen anstrengen muss. Anna bringt ihr eigenes, mütterliches Gesetz mit ins Zimmer, eine anspruchslose Ruhe und für ein paar Minuten hört das Krankenhaus auf, ein Betrieb zu sein.

 

„Glückselig sind die Sanftmütigen“, heißt es in den Seligpreisungen Jesu, „denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Sanftmütig – das scheint mir eine wie Anna zu sein, von der so gar nichts Forderndes und Wertendes ausgeht. Im großen Getriebe wird sie kaum beachtet und doch hat ihre Anwesenheit die Kraft, den Raum zu verändern. Frieden und Freundlichkeit breiten sich aus, weil sie nichts mitbringt als ihr stilles Ja zu all den Menschen um sie herum – aber auch zu den Dingen, die sie anfasst und mit unermüdlicher Geduld pflegt.

 

Nur eben – es gehört ihr doch gar nichts, schon gar nicht das Erdreich. Das ganze Erdreich könnte ja wohl nicht einmal dem reichsten Menschen der Welt gehören. So denkt Jesus sicher nicht an den Besitz, den man vermehren kann, wozu sich dann ja Sanftmut eher nicht empfiehlt. Er meint vielmehr: Alles, was du mit Liebe und Behutsamkeit wahrnimmst und berührst, das kommt dir auch entgegen. Und nur das, was dir entgegenkommt, wird dir auch zu eigen. Es kommt bei dir an.

 

So kann es schon sein, dass eine kleine Anna so arm gar nicht ist, wenn sie ihren stillen Dienst an den Menschen und Dingen tut. Der Raum, in dem sie wirkt, ist tatsächlich ihr Reich.

 

Aber ich mache mir oft arme Tage, wenn ich immer nur an das Nächste denke, was ich noch schaffen will und mir gar nichts mehr entgegenkommen lasse. Keine Zeit habe für den liebevollen Blick und die freundliche Berührung. Ziemlich unsanft greife ich nach den Dingen, ziemlich achtlos stürme ich durch die Gegend. Aber manchmal versuche ich doch, mich in mehr Sanftmut zu üben. Eine gute Übung, so habe ich es von einem klugen Menschen gehört, eine gute Übung ist es, nicht immer nur zu denken: Was will ich jetzt?

 

Man kann es nämlich auch genau umgekehrt machen und fragen: Was will dieses Ding, dieser Augenblick, dieser Mensch jetzt von mir? Dann geht es gleich etwas sanfter – dann kommen wir uns entgegen.

 

„Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen“. Sie werden es gewiss nicht beschädigen.

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