Deutungsdemut

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Deutungs-demut. Das Wort habe ich zum ersten Mal vom Zeit-Redakteur Giovanni di Lorenzo gehört. Er meinte: Wenn sich die Zeiten und Verhältnisse so schnell ändern, dann sollten sich alle, die öffentlich etwas zu sagen haben, in dieser Tugend üben: in Deutungsdemut. Oder mit den Worten von Dieter Nuhr: Wenn man von was keine Ahnung hat – erstmal die Schnauze halten.

Also nicht gleich sagen: „find ich gut“ oder „find ich Mist“. Nicht gleich deuten oder bewerten.

Eben Deutungsdemut.

Nur: wie kann man dann überhaupt noch was sagen? Irgendwas muss man ja sagen. Nur immer die Achseln zucken ist ja auch keine Lösung. Wie kann ich mir dann noch eine angemessene Meinung und Deutung erlauben?

 

Eine Geschichte hat mir dazu wertvolle Anregungen gegeben. Jesus begegnet einem Menschen, der blind ist. Sein ganzes Leben schon war dieser Mensch blind. Alle kennen ihn nur so. Als dieser Blinde merkt, dass Jesus in der Nähe ist, schreit er aus Leibeskräften: „Jesus, hilf mir!“ Er tut das so lange und so laut, dass Jesus neugierig wird und zu ihm hingeht. Jesus, hilf mir! schreit ihn der Blinde an.

Und jetzt passiert es – das mit der Deutungsdemut. Jesus denkt eben nicht, dass er weiß, wie es dem Blinden geht und was der braucht. „Du willst sehen können, das sieht ja ein Blinder mit dem Krückstock! Komm, lass dir die Hand auflegen!“ Genau das sagt Jesus nicht. Vielmehr schaut er den Blinden an und fragt ihn: „Was willst du, dass ich dir tue?“

Diese Frage Jesu ist deutungs-demütig. Weil er den Blinden nicht über seinen Kopf hinweg beurteilt. Er bezieht seine Antwort in sein Urteil ein.

 

Das scheint umständlich. Aus der Perspektive derer, die sehen können. Wenn ich blind wäre, würde ich wieder sehen wollen!, sagen sie sich. Aber aus der Perspektive des Blinden könnte das ganz anders sein. Vielleicht ist für ihn seine Blindheit gar nicht das größte Problem. Vielleicht will er etwas ganz Anderes als wieder sehen können.

 

Deutungsdemut bezieht den ein, über den man redet. Was willst du, dass ich dir tue? Es ist der Kontakt mit dem Blinden, der aus dem Vorurteil ein angemessenes Urteil macht.

 

Ich weiß, das ist nicht so einfach. Weil alle, die öffentlich etwas zu sagen haben, ständig gefragt werden, wie sie was finden. Man soll immer was meinen. Aber man kann auch sagen: Fragen Sie mich in einer Woche wieder, ich muss mich erst schlau machen. Warum nicht dem Meinungsterror einen Riegel vorschieben? Niemand muss den Parolen und halbgaren Vorurteilen folgen. Die auch dann nicht wahrer werden, wenn sie von vielen geteilt und geliked werden. Dass es zum Beispiel Menschen erster und zweiter Klasse geben soll. Dass diejenigen, die in Sicherheit und Wohlstand leben, das Recht haben, denen, die vor Krieg und Hunger flüchten, die Hilfe zu verweigern. Dazu muss man sich erst mal seine Meinung bilden dürfen.

Ich glaube, dass Deutungsdemut in der rasant sich globalisierenden Welt zu einer immer wichtigeren Tugend wird. Weil wir so vieles nicht wissen, nicht wissen können.

 

Für mich ist das ein praktikabler Weg, den Jesus gegangen ist. Einfach diejenigen, über die ich urteilen soll, in mein Urteil einzubeziehen, mit ihnen reden, sie nach ihrer Sicht der Dinge fragen, versuche, mich in sie hineinzuversetzen.

 

Als ich vor kurzem mit indonesischen Christen zusammen war, haben wir uns gegenseitig sehr bedauert. Sie haben mir Leid getan, dass sie nie allein sind und nie mal ihre Ruhe haben, weil ständig jemand von der Familie oder der Nachbarschaft bei ihnen auf dem Sofa sitzt. Und sie haben mich bedauert, weil ich doch einsam sein müsse, wenn ich einen Tag ohne Familie oder Freunde verbringe. Und wir haben gelernt: man kann auch glücklich sein, wenn man nie allein ist. Und man kann glücklich sein und keinesfalls einsam, wenn man allein ist. Ich glaube, so kann das gehen mit der Deutungsdemut.

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