Die Last mit der (Sorgen-)Last

Morgenandacht

„All eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch“, lese ich in der Bibel. Klingt gut. Fast ein bisschen zu schön, um wahr zu sein.

 

Wer sich heute keine Sorgen macht, muss sich wohl mit Fug und Recht naiv schimpfen lassen. Schließlich gibt die derzeitige Weltlage genügend Anlass zur Sorge. Aber das meint dieser antike Schriftsteller vielleicht auch gar nicht. Es ist nicht naive Unbeschwertheit, die er empfiehlt. Immerhin haben seine Leserinnen und Leser ja offenbar Sorgen, die sie abwerfen könnten. Und zwar ganz schön manifeste: Sie müssen damit rechnen, wegen ihrer religiösen Überzeugung verfolgt zu werden. Sie können ohne Anklage eingesperrt werden, sie gefährden ihre Familien, sie können Hab und Gut verlieren – nur weil sie für Jesus Christus eintreten – und damit für die Freiheit und für die Würde aller Menschen.

 

Diese manifeste Sorge für Leib und Leben teilen auch heute viele Menschen auf der Welt. In jedem autoritären Regime müssen Andersdenkende um ihre Freiheit und ihr Leben fürchten. Und wenn ich selbst plötzlich merke, dass persönliches Fortkommen und persönliche Sicherheit immer mehr Einzelnen wichtiger sind als Gerechtigkeit und Frieden für alle, dann ist es in der Tat Zeit, sich ein paar Sorgen zu machen.

 

Das Problem ist: Nur weil ich mir Sorgen mache, ändert sich noch nichts. Damit sich etwas ändert, müsste ich etwas tun. Aber ich kann nichts tun, weil ich so schwer an diesen Sorgen trage. Sie lähmen mich, sie schüchtern mich ein, sie hindern mich daran, Pläne zu machen und Strategien zu entwerfen, um diesen Sorgen konstruktiv zu begegnen.

 

Und das gilt im Kleinen wie im Großen. Der eine denkt: Ist mein Arbeitsplatz sicher? Der andere: Ist mein Aktienpaket gut angelegt? Auf jeder Ebene des Lebens warten Sorgen, die mich mehr oder weniger belasten. Wenn sie die Oberhand gewinnen, wenn sie mein Denken beherrschen und meine Tatkraft lähmen, bin ich nicht mehr frei.

 

Deshalb bietet Gott mir durch Jesus Christus an, diese Art von Sorgen loszulassen. Ja, nicht nur das: Regelrecht abwerfen darf ich sie, ihm lustvoll vor die Füße schmeißen und danach erleichtert herumspringen und mich frei fühlen. Denn für die, die sich auf ihn verlassen, wird Gott selbst sorgen. Auch das verspricht er an mehr als einer Stelle in der Bibel.

 

Was heißt das für mich? Alles fatalistisch seinen Gang gehen lassen? Und mit dem Kölner sagen: Et kütt, wie et kütt – da kannsse eh nix maache? Ich glaube nicht. Es sind ja nur die Sorgen, die ich Gott da vor die Füße werfe. Meine Tatkraft, meine Phantasie, mein Mitgefühl – das bleibt alles bei mir. Und damit kann ich etwas machen, und zwar aufrecht und frei, ohne dieses drückende Sorgenpaket auf den Schultern. Und während ich das tue, sorgt Gott für mich. Das ist das Angebot.

 

Wie weit mich das trägt? Um das herauszubekommen, muss ich mich darauf einlassen. Da gibt es keinen anderen Weg. Ich kann mich natürlich orientieren an anderen, die das vor mir getan haben – der Apostel Petrus, dem dieses Wort vom Sorgenabwerfen zugeschrieben wird, oder Dietrich Bonhoeffer, der auch unter Todesgefahr sein Gottvertrauen nicht verloren hat. Nicht zuletzt an Jesus Christus selbst, der zu Gott gesagt hat: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Nicht alle diese Lebenswege sehen von außen wirklich attraktiv aus – aber alle diese Leute wussten offenbar, warum sie lebten – und wofür sie starben. Die meisten hätten jederzeit aussteigen können – und haben es nicht getan.

 

Aber es muss gar nicht immer so dramatisch sein. Das Angebot Jesu gilt auch für die kleinen Sorgen. Es gilt für alles, was mich daran hindern will, meiner Überzeugung gemäß zu handeln. Zugegeben: Es gelingt mir nicht immer, dieses Angebot anzunehmen. Aber wo es mir gelungen ist, war es stets ein großartiges Gefühl, wieder handlungsfähig zu sein. Ganz unbeschwert. Ganz authentisch. Ganz ich selbst.

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