Die Sache mit der Telefonnummer Gottes

Morgenandacht

Kaum einer hatte diesem Buch eine Chance gegeben. Aber jährlich gibt es eine neue Auflage. 32 Millionen neue Exemplare. Jedes Jahr!

 

Ein Mega-Erfolg. Trotzdem: Wer es von A-Z durchgelesen hat, der muss schon ein ziemlich spezielles Interesse haben. Oder unglaublich viel Langeweile. Und doch wird es immer wieder genommen:

Im Jahr 1881 erschien das erste deutsche Telefonbuch. Vor 136 Jahren. In Berlin.

 

Der Start war holprig. Heinrich von Stephan hieß damals der Reichspostminister. Und der hatte Mühe, überhaupt Teilnehmer für den Fernsprechverkehr zu finden. Wie Sauerbier soll er die neue Technik in Banken und Handelshäusern angeboten haben. Der Chronist berichtet, mehr aus Gefälligkeit denn aus Überzeugung hätten dann doch die Chefs einiger Unternehmen zugesagt.

 

Das erste Telefonbuch ist dann ein ziemlich dünnes Heft geworden sein. 187 Einträge gab es in der ersten Auflage. Ein paar Privatleute waren dabei. Aber vor allem die Nummern größerer Firmen waren zu finden.

 

Schon erstaunlich, dass nicht einmal das Internet dem guten alten Telefonbuch den Garaus machen konnte. Also: Herzlichen Glückwunsch zum 136. Geburtstag!

 

Als Kind habe ich gelernt, die Telefonnummer Gottes sei 50 -15! Ich glaube, im Kindergottesdienst habe ich das gehört. Psalm 50 Vers 15: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen“, steht da.

 

Ja, o.k. Das mit der „Telefonnummer Gottes“ ist natürlich nichts weiter als eine Eselsbrücke. Eine Lernhilfe. Ein didaktischer Kniff, der dabei helfen soll, das Bibelwort im Kopf zu behalten. Und die Stelle, wo es steht.

Vor allem aber ist dieser Satz aus der Bibel eine Einladung zum Gebet.

 

Das ist inzwischen eine weithin vergessene Übung, und diese Klagen kenne ich natürlich als Pastor: „Da meldet sich ja nicht mal der Anrufbeantworter.“

Oder: „Ich hab’s probiert, aber gemessen am Zeitaufwand war der Erfolg bescheiden.“

 

Ich will eine Lanze fürs Gebet brechen. „Beten ist das Atemholen der Seele“. Der englische Theologe John Henry Newman hat das gesagt. Anfang des 19. Jahrhunderts war das.

 

Ein tolles Bild.

Wer atmet, der lebt. Zum Leben gehört mehr als Arbeit, Stress, Geld, Feierabend und vier Wochen Urlaub. Wer betet hat die große Chance, sich innerlich aufzubauen.

 

Natürlich: Auf dem Psychomarkt gibt es eine Menge Angebote für das Innenleben. Kurse zur Entwicklung der Persönlichkeit. Die unterschiedlichsten Meditationstechniken. Und es gibt durchaus seriöse Angebote.

 

Gebet aber ist etwas anderes. Der Adressat meines Gebetes ist nicht meine „innere Mitte“. Und der Zweck meines Gebetes nicht, „zu mir selbst zu finden“. Gebet bedeutet: Gott hört.

 

„Woran glaubst du?“ Das fragt in diesen Tagen die ARD und beschäftigt sich in ihrer Themenwoche mit den Dingen, auf die ein Mensch sein Leben gründet. Zu meinem Glauben gehört dies dazu:

 

Gott hört, denn mein Leben ist ihm nicht gleichgültig. Es wird ihm auch nicht zuviel, was ich sage. Ansprechpartner in der Not will er sein. Aber eben nicht nur dann.

 

Wie man das macht? Es gibt so viele Gebetsformen: Zum Beispiel: reden, wie der Schnabel gewachsen ist. Gott sagen, wie es einem grad so geht. Was man sich wünscht. Wofür man dankbar ist.

 

Oder Worte benutzen, die andere schon vor mir formuliert haben: Einen Psalm aus der Bibel lesen. Das Vaterunser sprechen.

 

Oder auch einfach nur still sein.

 

Wer betet, richtet die Antennen seiner Seele auf Gott aus. Machen Sie das mal. Vielleicht so? „Wo bist du, Gott?“

 

Oder so: „Gott, schütze mich heute“

 

Oder vielleicht so: „Gott, ich suche dich und irgendwie hoffe ich, dass es dich gibt.“

 

Das wäre ein guter Anfang. Und die Mitte der Woche ist ein guter Termin für einen neuen Anfang!

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