Dienen

Morgenandacht

Es klingt fast schon old- fashioned, was der Apostel Paulus den Christenmenschen ins Stammbuch schreibt: „Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat.“

Dienen also. Statt beherrschen. Anderen dienen. Statt sie zu manipulieren, um für sich das Beste rauszuschlagen. Aber was heißt das eigentlich- dienen?

 

Das hat mir eine junge Muslima bewusst gemacht. Eine hübsche, energievolle Frau. Ihre leicht gebogene Nase und die tiefschwarzen Augen lassen zurecht eine orientalische Herkunft erahnen. Ihre Vorfahren stammen aus dem arabischen Kulturkreis, ihre Eltern wurden in der Türkei noch miteinander verheiratet. Und jetzt steht sie vor mir und sagt: „Ich diene gerne Deutschland!“

 

Sie sagt das mit einem strahlenden Lächeln. Nein, das ist keine weibliche Unterwürfigkeit. Was zu der ehemaligen Profiboxerin, die sie war, und jetzigen Soldatin auch nicht passen würde. Schließlich ist sie als Ausbilderin den Männern im Schlamm vorausgerobbt.

 

Wir. Dienen. Deutschland. Die Bundeswehr hat sich dieses Logo auf die Fahnen geschrieben. Trotzdem zucke ich jedes Mal zusammen.

 

Mein Großvater hat zweimal gedient. Im ersten und zweiten Weltkrieg. Er war Nazi und Bürgermeister in seinem Dorf. Er sei ein guter Nazi gewesen, hat man mir gesagt. Den Sozi, der in der Dorfkneipe nach gehörigem Alkoholgenuss über Hitler geschimpft hat, den hat er nicht angezeigt, sondern freundlich nach Hause geschickt. Nein, an seinen Händen klebte kein Blut. Aber von der Judenvernichtung will er nichts gewusst haben und fühlte sich auch nicht zuständig. Er hat nur gedient. Wie alle Nazis damals. Vielleicht weiß die junge muslimische Soldatin nicht, welcher Missbrauch für uns in dem Wort „dienen“ steckt- bis heute. Deshalb erzähle ich ihr die Geschichte von meinem Großvater und bitte sie, lieber ein anderes Wort zu verwenden. „Wie wär‘s mit engagieren? Sagen Sie doch einfach: ich engagiere mich gerne in der Bundeswehr. Für Deutschland.“ Aber sie schaut mich nur entsetzt an und meint. „Was glauben Sie denn, wenn ich einen Einsatz in einem Krisengebiet habe, wenn ich oder meine Kameraden in Lebensgefahr geraten. Dann engagiere ich mich doch nicht! Dann diene ich. Weil ich im Extremfall bereit bin, mein Leben einzusetzen!“ Und dann, mit gekreuzten Armen vor der Brust fügt sie hinzu: „Wenn Sie darauf bestehen, dass ich das Wort „engagieren“ sage, dann sag ich lieber gar nichts.“

 

Diese Art von „Befehlsverweigerung“ hat mich überrascht und nachdenklich gemacht. Und mir wurde klar: es gibt da wirklich einen Unterschied. Zwischen engagieren und dienen. Ein Engagement ist in der Regel zeitlich und inhaltlich begrenzt. Beim „Dienen“ ist diese Grenze porös oder gar nicht vorhanden. Da gibt man auch mal seine Gesundheit hin und riskiert im Extremfall sogar sein Leben. Als Mutter zum Beispiel tue ich das. Das ist kein Engagement auf Zeit. Es ist auch kein Job, den man kündigen könnte. Und im Extremfall würde ich mein Leben riskieren. Das ist für mich kein Heldentum, das ist für mich selbstverständlich. Weil ich meine Kinder liebe.

 

Deshalb ist es auch ein großes Glück, dienen zu können. Etwas zu haben, das einem so wertvoll ist, dass man sein Leben dafür hingeben könnte. Einfach, weil man liebt.

 

„Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als Haushalter der Güte Gottes.“ So steht das im Neuen Testament. Die junge Muslima tut das auf ihre Weise. Sie sagt: „Ich bin so dankbar, dass ich als geschiedene und gläubige Muslima, als junge Frau mit arabischem Migrationshintergrund in diesem Land so frei leben darf. Und dass ich als Soldatin dieses Land verteidigen darf, in dem Männer und Frauen die gleichen Rechte haben, egal welche Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung sie haben. So einem Land diene ich gerne.“

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