Einladung zum Hass? Abgelehnt!

Morgenandacht

Vor kurzem habe ich die Hassmails durchgelesen, die eine Kollegin bekommen hat. Wegen ihrer politischen Predigten. Diese obszönen, beleidigenden Attacken – nicht auf das, was sie sagte, sondern auf ihre Person, die haben auch mich im Herzen getroffen. Und sie haben mich so wütend gemacht!

 

Dabei ist mir klar geworden: Hass ist eine mächtige Kraft. Und er hat eine gefährliche Fracht im Gepäck. Die Autorin und Publizistin Carolin Emke nennt diese Fracht eine „Einladung“. Die Einladung, „sich dem Hass anzuverwandeln.“ Oder anders gesagt: Die Opfer des Hasses sollen zurück hassen. Und wenn sie nicht aufpassen, dann tun sie das auch. Nur mit anderem Vorzeichen. Aber alle hassen immer in der Rolle des Opfers und auf der Seite der vermeintlich Guten. Vielleicht hat Jesus darum gewusst. Um diese Einladung des Hasses, sich ihm anzuverwandeln. Vielleicht hat er deshalb so drastisch ein Alternativprogramm formuliert: Liebet eure Feinde! Tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen. Jesus redet hier nicht von Gefühlen, sondern von Taten. Und ich glaube auch, dass Jesus nicht die Gefühle von Zorn und Hass verbietet. Er verbietet nur, dass man diese Gefühle in Taten umsetzt. Gutes tun, beten, der Gewalt mit der Kraft der Güte begegnen. All das hilft, sich dem Hass nicht „anzuverwandeln“.

 

Nie werde ich vergessen, wie ich den Pfarrer der Leipziger Nicolaikirche besucht habe. Wir sind in seinem Arbeitszimmer gestanden. Das war im vierten Stock mit freiem Blick auf den Kirchplatz. Dort haben vor der Wende tausende Menschen demonstriert. Der Pfarrer hat mir erzählt, wie die Polizisten damals die Leute zusammengeprügelt und in Lastwagen gezerrt haben. Um sie vor die Stadt oder ins Gefängnis zu bringen. Und während dieser Prügelaktionen haben die Leute gerufen „Keine Gewalt! Keine Gewalt!“

 

„Warum ist die Situation damals nicht eskaliert? Habe ich den Pfarrer gefragt. Warum sind keine Steine und Molotowcocktails geflogen?“ Er hat eine Weile nachgedacht und hat dann gesagt: „Das war wie eine ansteckende Gesundheit.“ Oder mit den Worten von Carolin Emke: die Leute haben die Einladung des Hasses verweigert. Sie haben die Einladung der Güte angenommen und haben sich ihr anverwandelt. Und dann haben sie aus diesem Geist der Güte und Gewaltlosigkeit heraus gehandelt. So haben sie dem Hass seine Macht genommen und den Hassenden ihre Kraft.

 

Ich persönlich glaube, dass kein Mensch das alleine kann. Dem Hass zu widerstehen, das kann man nur gemeinsam mit Freunden, die einen schützen. Wenn ich mich angegriffen und beleidigt fühle, dann brauche ich andere, die mich in meiner Würde schützen. Und ich brauche das Gebet und die Nähe Gottes, weil ich fest daran glaube, dass meine Ehre und meine Würde von Gott stammt und bei ihm geborgen ist. Das hilft mir, die Einladung des Hasses nicht anzunehmen.

 

Hass will mich ja dazu provozieren, meine Ehre selber wieder herzustellen. Ich soll mich selber wieder groß machen. Great again. Durch Hass, durch Mauern, durch Krieg. Aber das ist eine Illusion. Man ist nicht groß, man macht nur die Anderen kleiner als man selber. Deshalb hat Jesus dem Hass die Feindesliebe entgegengesetzt. Und die Empfehlung, Hass ins Leere laufen lassen.

 

Ganz praktisch empfiehlt Carolin Emke drei wichtige Maßnahmen: Erstens: man soll genau beobachten. Hassen kann man nur, wenn man sich nur seinen Vorurteilen hingibt und eine andere Wahrheit nicht zulässt. Zweitens empfiehlt Carolin Emke, zu differenzieren. Zwischen Islamisten und Muslimen, zwischen Ausländern, die sich integrieren wollen und denen, die das nicht wollen. Und der dritte Rat ist: Pflegen Sie Ihre Selbstzweifel. Rechnen Sie mit Ihrer eigenen Fehlerhaftigkeit. Hassen kann man nur, wenn man keine Zweifel kennt.

 

Kurzum: Liebet eure Feinde. Vertraut der verändernden Kraft der Güte. Sie ist wie eine ansteckende Gesundheit.

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