Folge mir!

Morgenandacht

Bisher war es immer gut gegangen. An einem bestimmten Punkt des Gesprächs fiel der entscheidende Satz. Dann forderte er sein Gegenüber auf, den notwendigen Schritt zu machen, etwas hinter sich zu lassen und einen neuen Weg einzuschlagen. – „Komm und folge mir nach!“, dieser Satz des Wanderpredigers Jesus von Nazareth, normalerweise greift er. Bei den Fischern am See, den armen Schluckern, die wenig fangen und über die hohen Steuern der Römer klagen. Bei Johannes, dem Intellektuellen, der nach dem Sinn des Lebens fragt. Bei Bartimäus, dem Blinden am Stadtrand von Jericho, der Vertrauen fasst. Bei Zachäus, dem Zolleintreiber für die Römer, der am Ende die Hälfte seines Besitzes den Armen gibt. Bei den Frauen: Maria Magdalena, Susanna und Johanna, der Frau eines römischen Verwaltungsbeamten aus dem Dunstkreis des Statthalters Herodes. Sie alle hatten ihre besondere Begegnung mit dem Wanderprediger. Sie alle waren auf der Suche nach einem anderen Leben, ließen etwas hinter sich und folgten ihm.

 

Diesmal klappte es nicht. Der junge Mann ging traurig davon. Denn er hatte viele Güter, so heißt es. So bleibt er in Erinnerung: Der „reiche Jüngling“, der eigentlich etwas will, aber die Kurve nicht kriegt. Er war einer von den Oberen, jemand aus den führenden Kreisen, so wird berichtet. Und er hatte Jesus ernsthaft gefragt: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“. Er sehnte sich offenbar nach einem sinnvollen Leben, das Bestand hat vor den Menschen und vor Gott. Jesus hatte erkannt, was ihm fehlte: „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.“ Eine kleine Anspielung. Wo dein „Schatz“ ist, da ist auch dein Herz, sagt Jesus an anderer Stelle. Also pass auf, woran du dein Herz hängst. An irgendwelche Güter, an viele schöne Dinge oder an Gott. Als der Mann das hört, wird er unmutig und geht traurig davon. Alles verändern, so wie die Fischer am See, so wie der reiche Zachäus, so wie Johanna, die Frau des römischen Beamten, das konnte er dann doch nicht.

 

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Jesus nutzt das kleine Gespräch und schiebt noch etwas hinterher. „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt“. Kamel durchs Nadelöhr? Das Wort kann auch „Durchgang“ oder „Stadttor“ heißen. Kamele haben eine natürliche Scheu davor. Es braucht viele Anläufe und gutes Zureden, bis sie dann vielleicht doch die entscheidenden Schritte machen. Deshalb: Eher ein Kamel durchs Tor, als ein Reicher ins Reich Gottes. Die Umstehenden fragen etwas ratlos: „Wer kann dann überhaupt selig werden?“ Jesus antwortet: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Das könnte heißen: Was ihr allein nicht schafft, das geht doch mit Gottes Hilfe. Es geht nicht immer so aus wie hier bei dem jungen Mann. Es gibt da einen Spielraum, es kann sich noch etwas bewegen.

 

Nun weiß niemand, was aus dem jungen Mann geworden ist. Was ihm noch durch den Kopf gegangen ist, ob er vielleicht einfach noch Zeit brauchte. Die Geschichte gibt mir zu denken, wie es um mich steht. Woran ich mich binde. Mir fallen auch Menschen ein, um die ich mir Sorgen mache, weil sie einfach die Kurve nicht kriegen, die nötigen Schritte nicht schaffen.

 

Einer lebt nur für seinen Beruf: Rund um die Uhr scheint er zu arbeiten, immer das Handy am Ohr, immer in Hektik, ein Termin jagt den andern. Bekommt er wirklich zurück, was er gibt? Eine andere bindet sich an einen Menschen. Sie behauptet, ihn zu lieben. Alle andern erkennen längst, dass sie gar nicht glücklich ist. Was bindet sie? Wie findet sie ihr eigenes Leben? Eine andere im Freundeskreis engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde und bekommt dafür viel Anerkennung. Und dafür ist sie bereit, unglaublich viel Zeit und Arbeit einzusetzen. Sie tut es für eine gute Sache und verliert dabei das Gleichgewicht, verfehlt vielleicht ihr eigenes Leben.

 

Geld, Arbeit, die gute Sache, ein bestimmter Mensch, die Anerkennung bei den andern, all das kann mich gefangen nehmen. Manchmal sind die Bindungen zu stark. Dann ist es befreiend, loszulassen und durch das Tor hindurch zu gehen. Vielleicht geht es nicht sofort, vielleicht geht es nicht ganz. Aber was bei den Menschen unmöglich ist, das ist doch möglich bei Gott, sagt Jesus. Wie gut, dass diese Geschichte etwas offenhält.

 

 

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