Geben können

Morgenandacht

Wer arm ist hält sich raus und versteckt sich. Viele Arme schämen sich, weil sie nichts haben. So beschreiben Soziologen die Folgen der Armut. Wohlstand gilt vielen als Zeichen der Tüchtigkeit. Wer arm ist, hat dann irgendwie versagt. Deshalb soll es auch keiner merken. Wer nichts hat tröstet sich mit billigem Fastfood, das ist ungesund und macht dick. Arme sind häufiger krank, weil sie sich aufgegeben haben und keine Vorsorge betreiben können. Man sieht vielen an, dass sie arm sind. Es ist deshalb wichtig, Armut zu bekämpfen, keine Frage.

 

Aber nicht alle Armen sind so. Jesus hat eine Witwe beobachtet, die war arm. Und sie war anders (Mk 12, 41-44). Sie wollte sich beteiligen – sogar bei wohltätigen Spenden. Deshalb gibt sie, was sie kann: 2 Scherflein. Das war so viel, wie man damals für einen Tag zum Leben brauchte. Die Bibel erzählt: Das war alles, was sie hatte. Das hat sie für alle sichtbar in den Opferkasten im Tempel eingelegt.

 

Ich glaube, sie wollte mit ihrer Spende zeigen: Dieser Tempel ist auch mein Tempel. Nicht bloß der Tempel der Wohlhabenden. Ich trage auch dazu bei, dass er unterhalten werden kann. Es ist wenig, was sie beiträgt. Aber sie trägt etwas bei. Sie hält sich nicht raus. Sie sagt nicht: Ich kann doch sowieso nichts tun. Ihre Armut hat sie nicht passiv gemacht. Vielleicht ist sie sogar stolz, dass sie auch etwas geben kann. Ein bisschen glücklich. Geben ist seliger als nehmen, sagt man. Ich glaube: diese Frau wollte auch selig sein. Glücklich eben.

 

Aber: Ist das nicht leichtsinnig und leichtfertig, was sie tut? Wie kann sie alles weggeben, was sie hat? Morgen wird sie womöglich betteln müssen – und für den Tempel haben ihre 2 Scherflein eigentlich doch gar nichts gebracht. Solche Sorgen macht die Frau sich anscheinend nicht. Sie denkt offensichtlich nicht an morgen. Die Sorgen um das Morgen sind es ja, die das Herz eng machen und geizig. Ich habe nichts abzugeben, ich muss sehen, wie ich selber durchkomme. So reden alle, die sich Sorgen machen. Und viele sehen gar nicht, wie gut es ihnen eigentlich geht. Sehen nur ihre Sorgen – und haben nichts übrig für die Hilfsbedürftigen. Kein Geld. Kein Mitgefühl. Keine Zeit.

 

Der Frau mit den zwei Scherflein ist anscheinend das Geben wichtiger als ihre Sorgen. Dass sie sich freuen kann, weil sie sich beteiligt hat an einer guten Sache.

 

Wie kann man so sorglos leben? Ich glaube, sie vertraut auf Gott. Und vermute, Gott hat sie bisher versorgt. Nicht mit viel – aber sie hat erfahren, dass es immer gereicht hat. Vielleicht, weil zur rechten Zeit jemand da war, der geholfen hat. Diese Erfahrung haben die nicht, die immer für sich selber sorgen können. Und auch die nicht, die meinen, sie müssen immer für sich selber sorgen, weil es ja sonst niemand tut. Die deshalb alles, was übrig ist, auf die hohe Kante legen. Die deshalb nie Hilfe brauchen. Die auch keine Hilfe wollen. Die machen diese Erfahrung nicht. Und man kann beobachten: Wo die Menschen für sich selber sorgen können und wollen, da haben sie nicht viel übrig für die Bedürftigen. Und sie haben wenig Vertrauen in die Zukunft. Stattdessen haben sie Sorgen und Befürchtungen.

 

Die arme Witwe, die Jesus beobachtet, die ist anders. Sie gibt, weil sie etwas geben kann. Und weil sie mithelfen möchte, dass das soziale Gefüge ihrer Welt intakt bleibt. Dass es Hilfe gibt, wo Hilfe gebraucht wird. Ob ich nun wirklich den Armen raten will, alles herzugeben? Die arme Witwe von damals als Vorbild?

 

Nein, das will ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass Jesus das wollte. Er hat beobachtet. Und darauf hingewiesen, was selig macht.

 

Ich nehme die Frau deshalb zuerst einmal als Vorbild für mich. Ich bin nicht arm. Wahrscheinlich näher bei den Wohlhabenden. Aber von der armen Witwe lerne ich: Geben tut gut. Geben macht Freude. Geben macht stolz. Wer geben kann, kann sich aufrichten. Und es muss ja nicht Geld sein. Ich kann auch Zeit geben, Mitgefühl, Fürsorge, Arbeitskraft.

 

So gesehen ist es viel, was die arme Witwe mir gibt.

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