Gotteshungrig

Morgenandacht

Selbst ihre Falten waren energisch: Dorothee Sölle ist für mich Vorbild um „Theologie zu leben“. Sie redete nicht nur über, sie stritt für eine bessere Welt – für Gerechtigkeit. Über ihre Theologie sagte sie:

„Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen! Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln und die Verbundenheit mit allem, was lebt, die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben und nicht später, sondern jetzt und hier. Bei uns, in uns.“

Keine freundlichen Versprechungen auf das Jenseits – man muss jetzt für eine gerechtere Welt kämpfen. Diesen Gedanken hat sie mir vermacht. Im April vor vierzehn Jahren ist sie gestorben. Und immer noch legen Menschen regelmäßig Steine auf ihren Grabstein. Erinnern sich an sie und vermissen sie – vielleicht als Freundin, manche aber auch, weil sie von ihr herausgefordert wurden, noch einmal nachzudenken – gerechter zu denken. Ich glaube, solche Erinnerungssteine braucht es, um nicht in frommen Reden stecken zu bleiben.

Dorothee Sölle war aber keineswegs nur eine Aktivistin. Sie passt in keine Schublade. Auch ihr Weg hat sich immer wieder verändert. Sie war auch Mystikerin. Dorothee Sölle, die in den 60er Jahren das Politische Nachtgebet ins Leben gerufen hatte – sie, der man nachsagte, den Glauben auszuhöhlen und zu politisieren? Sie als Mystikerin? Aber ja. Ich glaube ihr, für ein gerechteres Leben kann man nur streiten, wenn man auch die Stille sucht. Zur Ruhe kommt. Betet. Stoppt und gestärkt weiter geht. Eine Mystikerin war sie wohl von Anfang an. Und eine „Gotteshungrige“. Politisches Engagement und mystischer Glaube waren für Dorothee Sölle immer ein und dasselbe. Ein Gotteshunger, der sie antrieb. Ein Hunger, der sie antrieb und der mich auch aus meinem Sessel holt: Theologie ist immer mit meiner Person verbunden. Man kann nicht denken, was man nicht tut. Es geht nicht nur darum, dass Gott uns liebt, sondern auch darum, dass ich ihn liebe und dies auch zeige in dem, was ich tue. Eines ihrer späteren Gedichte überschreibt sie: „Hör nicht auf, mich zu träumen, Gott“:

Nicht du sollst meine probleme lösen, sondern ich deine gott der asylanten, nicht du sollst die hungrigen satt machen, sondern ich soll deine Kinder behüten vor dem terror der banken und der militärs (sondern ich soll dich aufnehmen schlecht versteckter Gott der elenden.) Du hast mich geträumt gott wie ich den aufrechten gang übe und niederknien lerne, schöner als ich jetzt bin, glücklicher als ich mich jetzt traue freier als bei uns erlaubt. Hör nicht auf mich zu träumen gott ich will nicht aufhören mich zu erinnern dass ich dein baum bin gepflanzt an den wasserbächen des Lebens.

Einige treffe ich, die so leben: sich einsetzen, widersprechen, sich engagieren – Gotteshungrige. Sie begegnen mir, zum Beispiel, in der diakonischen Basisgemeinschaft Brot und Rosen. Deren Mitglieder leben in einem Haus der Gastfreundschaft zusammen und nehmen obdachlose Flüchtlinge auf. Es geht um Brot, um Lebensnotwendiges. Und es geht um mehr – einen Geschmack vom Festmahl Gottes zu erahnen, so sagt es Dietrich Gerstner von Brot und Rosen.

Und vielleicht ist es das, was passieren kann, wenn der Alltag unterbrochen wird: Es mischt sich ein anderer Duft darunter. Rosen sind verschwenderische Geschöpfe, die da sind, um schön zu sein. Manchmal reicht nur eine, um ein ganzes Zimmer anders erscheinen und duften zu lassen. So ist es, wenn Christen um das tägliche Brot bitten, im Vaterunser – dann geht es um das Brot auf dem Frühstückstisch, aber eben auch um das Brot für die Seele. Der Duft der Rosen, von einer anderen Welt – gehört mit gerechtem Handeln zusammen. Nur, wenn ich mich auch versenken kann, kann ich wieder träumen von einem aufrechten Gang – kann ich spüren, dass auch ich geträumt bin als freier und fröhlicher Mensch: Gotteshungrig!

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