Helft den Unterdrückten!

Morgenandacht

Wenn ich über unsere große Einkaufsstraße gehe, dann sehe ich sie sitzen: Eine Frau aus irgendeinem südeuropäischen Land, zusammengekauert, mit einem Pappbecherchen zum Geldsammeln vor sich auf dem Boden und einem Zettel mit einer rührenden Geschichte. Und ich bin mir sicher: Sie sitzt nicht freiwillig da. Sichtbar um die Ecke wartet ihr krimineller Aufseher, um ihr alles abzunehmen, was sie erbettelt hat. Sie hat keine Chance auf Selbstbestimmung. Aber wer hilft ihr?

 

Helft den Unterdrückten! Der Prophet Jesaja hat eine göttliche Vision (Jesaja 1,17): Da sagt Gott seinem Volk, wie sehr das ganze äußerliche Schöntun ihm auf die Nerven geht: all die Heuchelei, die hohlen Sitten und Gebräuche. Gott will nicht belobhudelt und beopfert werden – er will, dass die Menschen endlich das tun, was er ihnen sagt: „Lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!“

Helft den Unterdrückten! Eine klare Ansage. Aber hat das was mit mir zu tun? Ich lebe in einem freien Land. Gott sei Dank! Und nicht nur das, ich lebe sogar in einem Sozialstaat, mit demokratisch verabschiedeten Gesetzen  und unabhängigen Gerichten. In unserem Land gibt es eine Witwen- und Waisenrente. Kann es da überhaupt „Unterdrückte“ geben?

 

Offenbar. Die Zahl der illegalen und damit rechtlosen Menschen in Deutschland wurde von der Migrationsforscherin Dita Vogel schon 2014 auf eine Zahl zwischen 200.000 und einer halben Million geschätzt[1], ca. 14.500 Menschen leben laut dem Global Slavery Index in Deutschland als Sklaven[2] – sie sind hilflose Opfer von Schleppern, Zuhältern und skrupellosen Geschäftemachern. Eigentlich erwarte ich von einem Sozialstaat, dass er gegen solche Unterdrückung sofort einschreitet. Dass fürsorgliche Polizistinnen der Frau aufhelfen, sie in eine extra dafür eingerichtete Unterkunft bringen, sie vor jedem Zugriff ihrer Peiniger beschützen. Aber das geschieht nicht. Im Gegenteil. Die bettelnde Frau in der Einkaufsstraße fürchtet sich vor der Polizei. Sie ist illegal im Land, sie gilt selbst als kriminell. Wenn sie erwischt wird, wird sie abgeschoben. Das Netteste, was die Polizisten tun können, scheint tatsächlich, sie zu übersehen.

 

Aber das reicht nicht. Wenn unsere Gesellschaft das Recht auf Menschenwürde ernst nimmt, wenn die Kirche diesen Propheten Jesaja ernst nimmt, dann müsste sie sich ganz klar, ohne wenn und aber, auf die Seite der Unterdrückten stellen. Auch auf die Gefahr hin, damit anzuecken. Der Staat müsste diese schutzlose Bettlerin beschützen, die Kirche müsste ihr Zuflucht bieten. Manche Gemeinden versuchen das und geben Kirchenasyl, wenn zum Beispiel Abschiebung droht. Aber solange das keine große Bewegung wird, ändert sich an der Gesamtsituation nichts.

 

Helft den Unterdrückten - wenn alle sich daran halten würden - würde das unsere Gesellschaft nicht radikal umkrempeln?,  denke ich erschrocken. Aber dann atme ich auf. Klar würde es das – aber zum Guten! Denn eins liegt auf der Hand: So, wie es im Moment ist, kann es nicht bleiben. Das ist wie bei einem Dampfkochtopf: Wenn der Druck zu hoch wird, fliegt uns die ganze Suppe um die Ohren. Zu viel Unterdrückung gebiert irgendwann einen gewaltsamen Ausbruch. Wer Gerechtigkeit will, muss aufhören, die, die schon schwach sind, kleinzuhalten und immer weiter hinunterzudrücken. Wer Gerechtigkeit will, muss bei dieser scheinbar rechtlosen Bettlerin begingen.

 

Genau das ist es, was Jesus getan hat. Ich bewundere ihn dafür. Für ihn war völlig klar: Menschen ohne Rechte und ohne Würde gibt es nicht. Die zusammengekauerte Bettlerin ist ein genauso freier, liebenswerter Mensch wie alle anderen auch. Sie hat ein Recht darauf, frei und glücklich zu sein. Und selig ist, wer ihr dabei hilft.

 

[1] https://www.welt.de/politik/deutschland/article156051306/Die-Zahl-der-Untergetauchten-koennen-Forscher-nur-schaetzen.html

[2] „Global Slavery Index“ der australischen Stiftung „Walk Free“

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