Hinfallen

Morgenandacht

„Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen“ so lese ich auf der Postkarte, die mir eine Freundin schickte. Ich muss lächeln über den Spruch, aber gleichzeitig ist mir auch ganz seltsam zumute.

 

Hinfallen ist nicht schön. Jeder, der schon mal gestürzt ist, weiß das. Hinfallen tut weh. Deshalb vermeide ich das Hinfallen.

 

Wer fällt, war in der Regel unaufmerksam. Stürze geschehen, wenn ich etwas übersehe oder nicht beachte: Einen Stein, eine Stufe, die eigenen Füße. Manchmal übersehe ich auch etwas in meinem Leben.

 

Mal ist es der Job, der so gar nicht zu den eigenen Überzeugungen passt oder die Kollegen, die sich fragwürdig verhalten. Oder die Ehe, die schon lange weder liebevoll noch förderlich ist.

 

Immer dann entsteht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was für das Innerste, für die Seele wichtig ist und dem, was sich um einen herum, im „Draußen“ abspielt. Statt innezuhalten und sich das Dilemma anzusehen, spielen viele Menschen ihr Drama weiter und versuchen, das Ungleichgewicht auszubalancieren. Wie ein Seiltänzer auf einem Seil hoch über dem Boden. Manche Menschen können das erstaunlich lange. Ein Leben lang.

 

In der Regel sorgt das Leben dafür, dass ich irgendwann gefährlich wackele und hinfalle. Anders ausgedrückt: Ich scheitere! Das kann ein gesundheitlicher Einbruch sein, eine Trennung, ein großer Fehler, der ans Tageslicht kommt, der Verlust des Arbeitsplatzes, ein Burnout oder alles gleichzeitig oder von allem ein bisschen.

 

Hinfallen ist nicht schön und fühlt sich nicht gut an. Deshalb gehört es schon zur Kultur das Scheitern so lange wie möglich zu vermeiden oder zu vertuschen. Aber ohne einen Sturz würde jeder einfach weitermachen mit dem eigenen Dilemma.

 

Die Bibel ist ein ermutigendes Buch über lauter gescheiterte Menschen. Wobei das Scheitern nie das Ende, sondern oft ein Wendepunkt ist. Es gibt keine Person in der Bibel, die nicht irgendwie gescheitert ist. Die meisten straucheln mehrfach und taugen im herkömmlichen Sinne nicht als Vorbild.

 

Das beginnt schon bei Adam und Evas Essen der verbotenen Frucht, dem Brudermord von Kain an Abel, Jakobs Lügen, Davids Ehebruch und Mord, Petrus Verleugnung und…, und…, und…

 

Wer schon mal ein Scheitern erlebt hat, weiß, dass danach erst einmal gar nichts kommt. Es entsteht eine Art Vakuum.

 

Das alte Leben oder ein Teil des alten Lebens ist in sich zusammengefallen, etwas Neues ist noch nicht in Sicht. Das ist unendlich schwer auszuhalten.

 

Dieses Vakuum ist auch ein Geschenk. Gefährlich dagegen ist es, die entstandene Lücke so schnell es geht zu füllen. Gescheiterte Politiker, die flugs einen neuen Posten haben, tun sich und anderen meist keinen Gefallen damit. In der Regel stellen sie sich wieder auf das gleiche Seil und balancieren so weiter wie zuvor. Das passiert, wenn man sich keine Zeit nimmt, um den Boden zu befühlen, auf dem man gelandet ist. Der ist vielleicht viel tragfähiger als das selbstgeknüpfte Seil.

 

Der Boden ist das Interessanteste am Hinfallen. Wer sich nicht mehr halten kann, macht in der Regel die Erfahrung, dass da etwas Anderes ist, was trägt. Wer sich und sein Scheitern aushält, erfährt, dass er gar nicht alles selber tragen oder ertragen, lösen oder erlösen muss und es auch nicht kann. Diese Erkenntnis entspannt unendlich.

 

Wer auf dem Boden gelandet ist und nicht davor flieht, begegnet sich selbst als Mensch. Fehlbar und verletzlich. Die Worte „humus“ wie „Erde“ und „human“ wie „menschlich“ haben die gleiche Wurzel. Der Mensch ist ein Erdenwesen, kein Überflieger.

 

Wer auf dem Boden gelandet ist, begegnet möglicherweise auch Gott. Denn er ist der Grund des Lebens und trägt schon längst alles in seiner Hand. Unendlich liebevoll und gnädig. Mir hilft es, ihm darum zu bitten, mich an die Hand zu nehmen und mein Leben so auszurichten, dass ich auf tragfähigem Grund weiterleben kann. Gott lädt uns dazu ein. Es ist einen Versuch wert.

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