Kindertheater

Glücklich sind, die reinen Herzens sind
Morgenandacht

Samstagnachmittag im Kindertheater. Die Hüte der Feen sehen aus wie umgedrehte Schultüten mit einem Schleier dran. Genau wie im Märchenbuch. Aber hier sind die Feen lebendig und ihre Zauberstäbe sprühen echte Funken. Meike ist hingerissen. Aber dann zuckt sie zusammen: Die schwarze Fee kommt hereingefegt. Böse zischt sie ihre Verwünschung über das kleine Dornröschen. Meike bekommt Herzklopfen. Was wird nun aus der schönen Prinzessin in dem rosa Traumkleid? Sie fühlt den Stich der Spindel, als habe sie sich selbst gestochen. Aber gleich lacht sie wieder über den Koch und seinen Küchenjungen, die 100 Jahre aushalten müssen in ihrer Verrenkung. Atemlos folgt sie dem Prinzen durchs Gestrüpp und dann erlebt sie die große Bedeutung eines ersten Kusses. Was war das für ein Nachmittag! Der Glanz eines königlichen Festes, die dunklen Schatten der Gefahr, die Komik des Alltags, das lange Bangen und schließlich die Erlösung sind durch ihr offenes Herz gezogen. Davon zeugen ihre glühenden Wangen und leuchtenden Augen.

 

Meikes Papa hat keine leuchtenden Augen. Er fand, dass die Stühle im Saal ziemlich unbequem waren. Die Schauspieler zu laut, die Kulissen etwas schäbig. Kindertheater halt. Er ist froh, dass es vorbei ist und er sein Smartphone wieder anmachen kann. Jetzt braucht er dringend einen Kaffee und dann ab nach Hause. Zerstreut denkt er daran, dass er ja noch den Rasen sprengen muss.

 

So ähnlich läuft es ab, wenn Papa und Meike gemeinsam unterwegs sind. Sie kommt erfüllt zurück, er ist mit seinen Gedanken schon längst woanders. Ich war da als Mutter auch nicht anders. Während mein kleiner Sohn mit glühenden Ohren in einer Geschichte aufging, habe ich schon manchmal heimlich auf die Uhr geguckt. Das nennt man dann: Erwachsen sein. Aber ich möchte mal wissen: Warum ist das so? Warum verlieren die Bilder, die Geschichten, die Menschen – warum verliert eigentlich alles an Glanz und Zauber, wenn man erwachsen ist? Liegt es daran, dass man alles schon mal gesehen hat? Dass man weiß oder zu wissen glaubt, wie‘s geht? Oder ist man einfach immer zu viel mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um sich ganz auf etwas Anderes einzulassen? Man ist erwachsen, man blickt durch – aber dieser Durchblick sorgt dafür, dass gar nichts mehr so ganz tief ankommt im eigenen Erleben. Immer ist da so etwas wie eine innere Schranke, eine Instanz, die eben schon Bescheid weiß, einschätzt, beurteilt und abtut.

 

„Glücklich sind, die reinen Herzens sind“, heißt es in den Seligpreisungen Jesu, „denn sie werden Gott schauen.“ Und da denke ich wirklich zuerst an die Kinderherzen, die sich noch verzaubern lassen und manchmal überwältigt sind von all dem Wunderbaren, das es zu sehen gibt. Auch das hat Jesus ja gesagt: Kinder sind dem Himmelreich näher als die Erwachsenen. Aber sicher will er den Erwachsenen das reine Herz und den offenen Blick nicht verschließen. Vielmehr will uns die Seligpreisung wohl den Weg weisen, wie sich der so oft verschlossene, reservierte Blick wieder öffnen könnte.

 

Das reine Herz muss nicht für immer verloren sein, weil ich keine vier Jahre mehr alt bin.

Ich könnte mich ja ab und zu darin üben, es wieder zu reinigen. Mal genau hinzugucken auf den Berg von festen Vorstellungen, Absichten und Wertungen, die sich da im Lauf der Zeit eingenistet haben. Kann ich mich davon frei machen? Nicht so einfach.

 

Vielleicht ist schon viel gewonnen, wenn ich aufhöre zu glauben, dass ich immerzu alles bewerten, einschätzen und abschätzen muss. Ich könnte mich dann sicher auch an einem Nachmittag im Kindertheater mehr vergnügen. Aber das gereinigte, erwachsene Herz sollte wohl vor allem den Mitmenschen gelten: Kann ich ihnen begegnen, ohne sie in ihrem Tun und Lassen immer gleich zu bewerten? Ohne sie immer gleich irgendwie richtig stellen zu wollen? Wenn es gelingt – selten genug – dann mag das zwischen uns sein, was wir die Liebe Gottes nennen. Oder das Glück.

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