„Mein Glaube ist Privatsache“

Morgenandacht

Eigentlich geht es doch keinen etwas an, woran ich glaube. Oder?

 

Als junger Mann habe ich mir da eine ziemliche Abfuhr geholt. Die Jugendgruppe unserer Kirchengemeinde plante einen Gottesdienst. „Woran glauben die Leute heutzutage?“ Darum sollte es gehen. Zur Vorbereitung machten wir Interviews auf offener Straße. Das war damals in den neunzehnhundertsechziger Jahren ziemlich mutig. Die Passanten waren einen öffentlichen Umgang mit Mikrofonen noch nicht gewohnt.

 

Ich frage also einen Mann: „Glauben Sie an Jesus Christus?“ Der musterte mich von oben bis unten und ranzt mich dann an: „Das ist ja wohl meine Privatsache.“

 

Da hat er natürlich Recht gehabt. Eigentlich. Andererseits scheint es aber doch ein gewisses öffentliches Interesse daran zu geben. Am Glauben. Oder an Religion. Die ARD jedenfalls widmet der Sache eine ganze Themenwoche. Ganz unverblümt fragt sie in diesen Tagen „Woran glaubst Du?“

 

Das hat ja gar nicht automatisch etwas mit Kirche zu tun. Im Grunde geht es doch darum: Was hält dich auf den Beinen, wenn der Boden unter deinen Füßen wankt?

 

„Was hilft dir hoch, wenn du unsanft aufgeschlagen bist?“

 

„Wer oder was hilft dir weiter, wenn du eine Entscheidung fürs Leben zu treffen hast?“

 

„Gibt’s im Leben so was wie ein ethisches Grundgerüst? Also die sichere Überzeugung: Das tut man. Und das tut man nicht.“

„Oder einen Wertekatalog? Etwas, woran man unter keinen Umständen rütteln lässt. Was man sich nicht nehmen lässt.“

 

Gemeinsame Überzeugungen verbinden. Andererseits: Wenn ich mit Ansichten konfrontiert bin, die ich ablehne, leuchten schon einmal alle Warnsignale auf, zu denen meine Seele fähig ist.

 

Wenn ich weiß, wie der andere tickt, fällt die Entscheidung leichter: Könnten wir es miteinander aushalten? Vielleicht eine Zeitlang gemeinsam unterwegs sein? Möglicherweise auch zusammen etwas auf die Beine stellen?

 

Das mögen Gründe für das Interesse an dieser Frage sein: „Woran glaubst du?“

 

Die Bibel erzählt, Jesus hat diese Frage auch gestellt. Und zwar ausgerechnet seinen Jüngern, die doch eigentlich Experten in Sachen Glauben gewesen sein müssten.

 

Fast drei Jahre ist Jesus mit seinen Jüngern schon auf Rundreise durch Israel gewesen. Und dabei hatten sie einiges an Schlagzeilen produziert: Heilungen, Predigten – aber auch Provokationen des Herrscherhauses in Jerusalem. Und da kommt Jesus auf die Idee, seinen Jüngern auf den Zahn zu fühlen:

 

„Sagt mal“, beginnt er das Gespräch, „die Leute – was sagen die eigentlich von mir? Für wen halten die mich?“ Und dann listen seine Jünger die Vermutungen auf. Die Spekulationen. „Ja, es gibt Leute, die halten dich für eine Wiedergeburt von Johannes dem Täufer“, sagen einige. „Andere halten dich für den alten Propheten Elia“. Der war auch schon lange tot. Aber eine große Nummer in Israels Geschichte.

 

„Und…“, sagt Jesus, „… wofür haltet ihr mich? Was glaubt ihr?“ Und dann sagt Petrus: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“

 

„Auf dich haben wir schon lange gewartet“, heißt das. „Auf dich setzen wir all unsere Hoffnung.“ „Wenn du etwas sagst, dann kann man sich darauf verlassen.“ „Bei dir haben wir verstanden, dass die Sache mit Gott keine Luftnummer ist, sondern Grund des Lebens“.

 

„Woran glaubst du?“ Das Sprachempfinden sagt: „Glaube ist nicht Wissen“. Ja, Glaube und Unsicherheit gehen Hand in Hand.

 

In Jesu Muttersprache hat das Wort „Glaube“ einen anderen Klang. Im Aramäischen. Da bedeutet es soviel wie: „Festen Stand bekommen“. Oder: „Sicheren Boden unter den Füßen haben“. Und nicht nur die Bibel erzählt, wie der Glaube an diesen Christus für festen Stand im Leben sorgt.

 

Tja, die Sache mit Jesus. Muss man die glauben? Religionsfreiheit gehört zu den großen Errungenschaften unserer Gesellschaft. Auch die Freiheit, gar nichts zu glauben.

 

Aber ich muss meinen Glauben auch nicht verschweigen. Schon gar nicht in dieser Woche, in der ich täglich gefragt werde, was ich glaube.

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