Mittsommer

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Mittsommer in Helsinki. Zum ersten Mal bin ich so weit im Norden und erlebe diese besondere Zeit im Jahr. Die Abenddämmerung dauert gefühlt eine Ewigkeit und wenn bei uns binnen einer Stunde die Sonne untergeht, dauert es im Norden mehrere Stunden. Eine schier endlose Dämmerung und mehrere blaue Stunden, die ich so liebe.

 

Wir sitzen zusammen und reden und trinken und lachen. Die Luft ist warm und eine spürbare Fröhlichkeit liegt über dem Land. Eigentlich überall sind Menschen zusammen. In den Parks wird jede noch so kleine Grünfläche für ein Picknick genützt, manchmal sogar die Verkehrsinseln. Eine Tischdecke, Essen und Trinken darauf, viele spontane Tischgemeinschaften und man teilt das mitgebrachte Essen, so als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt.

 

„Kommt, denn es ist alles bereit. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!“ An diese Worte aus der Abendmahlsliturgie fühle ich mich erinnert. An die Freude und Freigiebigkeit, an das Kommt!, das die Menschen an den Tisch Jesu lockt. „Wir brauchen das!“ sagen mir meine finnischen Freunde, als ich ihnen meine Gedanken erzähle. Als Deutscher kenne ich das nicht so: Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die Bereitschaft zu Teilen. In Schweden gibt es sogar ein Wort dafür: Fika, eigentlich das Wort für Kaffee, bezeichnet nicht nur das Getränk. Sondern Fika steht für viel mehr: für Beisammensein, den Austausch, das gemeinsame Lachen und Weinen, zusammen mit anderen. Ein schwedisches „Lass uns Kaffee trinken!“ klänge bei uns eher wie „Komm, schenkt mir was von deiner Zeit und lass uns eine Weile beisammen bleiben!“. Wann sagen wir das schon? Schwedische Büros und Arbeitsgemeinschaften gehen sogar fast immer gemeinsam zum Mittagessen. Gemeinschaft ist wichtiger ist als Zeit alleine.

 

Und warum? Im Mittsommer wird das deutlich: „Wir haben so lange Dunkelheit, kennen Tage, an denen es nur wenige Stunden hell ist. Deshalb nützen wir jede Stunde und genießen den Mittsommer so“ sagen mir meine Finnen und versprechen mir für den nächsten Tag in Helsinki eine Besonderheit. Und auf dem Hauptboulevard sehe ich sie dann: eine lange weiße Tafel über fast einen Kilometer. Vom Hafen hinauf in die Altstadt. Mit Kerzenleuchtern und Bänken und Stühlen. Bereit für die, die diesen Abend gemeinsam feiern wollen. Von mehreren Bühnen ertönt Musik. Straßenartisten zeigen ihre Kunst und von überall kommen Menschen mit Körben und Taschen, um die lange Tafel mit Köstlichkeiten und Getränken zu füllen. Ein langes Band der Freude und Gemeinschaft quer durch die Stadt. Ein besonderer Abend am längsten Tag des Jahres.

 

Von Jesus wird erzählt, dass er oft mit vielen Menschen zu Tisch saß. Und dass es dabei nicht darauf ankam, dass jeder und jede diese Gemeinschaft verdient hatte. Von „Zöllnern und Sündern“ berichtet die Bibel. Doch ist eben diese Tischgemeinschaft ein biblisches Bild für den Himmel. Ein großes Gastmahl, zu dem alle eingeladen sind und an dem auch ich einmal einen Platz haben werde.

 

Die Mittsommertafel ist für mich da wie ein himmlischer Vorgeschmack. Es fehlt ja nicht an Gelegenheiten, Gemeinschaft zu feiern. Einfach die Tische und Stühle rauszustellen und das Leben feiern. Schön, dass es Menschen gibt, die ihren Glauben am Tisch mit anderen feiern. Die einladen, sagen „Komm, es ist alles bereit!“ Wir haben Zeit für dich. Und Platz.

 

Ich nehme mir vor, das von meinen finnischen Freundinnen und Freunden zu lernen. Diese fröhliche Spontanität und himmlische Lebensfreude. Mit anderen zu teilen, Abschied von der perfekten Vorbereitung zu nehmen. Tisch und Tafel, die Zeit und Gemeinschaft mit anderen zu genießen und Gott in unserer Mitte aufleben zu lassen.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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