Mut zum Frieden

Morgenandacht

„Wir müssen über die Demokratie nicht nur reden – wir müssen lernen, für sie zu streiten!“ sagte der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Antrittsrede am 22. März. Eine Faszination des Autoritären sei tief nach Europa eingedrungen. Und er erklärt das damit, dass „alte Gewissheiten verschwunden und neue nicht an ihre Stelle getreten sind.“

 

Ich finde diese Rede beeindruckend. Sie bestärkt mich und macht mir Mut. Gerade als Christin. Denn sie erinnert mich an ein Versprechen, dass Gott dem Volk Israel gibt. Durch den Propheten Jesaja lässt er ausrichten: „Ich will den Frieden zu deiner Obrigkeit machen und die Gerechtigkeit zu deinem Herrscher!“ (Jesaja 60,17)

Gott selbst will Frieden und Gerechtigkeit!, sagt der biblische Prophet. Klar: Jesaja selbst kannte Demokratie als Staatsform noch nicht. Zu seiner Zeit gab es für die Völker nur eine Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit: Das war ein selbstloser, gerechter Herrscher. Und da diese Herrscher damals wie heute selten sind, bleibt diese Botschaft für Jesajas Zeitgenossen utopisch.

Für uns heute sieht das anders aus. Für uns ist ein gerechter Staat nicht mehr undenkbar. Wir genießen heute die Früchte dessen, was unsere Vorfahren unter vielen Opfern für uns erstritten haben: die Herrschaft des Volkes. In der Demokratie haben alle eine Stimme, und zwar gleichberechtigt: die Stimme des Jugendlichen, der zum ersten Mal wählt, zählt genauso viel wie die Stimme der 90-jährigen Seniorin, die der alleinerziehenden Hartz IV-Empfängerin genauso viel wie die des millionenschweren Wirtschaftsmagnaten. Das ist eine ungeheure Errungenschaft. Und auch wenn die realen Machtverhältnisse sich manchmal anders darstellen – solange unser Grundgesetz gilt, haben wir es selbst in der Hand, das auf legalem Wege zu korrigieren.

Das macht sich natürlich nicht von allein. Streiten für Demokratie ist ein anstrengender Weg, sagt der Bundespräsident. Aber ein Weg, der sich lohnt.

„Frieden als Obrigkeit und Gerechtigkeit als Herrscher!“

Was das bedeutet, wird mir deutlich, wenn ich mich frage: Was ist das entscheidende Merkmal eines Herrschers? Er herrscht. Er gibt die Regeln vor. Er entscheidet. Wenn also Frieden und Gerechtigkeit „herrschen“, dann werden sie zu den Leitlinien für alles staatliche Handeln.

 

Wichtig ist mir dabei: Der biblische Begriff von Gerechtigkeit geht hinaus über ein bloßes „Ist das auch gerecht verteilt?“. Einer biblischen Gerechtigkeit geht es nicht darum, alle über einen Kamm zu scheren. Es geht darum, würdige und gute Lebensbedingungen für alle zu schaffen. Deshalb sind Frieden und Gerechtigkeit in der Bibel fast austauschbare Begriffe.

 

„Ich werde parteiisch sein, wenn es um die Demokratie geht“, hat der Bundespräsident gesagt, und da schließe ich mich aus vollem Herzen an. Und ich freue mich, dass ich als Christin sagen kann: Dieses demokratische Friedensprogramm steht schon immer auf meiner Fahne. Es gehört zu den alten christlichen Gewissheiten, ist sozusagen Gottes Empfehlung an uns Menschen: Unser Staatswesen so einzurichten, das „Frieden und Gerechtigkeit sich küssen“, wie ein anderer Prophet es ausgedrückt hat.

 

In der Bibel ist klar: Es gibt eine einzige Instanz, gegenüber der ich mich verantworten muss, und die ist nicht von dieser Welt. Hier unten auf der Erde sind alle Menschen gleich: gleich wichtig, gleich wertvoll, gleichberechtigt. Und jeder, der etwas anderes behauptet, legt sich mit Gott selber an. Alle, die wollen, dass Frieden und Gerechtigkeit die Oberhand in unserem Land haben, haben Gott auf ihrer Seite. Diese Gewissheit macht mich stark. Und immunisiert mich gegen jede neue Faszination des Autoritären.

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