Pelle zieht aus

Morgenandacht

Wer definiert eigentlich, was gerecht ist? Gott, unser Arbeitgeber, das BGB oder ein Mediationsverfahren – meine Freunde oder Eltern?

 

Pelle jedenfalls fühlt sich von seinen Eltern ungerecht behandelt. „Das war heute Morgen, als Papa ins Büro gehen wollte und seinen Füllfederhalter nicht finden konnte. ‚Pelle, hast du schon wieder meinen Füllfederhalter genommen?‘, fragte Papa und packte Pelle hart am Arm. Pelle hatte schon manchmal Papas Füller ausgeliehen. Aber nicht heute. Heute steckte der Füller in Papas brauner Jacke. Pelle war vollkommen unschuldig. Und Papa, der ihn so hart am Arm gepackt hatte? Und Mama? Sie hielt selbstverständlich zu Papa. (Ungerecht.) Das hört jetzt aber auf! Pelle hatte die Absicht umzuziehen.

 

In Astrid Lindgrens Geschichte „Pelle zieht aus“ ist der kleine Junge bereit, für Gerechtigkeit zu kämpfen – dafür, dass ihm Gerechtigkeit geschieht. Er könnte nach Afrika auswandern, überlegt er: „Wenn Papa dann aus dem Büro nach Hause kommt und wie immer fragt: ‚Wo ist mein kleiner Pelle‘, dann weint Mama und sagt: ‚Pelle ist von einem Löwen aufgefressen worden.‘ Ja, ja, so geht es, wenn man ungerecht ist.“

 

Aber Afrika wird es dann doch nicht. Pelle zieht lieber in das kleine rote Häuschen unten im Hof mit dem Herz an der Tür. Und für eine Weile fühlt er sich dort auch ganz wohl. Aber dann wird die Zeit dort im Herzhäuschen lang, sehr lang. Man hört leise Mundharmonikatöne aus dem Häuschen: „Nun ade, du mein lieb Heimatland“. Und schließlich geht Pelle unter einem Vorwand wieder nach oben zu seiner Mutter. Mein Lieblingssatz kommt, als die Mutter gesagt hatte, wie sehr sie ohne Pelle weinen würden: „Da lehnt Pelle den Kopf an die Tür und weint auch, so herzzerreißend, so laut, so durchdringend – so schrecklich. Denn er hatte solches Mitleid mit Mama und Papa.

 

Lange fand ich: Pelle ist eingeknickt. Schließlich müssten eigentlich die Eltern zu ihm kommen und nachfragen. Sich dafür entschuldigen, dass sie ihn ungerechterweise beschuldigt haben. Aber letztlich definiert Pelle hier Gerechtigkeit anders. „‘Ich verzeihe euch‘, sagt Pelle zwischen den Schluchzern.“

 

Pelle bleibt nicht dabei stecken, aufzurechnen: 1:1. Falsch angeschuldigt wurde er – und straft dafür seine Eltern. Aber dabei bleibt es nicht. In die dunklen Töne mischt sich ein heller Klang: „ich verzeihe euch“ – Mitleid. Am Ende definiert Pelle Gerechtigkeit so: Mitleiden statt Vorrechnen, Lieben statt Neiden.

 

Diese Gerechtigkeit finde ich auch in der biblischen Geschichte von den Arbeitern im Weinberg: Gott fragt darin, warum es verärgert, wenn er so gütig ist. Dass die Arbeiter ungerecht bezahlt werden, ist damit nicht weggewischt. Natürlich müssten die, die den ganzen Tag geackert haben, mehr bekommen, als die, die spät dazukamen. Nach Tarifrecht. Aber Gott lässt sich nicht in diese Gerechtigkeits-Kategorie drängen. Er bringt eine neue Farbe in das Thema Gerechtigkeit: Nicht klar und eindeutig. Nicht schwarz, weiß. Sondern anders, ein zarter Farbschleier. Es heißt von Gott: „Habe ich nicht die Macht zu tun, was ich will mit dem, was mein ist. Siehst Du scheel drein, weil ich so gütig bin“? Gütig. Barmherzig. Wohlwollend vielleicht oder „mit Herz“.

 

Wer definiert nun, was gerecht ist? Ich finde – niemand allein. So einfach komme ich nicht davon. Zur Gerechtigkeit gehören immer mehrere und ich kann nur darauf hoffen, dass die Beteiligten barmherzig miteinander sind. Gütiger, als ich es selbst manchmal wäre. „‚Ich verzeihe euch’, sagt Pelle zwischen den Schluchzern. ‚Danke, lieber Pelle’, sagt Mama. Viele, viele Stunden später kommt Papa aus dem Büro nach Hause und ruft wie immer schon in der Diele: ‚wo ist mein kleiner Pelle?‘ ‚Hier!‘, schreit Pelle und wirft sich ihm in die Arme.

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