Perspektivwechsel

Morgenandacht

Mauern haben derzeit wieder Hochkonjunktur. Die Mauer als Antwort auf die Frage: Was kann uns schützen? Was hält uns Leid und Gewalt vom Hals?

In Amerika wird derzeit ein Ideenwettbewerb ausgelobt für die beste Mauer vor Mexiko. Natürlich möchte ich auch nicht ohne Haustüren und Landesgrenzen leben. Und bin ehrlich gesagt heilfroh, wenn ich am Abend die Tür hinter mir zu machen und mich geborgen fühlen kann.

 

Mauern um ganze Städte oder Länder allerdings gehören für mich ins Mittelalter. Als feindliche Heere noch zu Fuß gekommen sind und mit Kanonen geschossen haben. Die wirklich gefährlichen Eindringlinge kommen heute längst per Internet oder mit Langstreckenwaffen. Die kann keine Mauer der Welt aufhalten. Deshalb kann ich nicht verstehen, warum noch immer Menschen an den Schutz von Mauern und Grenzbefestigungen glauben. Selbst wenn sie eine Zeitlang Menschen abhalten sollten, die vor Krieg, Armut und Hungersnot flüchten. Wenn sich an den Bedingungen dieser Menschen nichts ändert, werden auch Mauern nicht den Ansturm dieser Menschen abhalten. Schon immer haben sie in ihrer Not einen Weg gefunden.

 

Deshalb glaube ich, dass ein Perspektivwechsel nötig ist. Wir brauchen weniger den angstvollen Blick von uns auf die Anderen. Wir brauchen mehr den Blick von oben. Auf uns und alle anderen. Weltraumfahrer zum Beispiel erzählen, wie klein die Erde im Weltall ist. Wie verletzlich ihre schützende Ozonschicht. Wie absurd Mauern und Ländergrenzen sind angesichts der Stürme von Sand, Wind und Wolken, die um die Erde gehen. Von oben betrachtet können wir Menschen nur überleben, wenn wir gemeinsam die Erde schützen. Und das fängt mit dem Vertrauen an. Nicht das Vertrauen in das Gute im Menschen. Sondern Vertrauen ins Leben. Und Vertrauen in Gott. Eine Bekannte hat mir gezeigt, wie sie das übt, dieses Vertrauen. Als orthodoxe Jüdin feiert sie in ihrer Gemeinde einmal im Jahr das Laubhütten-Fest. Dazu sind alle so oft es irgend geht draußen unter freiem Himmel. Unter einem Dach aus Laubzweigen.

 

Dorthin hat sie mich mitgenommen. Da sitzen wir dann bei Kaffee und Kuchen und schauen durch die Zweige hindurch in den Himmel. „Weißt du, warum wir immer draußen sitzen?“ hat sie mich gefragt. „Keine Ahnung. Ich sitze auch gern draußen im Garten. Ich liebe den freien Blick in den Himmel. – „Wir sitzen draußen, um uns an die Flucht aus Ägypten zu erinnern. Kein Haus, kein Dach, keine Mauer hat unser Volk schützen können beim Marsch durch die Wüste. Und es ist doch so. Krankheit, Krieg, Naturkatastrophen oder die Trennung von unseren Liebsten, es gibt so vieles, dem wir wirklich schutzlos ausgeliefert sind. Deshalb sitzen wir da und schauen in den Himmel. Wir werfen unser Vertrauen in den Himmel und hoffen, dass Gott da ist und sich unserer annimmt, wenn wir Schutz brauchen. Es ist dieses Gottvertrauen, was uns unsre Angst nimmt. Und uns ruhiger macht.“

 

Meine Bekannte schenkt mir nochmal Kaffee ein und ich schaue versonnen in die Wolken. Was für eine Weite da oben! Und was für eine Schönheit hier unten! Wenn ich sehe, wie sich das Leben wieder durch den verkrusteten Ackerboden bohrt. Grün und gelb, blau und rot. Wie an dürren Ästen Knospen aufbrechen und scheinbar totes Holz in ein Blütenmeer verwandeln. Dann habe ich kein Bedürfnis, mich zu schützen. Habe keine Angst vor dem Vergehen. Weil in diesem Vergehen und Neuwerden eine faszinierende Schönheit schlummert. Für mich als Christin schlummert in jedem Tod auch der Anfang eines neuen Lebens. So wie Jesus vom Tod auferstanden ist, brauche auch ich keine Angst zu haben, sondern kann mich in meinem Vergehen Gott anvertrauen, der aus dem Tod neues Leben ruft. Angst und Tod ist nicht das Ende. Es ist nur der Durchgang zu einem neuen, ganz anderen Leben.

 

Deshalb glaube ich – es sind nicht die Mauern, es ist der Perspektivwechsel, der uns schützt und befreit. Der Blick von oben auf diese wunderbare Erde und auf uns, Gottes Kinder. Seine große Menschheitsfamilie.

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