Pisa, postfaktisch

Den Turm einfach geradegerichtet - eine post-faktische Lösung
Morgenandacht

© Thomas Dörken-Kucharz

Er ist weltberühmt, der schiefe Turm von Pisa. Dass er schief ist, macht ihn so berühmt, macht ihn aber auch gefährlich. Er scheint jetzt gerettet zu sein, das heißt das Fundament wurde so stabilisiert, dass keine Einsturzgefahr besteht. Ich stelle mir vor, jemand versucht das Problem des schiefen Turmes anders zu lösen. Dieser jemand nimmt einfach ein Bild des Turmes und zieht den Rahmen darum anders, nämlich so dass der Turm gerade steht. Dann wäre zwar alles andere schräg, aber der Turm gerade. Und dann behauptet dieser jemand, das Pisaproblem sei gelöst, der Turm sei jetzt gerade, das Foto sei der Beweis.

 

Glauben dürfte diesem Menschen niemand und das Foto müsste sich leicht als Fälschung entlarven lassen. Doch das Foto mit dem geradegerichteten Turm stellt einfach eine post-faktische Lösung des Problems dar. Da ist zwar nichts gelöst, man behauptet es aber trotzdem und bekommt Recht, findet Zustimmung – und nicht zu knapp. „Post-faktisch“ wurde Ende 2016 zum Wort des Jahres gekürt. Denn mit solchen Schein-Lösungen und Behauptungen haben der Brexit in Großbritannien und der künftige Präsident in den USA die Abstimmungen gewonnen. Die Fakten haben eigentlich alle Argumente widerlegt, aber das interessiert nicht. Es interessiert mehr, wie man sich fühlt und was man will. Und dann hat die Wirklichkeit bitteschön auch so zu sein. Oder auch nicht, aber man behauptet es.

 

Also, man stellt den Turm von Pisa gerade, indem man das Bild so dreht, dass er gerade scheint, und zieht dann den Rahmen so, dass es so bleibt. Die anderen Dinge auf dem Bild, der Erdboden und die Kirche daneben sind dann allerdings schräg. Für mich ein Sinnbild des Populismus. Denn genau so funktioniert er. Populismus pickt sich nämlich gern eine Sache heraus für eine klare und überzeugende, saubere Lösung. Populismus nimmt eine Sache in den Blick, rückt sie medienwirksam zurecht, hat aber das Ganze nicht im Blick und die Konsequenzen insgesamt sind ihm egal. Eine Sache sieht richtig aus, der Rest wird schief – aber das wird möglichst ausgeblendet. Deshalb ist Populisten auch so schwer beizukommen, denn sie lösen ihre Sache, indem sie das Gesamtgefüge aus dem Lot bringen. Und das fällt nur auf, wenn man auch das Gesamte in den Blick nimmt – also auch den Hintergrund, das Langweilige, Normale und scheinbar Nebensächliche. Das ist natürlich längst nicht so interessant wie der Gegenstand, den sich Populisten herauspicken. Deshalb sind Populisten oft so viel unterhaltsamer, als Politiker, die am Gemeinwohl interessiert und orientiert sind.

 

Als hätte er schon post-faktische Lösungen und Populisten gekannt, schreibt der Apostel Paulus an die junge Gemeinde in Thessaloniki: „Prüft aber alles, und nur das Gute behaltet. Meidet allen bösen Schein!“ (1Thess5, 21f)

 

Wenn Paulus’ Worte 2017 zum Maßstab und zur Richtschnur des Denkens, Surfens und Handelns werden, dann haben Populisten kaum Chancen. Ich gebe zu: Prüfet alles, und nur das Gute behaltet: das kann richtig mühsam sein. Das zeigt die tatsächliche Geschichte der Sanierung des schiefen Turms zu Pisa. Über 10 Jahre war der Turm für Besucher gesperrt und man diskutierte höchst kontrovers jahrelang über die beste Sanierungsmethode. Aber die Mühe und der Streit haben sich am Ende gelohnt. Seit 2001 ist der Turm saniert und gesichert, für Besucher wieder zugänglich – und weiterhin schön schief.

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