Ruinen und Liebe

Morgenandacht

Eine Insel im Meer. Eine Verkehrsinsel. Viele Kirchen stehen auf Verkehrsinseln. Am Breitscheidplatz in Berlin zum Beispiel. Zwischen Europa Center, Zoopalast-Kino, Shoppingmalls und Fitnessstudios wartet eine Kirche und erzählt mit ihrem zerbombten Turm und der modernen Ergänzung vom letzten verlorenen Krieg. Heilung mit Beton und blauem Glas. Zukunftsorientiert. Der Architekt hätte damals lieber abgerissen, was von der „Kaiser Wilhelm-Pracht- und-Herrlichkeit“ noch übriggeblieben war. Aber nicht mit den Berlinern. Sie kämpften um ihre Ruine. Was man heute sieht, ist ein Kompromiss vom Ende der Fünfzigerjahre: „Auferstanden aus Ruinen“ war politisch zwar auf der anderen Seite der Mauer, die damals noch gar nicht stand. Aber Ruinen gab‘s ohnehin in ganz Deutschland nach diesem Krieg, und „Der Zukunft zugewandt“ war man auch im Westen. Und trotzdem diese Sehnsucht nach der Welt, als diese Kirche noch heil war, die Gedächtniskirche. Die Sehnsucht nach dem Früher brennt in vielen Herzen.

 

Mich irritiert diese Sehnsucht. Wer die Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche auf ihrer Verkehrsinsel am Breitscheidplatz betrachtet, kann sehen, dass politische Systeme kommen und gehen. Kaiser, Volk und Vaterland. Republik und Reich. Führer, Staatsratsvorsitzender, Kanzlerin. Und irgendwann sind nur noch Namen übrig und Ruinen. Und dann kommen Touristen: oder Terroristen. Besuchen, besetzen, zerstören die alten Ruinen und schaffen neue. Vor einem Vierteljahr erst wurde gemordet, direkt neben der Kirche. Mit einem LKW. Ein Irrsinn. Ein Kerzenmeer am Breitscheidplatz, Gottesdienst in der verwundeten Kirche. Brauchen wir bessere Mauern? Es katapultiert sich ein Unfrieden in unsere Mitte, der an anderen Orten der Welt schon viel zu lange herrscht. Wir sind nicht in Sicherheit. Wir sind es nie gewesen, mahnt der zerborstene Turm der Gedächtniskirche.

 

Wer hineingeht, kann heute noch die uralten Texte hören. Singen, beten – nicht nur sonntags. Paare werden getraut, Kinder getauft. Tote betrauert. Und immer lesen wir Christen dazu aus der Bibel, diesem erstaunlichem Buch, in dem auch so viel über den Krieg geschrieben wird. Über das Töten und Zerstören, den Terror und seine Folgen. Und von der großen Liebe, die immer wieder das Trotzdem gegen die allgegenwärtigen Totmacher formuliert. Gott i s t die Liebe und wir können so leben. Trotz und in all der Gewalt, die uns umgibt. – Im Markusevangelium steht: „Gott von ganzem Herzen, mit all unserem Verstand und all unserer Kraft zu lieben und meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst.“ D a s ist das wichtigste Gebot. Erstaunlich eigentlich. Denn als Markus diesen Text in sein Evangelium aufnahm, herrschten Besatzung und Krieg in Jerusalem. Und da schreibt einer, dass in all dem Töten und Zerstören immer noch die Liebe das Wichtigste sein soll. Und schickt diese Botschaft auf eine Reise durch die Jahrtausende. Das Verb, das im Griechischen steht, und das wir mit lieben übersetzen, bedeutet auch „jemanden mit Achtung behandeln.“ Gewalt kennt keine Achtung. Gewalt schleift die guten Grenzen, die Achtung setzt. Und wenn die Gewalt irgendwann ein Ende hat – in Syrien, im Südsudan, in der Ostukraine, in der Türkei – muss das Achten wieder gelernt werden: der Respekt vor Gott, vor den anderen, vor sich selbst. Wir Täter, wir Opfer, wir Hasserfüllte und Trauernde dürfen Respekt lernen. Können Liebe einüben. Geübt werden muss. Wie würde das Leben sich wohl anfühlen, wenn es gelänge, unsere Ruinen mit Liebe zu füllen? Markus, der Evangelist, nennt d a s Reich Gottes.

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