Sind wir nun frei oder nicht?

Morgenandacht

Sind wir Menschen frei oder nicht? Wie frei der menschliche Wille tatsächlich ist, das ist seit Jahren heftig umstritten. Immer wieder bin ich verblüfft, wenn ich erfahre: Mein Kleinhirn soll sich schon entschieden haben, bevor eine Information mein Großhirn überhaupt erreicht. Insbesondere, wenn es um Zwischenmenschliches geht. Hormone und abgespeicherte Vorerfahrungen scheinen viel mächtiger zu sein als jede kühle, rationale Überlegung. Ich habe noch nicht einmal bewusst gesehen, wie der andere aussieht – da hat mir irgendein Duftstoff längst gesagt, ob ich ihn sympathisch finde und nicht. Die Entscheidungen, die ich zu treffen meine, sind Produkte von wild durcheinanderlaufenden elektrischen Impulsen, die in meinem Gehirn erzeugt werden. Bis sie in mein Bewusstsein gelangen, ist der Würfel längst gefallen.

 

Ob der weise Mann in der Bibel so etwas im Hinterkopf hatte, als er den Spruch verfasste: „In eines Menschen Herzen sind viele Pläne, aber zustande kommt der Ratschluss des HERRN“? (Sprüche 19,21) Stimmt das tatsächlich, was er hier behauptet? Das wäre ja einfach: Wir können denken, was wir wollen – am Ende geschieht doch immer das, was Gott will.

 

Der Mensch denkt, Gott lenkt, sagte schon meine Großmutter immer. Ein kurzer Blick in die Lebenswirklichkeit lässt an dieser hoffnungsvollen Theorie allerdings schnell Zweifel aufkommen. Denken wir nur einmal an die viel zitierte immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich. Schwer zu glauben, dass das auch noch Gottes Wille sein soll.

 

Aber vielleicht redet dieser weise Sprücheklopfer aus früheren Zeiten ja von einem frommen Menschen? Jemand, dem es wichtig ist, dem Willen Gottes gemäß zu handeln. Vielleicht vertraut dieser fromme Mensch darauf, dass Gott in seinem Kopf die richtige Entscheidung herbeiführt?

 

Ganz ehrlich: Das glaube ich. Ich glaube fest: Wenn ich Gott darum bitte, dass er meine Gedanken zu einem guten Ergebnis führt, dann tut er es auch. Dieses Vertrauen ist mir wichtig besonders bei den Entscheidungen, bei denen es nicht ganz eindeutig ist, welche von beiden Möglichkeiten die „gute“ ist. Wenn ich zum Beispiel in einer Beziehung stecke, die mich einschränkt oder gar krank macht: Soll ich mich dann trennen oder soll ich durchhalten? Wenn meine Kinder, die ich liebe, mir mit ihren Ansprüchen auf der Nase herumtanzen – soll ich dann hart sein oder nachgiebig? Wenn ich mich zwischen einer Partei entscheiden soll, die in erster Linie Arbeitsplätze erhält, und einer, deren wichtigstes Ziel der Umweltschutz ist – was hat dann Vorrang? In solchen Fällen vertraue ich darauf, dass Gott mir bei der Entscheidung hilft, wen ich ihn darum bitte.

 

Aber das Vertrauen des alten Weisen geht vielleicht noch weiter. Er denkt vielleicht nicht nur an einen einzelnen Menschen. Schließlich spricht er von dem „Ratschluss des HERRN“. Das heißt ja: Auch Gott überlegt, kombiniert und sucht nach einer guten Lösung. Vielleicht, indem er die Pläne und Entscheidungen vieler verschiedener Menschen geschickt abstimmt? Wer weiß?

 

Diese Überlegung könnte mich eigentlich entlasten. Aber die vielen Probleme in der Welt sind ja trotzdem noch da. Nein, wenn ich mich in diesem Gefühl entspannt zurücklehne, mache ich es mir zu einfach. Und das will ich gar nicht. Schließlich bin ich ein freier Mensch. Ein Mensch mit Verantwortungsgefühl. Ich möchte ja mitdenken und zu guten Ergebnissen kommen. Ich möchte, so gut ich kann, meinen Beitrag leisten.

Aber wahrscheinlich ist genau das die richtige Ausgangssituation: Es braucht Ziele und Pläne in den Herzen der Menschen, damit Gott sie in seinem Sinne lenken kann. Gott braucht Menschen, die mitdenken. Damit er zu seinem Ratschluss kommt. In diesem Verständnis fühle ich mich frei und von Gott ernst genommen und will gerne weiter planen.

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