Soviel du brauchst

Morgenandacht

Sie leben zusammen, unter einem Dach: Dexter, der einst Banker war, ein African American – Luisa, die Theologiestudentin – Marnie, die Tochter eines Südstaaten-Maisfarmers; sie brachte immer frisches Popcorn mit – und Greg, der ehemalige Obdachlose. Sie gehören zur „community of hospitality“. Ihr altes Leben haben sie aufgegeben für diesen Ort der Gastfreundschaft. Zusammen wohnen und kochen, diskutieren und feiern sie in dieser Kommunität mitten in Atlanta: Familien, Alleinstehende, Paare, schwarz, weiß, evangelisch, katholisch oder buddhistisch. Verbunden durch die gemeinsame Idee: gerechter zu leben. Sie teilen sich allen Besitz und arbeiten Downtown in einem Obdachlosen-Café. Oft war ich bei ihnen in meinem Auslands-Jahr in den USA. Die Leute waren warmherzig und freundlich. Sie haben mir nie das Gefühl vermittelt, sie führten ein besseres oder wertvolleres Leben als ich. Wir haben gemeinsam Gottesdienst gefeiert. Wir haben diskutiert. Gestritten wurde dort auch. Sie haben mir nichts vorgemacht. Gerecht zu leben – gelungen ist das nicht immer. Trotzdem hat mich das alte Südstaatenhaus mit den knirschenden Dielen und seinen gastfreundlichen Bewohnern immer wieder magnetisch angezogen. Einziehen wollte ich dort nicht, aber ich war irgendwie beruhigt, dass es solche Menschen gibt. Salz der Erde. Sie verändern den Geschmack, mein Denken. Machen es mir auch ein bisschen ungemütlich. Sie erinnern mich daran, wie es sein könnte, im Leben.

 

Zurück in Deutschland, geht mir meine Erinnerung nicht aus dem Kopf. Und ich suche und besuche seitdem Basisgemeinschaften. Eine davon sind die Wulfshagenerhütten – eine christliche Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in der Nähe von Kiel. Ihr Ideal: Gerecht zusammen zu leben, jeder und jede mit ihren Begabungen. Ein Experiment auf Lebenszeit. Mein Besuch dort lässt mich durch schlängelige Alleen fahren, dann führt eine große Auffahrt zum ehemaligen Gutshof, dem Zentrum der Gemeinschaft. Ich steige aus und treffe Martin. Er ist ausgebildeter Maurer und erzählt mir: er wollte gern anders leben und arbeiten. Mit Menschen, die gleich ticken und glauben. Er lebte in Klöstern. Suchte nach einer Lebensform für sich. Schließlich fand er die Antwort auf seine Fragen im Vorbild der ersten Christen. So, wie es die biblische Apostelgeschichte berichtet:

„Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet... Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ (Apg 2,42,44-4)

 

Martin und die 40 anderen in den Wulfshagenerhütten haben sich auf das Experiment eingelassen. Eigene Bankkonten haben sie nicht. Sie leben in Gütergemeinschaft. Zusammen haben sie drei Autos, für die man sich in eine Liste eintragen kann. In der großen Küche wird für alle gekocht. Das Brot liefert die Ökobäckerei im Nachbarort – das vom Vortag. Es gibt eine gut funktionierende Holzwerkstatt für Kindermöbel und –Spielzeug. Die Familien haben eigene Bereiche, ihren Platz in der Gemeinschaft genauso wie ältere Menschen oder jüngere Menschen mit Beeinträchtigungen. Alle haben hier eine sinnvolle Aufgabe und leben miteinander in Würde. „Wir wollen die Einladung Jesu ernst nehmen, dem Reich Gottes entgegen zu leben“, erzählen Bernd und Marielu.

 

Das Reich Gottes findet man hier nicht. Aber Menschen, die dem entgegen leben. Ohne solche Menschen kann die Gesellschaft nicht funktionieren, denke ich auf dem Rückweg. Die Angst der Einzelnen zu verarmen, frisst an der Gemeinschaft. Dabei haben doch viele genug. Viele haben Angst, zu vereinsamen. Schließlich leben ja auch viele allein.

 

Ich bewundere den Mut, das anders zu machen. Es einfach zu wagen. Ich persönlich könnte nicht in einer Basisgemeinschaft leben. Aber die Menschen dort erinnern mich, nicht alles ängstlich nur in meiner eigenen Perspektive zu sehen. Mutiger zu sein mit meinem Glauben, dass Gemeinschaft funktioniert. Und wer’s nicht glaubt, der kann ja einfach mal hinfahren.

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