Sterben kann jeder

Morgenandacht

Jedes Jahr zu Karfreitag frage ich mich, warum wir Christen diesen Tag eigentlich feiern. Nicht nur das – der Karfreitag gilt sogar als der höchste Feiertag für evangelische Christen.

 

Warum? Was ist denn Karfreitag passiert, außer dass ein Mensch von anderen Menschen getötet worden ist? Weil er den anderen ein Dorn im Auge war.

Bis heute ist das nichts Besonderes in unserer Welt. Tagtäglich müssen Menschen leiden oder sterben, weil sie anderen im Weg sind. Und überhaupt ist es nichts Besonderes, dass Menschen leiden oder sterben. Es ist schlimm. Aber es ist alltäglich.

 

Außerdem, hat nicht er, der Karfreitag am Kreuz gestorben ist, auch mit seinem Sterben gehadert? Seine Verzweiflung, seinen Schmerz hat er laut herausgeschrien. Ja, er hat sein Leiden sogar Gott selbst zum Vorwurf gemacht.

Kein gutes Vorbild für einen höchsten Feiertag.

 

Wäre da nicht ein Tag besser geeignet, der an stärkere Persönlichkeiten erinnert? An Menschen, denen ihr Glaube in schweren Zeiten Kraft gegeben hat? Die ihr Schicksal im Vertrauen auf Gott klaglos akzeptiert haben? Große Männer und Frauen, die mit ihrem Vorbild Hoffnung geben in all dem Elend dieser Welt.

 

Bonhoeffer zum Beispiel! Er wäre ein überzeugendes Beispiel für das Vertrauen, von Gottes guten Mächten stets wunderbar geborgen zu sein, auch noch im KZ und sogar bis in den Tod.

 

Aber Karfreitag? Ein düsterer, trauriger Tag. Und ein Tiefpunkt im Leben Jesu.

 

Dann lieber der Ostersonntag! Der wäre doch nun wirklich viel besser geeignet als höchster Feiertag:

Der Ostermorgen mit seinem Licht der Auferstehung, das man so schön mit einem großen, fröhlich knisternden Osterfeuer begrüßen kann.

Danach ein schönes gemeinsames Frühstück, wie wir es in meiner Gemeinde auch dieses Jahr wieder gemacht haben. Und anschließend der feierliche Ostergottesdienst, mit klingendem Chor, schallenden Posaunen und festlicher Orgel. Einfach wunderschön!

 

Auch diese Woche ist alles noch schön geschmückt, mit Osterglocken und Hyazinthen, in Gelb und Grün und frischen Farben. Eben Frühling statt Winter, Leben statt Leiden, Sterben und Tod.

Ostern statt Karfreitag. Sind Auferstehung und Leben nicht auch ein viel besserer Anlass für einen Feiertag als Verzweiflung und Kreuzestod?

 

Ja, schon. Aber ohne Karfreitag wäre Ostern eben nur das – ein schönes Fest, nichts weiter.

 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schreit Jesus am Kreuz sein Leiden Gott ins Gesicht. Ohne Hoffnung, aber voller Verzweiflung.

Und trotzdem erweckt Gott ihn drei Tage später wieder vom Tode zum Leben.

Karfreitag erinnert daran, wie dunkel das Leben sein kann, wenn alle Hoffnung verloren ist. Aber auch daran, dass Gott trotzdem rettet.

 

Die Frage nach dem warum des Karfreitags steckt auch mit dieser Erkenntnis tief in mir selbst. Wie werde ich mit dem Leben fertig, wenn es schwer wird? Krankheit, Verlust und Schmerz, Ungerechtigkeit, Verzweiflung und Trauer – das mag alltäglich sein. Aber wie komme ich damit klar? Und schließlich mit dem Sterben?

Ein schöner Tag allein hilft da wenig. Und auch kein heldenhaftes Vorbild. Aber einer, der weiß wie es mir geht. Und mich damit nicht alleine lässt. Der das alles selbst kennt, dem ich nichts erklären und vor dem ich mich nicht entschuldigen muss, wenn ich nicht mehr kann. Der mich versteht – und mich nicht fallen lässt, wenn ich schreie und verzweifle.

 

Und dann, wenn ich schon längst aufgegeben und alles verloren habe – dann hilft mir der, der meine Verzweiflung selbst erfahren hat. Und schenkt mir meinen eigenen, ganz persönlichen Ostermorgen, erweckt meine Hoffnung neu und macht Leben wieder möglich.

 

Ich liebe diese Osterzeit, ihre frühlingshafte Frische, voll mit neuem Leben. Aber ich brauche auch den Karfreitag. Damit ich weiß, dass Ostern mir ganz persönlich gilt, dass es nicht nur ein Fest ist. Sondern Jesu Antwort auf mein „warum?“, auf meine Fragen und Zweifel, die ich tief in mir trage.

Karfreitag und Ostern gehören für mich darum unlösbar zusammen.

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