Trösten

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Dass Religion einen Sinn hat, das hat der Philosoph Jürgen Habermas erst spät eingeräumt. Er hat es am Phänomen Trost festgemacht. Keine Wissenschaft, keine erkenntnistheoretische Methode kann beschreiben, wie Trost sich einstellt. Die Wirkungen schon, aber nicht den Trost selbst. Religion hat eine Sprache für Trost. Und kaum ein Mensch wird sagen, er bräuchte keinen.

 

Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. So beginnt einer der schönsten Texte, der mich jedes Jahr durch den Advent begleitet. Es sind Trostworte eines Propheten an Menschen, die in Gefangenschaft und Verbannung ihre Tage fristen. Ihr Land Israel ist von der Großmacht Babylon dem Erdboden gleichgemacht worden. Entwurzelte, im Räderwerk der Geschichte Untergehende. Wenn ich mich klein fühle, brauche ich Trost, so ist es seit Menschengedenken. Wenn etwas anderes mir zu groß ist: eine Aufgabe, eine Enttäuschung, eine Verpflichtung oder andere Menschen. Wenn mich etwas bedrückt, etwas Großes auf mir lastet, wenn mir etwas Angst macht, wenn ich mich betrogen fühle, ausgenützt, gedemütigt, belogen, bestohlen. Wenn ich mich hilflos fühle und allein gelassen, dann sehne ich mich nach Trost.

 

Aber wie geht es, das Trösten? Im Lateinischen heißt Trösten „consolatio“, wörtlich übersetzt „Mit-Einsamkeit“. Wer Trost braucht, ist alleingelassen mit seinem Schmerz und seiner Not. Und der Tröster sollte sich da hineinbegeben. Ein Schulterklopfen hilft nicht. So genannte aufmunternde Worte sind hier meist schrecklich fehl am Platze: Das wird schon wieder! So, Ende der Einsamkeit, jetzt bin ich da! Nein. Wer allein ist mit seinem Schmerz, der braucht jemanden, der mit ihm zusammen einsam ist, der die Trauer und das Elend mit aushält. Jemand, der leise eintritt in das Haus der Trauer, ohne dort sofort aufzuräumen und zu lüften.

Mit-Einsamkeit ist weniger eine Handlung als vielmehr eine Haltung. Es ist nicht noch eine Aktion, sondern endlich einmal keine Aktion mehr. Trösten heißt nicht: dem anderen ein Lied vorsingen und dann wird alles gut. Eher wie ein Instrument werden, auf dem Gott seine Melodie spielt, hat ein Kollege mal zu mir gesagt. Ein wunderschönes Bild. Diese Melodie ist etwas jenseits meiner eigenen Gefühle gegenüber dem Trost Suchenden. Sie ist so etwas wie die „Heilige Idee“ Gottes für diesen Menschen. Das heißt, wenn ich trösten will, ist meine Mit-Einsamkeit, meine Empathie gefordert. Aber auch mein offenes Herz für das, was nicht von mir, sondern von Gott durch mich kommen kann. Neben der Con-solatio ist die Geistesgegenwart nötig. Ich blicke mit dem Trost Suchenden in die gleiche Richtung, ich habe ein offenes Ohr für etwas, was ich mir nicht selbst ausdenke.

 

Der unbekannte Prophet hat diese heilige Idee Gottes für verzweifelte Menschen aufgeschrieben:

 

Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist. Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel werden niedrig, und was uneben ist, soll gerade werden. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht müde werden

(Jesaja 40, 1 ff)

 

Der volle Trost, den Gott bereithält, verändert die Welt. Kein Stein bleibt auf dem anderen, nichts muss so bleiben wie es ist. Dieser umfassende, alles verändernde Trost kann nur von Gott kommen. Das ist wichtig zu wissen, damit wir von den Menschen um uns herum und allem, was uns sonst noch trösten könnte, nichts Unmögliches erwarten. Und damit wir als Tröstende wissen: Ich muss und ich kann es nicht machen. Trost ist eine Gabe Gottes.

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