Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Morgenandacht

Oma Lina stellt die Buttercremetorte auf den Tisch. Natürlich selbst gemacht – der Biskuit und die Erdbeermarmelade und natürlich die Creme mit guter Butter. Gute Butter. Das war nach dem Krieg das größte Glück für meine Oma. Cousinen, Tanten und Schwestern sind versammelt. Und ich, das Enkelkind. Tante Irmgard sagt: „Linchen, denk an die Kalorien.“ Darauf Tante Klärchen: „Früher, da hatten wir ja nur Kartoffelschalen. Die haben wir ausgekocht und gegessen. Wassersuppe.“ Alle nicken und tauchen ein in die Erinnerung. Oma Lina: „Und manchmal gab´s nur Löwenzahn und Sauerampfer.“ Und jetzt geht es los… die Damen erinnern sich und wie ein Feuerwerk prasseln die „Wie überlebe ich einen Krieg-Geschichten“ auf mich ein.

 

Es brauchte nur diesen einen Satz: „Früher haben wir Kartoffelschalen ausgekocht und gegessen.“ Und schon erzählen alle ihre Geschichten. Wie sie Bucheckern im Wald sammelten, um zu überleben und was man daraus machen konnte. Oder wieviel Angst sie um die einzige Ziege hatten, die noch etwas Milch gab. Und da passiert etwas Interessantes: Eine erzählt etwas und eine andere sagt: „Nein, das war doch ganz anders. Es war so und so…“

 

Ja, wie war es denn nun? Welche Erinnerung stimmt? Klare Antwort: Beide gleichermaßen. Sich erinnern ist etwas Subjektives, sehr Persönliches. Zu sagen, was objektiv nun wahr ist… das ist ganz schwierig. Gedächtnisforscher sagen: „In Erinnerung bleibt, was emotional berührt.“[1] Und im Augenblick des Erinnerns zählt auch die Stimmung, in der ich gerade bin. Traurig und hilflos. Oder zuversichtlich und hoffnungsvoll. Diese Stimmung prägt mit, an was ich mich überhaupt erinnere und wie ich das Ereignis erzähle oder jetzt in der Erinnerung empfinde. Und schon ist die Erinnerung selbst wieder ein wenig verfälscht. Oder besser: Verändert. Denn falsch ist sie nicht. Sie ist eben meine Erinnerung. Ich mache damit etwas.

 

So ist es auch mit den Geschichten der Bibel.

 

Einen objektiven Gottesbeweis finde ich darin nicht. Und selbst wenn ich mich mit allen verfügbaren wissenschaftlichen Methoden den Bibeltexten nähere – sie bleiben in Tinte geflossene Erinnerungen. Erinnerungen an das, was Männer und Frauen in ihrem Leben berührt hat. Wie Gott sie berührt hat. Die Bibel enthält Zeugnisse von dem, was sie erinnerten und weiter erzählten. Klar kann ich mit Hilfe der Sprachforschung aufdecken, in welcher Zeit die Geschichten entstanden oder was genau bestimmte Begriffe in den biblischen Ursprachen Hebräisch, Aramäisch oder Altgriechisch damals bedeutet haben. Ich kann Deutungsmuster erkennen. Mir sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu Nutze machen und historische, die mir sagen, zu wem Jesus wohl gesprochen hat. Ob er zu Reichen oder Armen sprach. Was genau er wohl mit bestimmten – manchmal schwer verständlichen – Sätzen bezweckte. Aber da die Geschichten noch lange mündlich weitergegeben wurden, ist ihr Wahrheitsgehalt immer auch von dem geprägt, der oder die diese Geschichte weitererzählt hat und von denen, die bestimmt haben, welche der Geschichten in die Bibel aufgenommen werden sollen.

 

Ist das nun schlimm? Ich meine nein. Denn im Kern bleibt eine Wahrheit, eine Glaubensgewissheit übrig. Und so bin ich heute eine Zwergin auf den Schultern eines Riesen, der mit den verschiedenen Glaubenserfahrungen meiner christlichen und jüdischen Vorfahren gewachsen ist. Ich kann mich darauf stützen, mich davon nähren, mich davon inspirieren lassen...

 

Die Botschaft der Omas und Tanten in ihren Erzählungen war – bei all ihrer Unterschiedlichkeit: „Krieg ist furchtbar. Du kannst ihn überleben. Nicht allein. Mit anderen zusammen. Mit viel Phantasie und Einfallsreichtum und Willenskraft.“ Die Botschaft der Glaubensgeschwister in der Bibel ist: „Friede ist möglich. Jage ihm nach. Denn Christus spricht: Nicht den Frieden, den die Welt verspricht, gebe ich euch, sondern meinen Frieden. Einen, der aus euerm Innern kommt und euch frei macht zu lieben.“

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