Wassermatratze

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Mittwochs – Wassergymnastik wie jede Woche: Gemeinsam mit einer Gruppe von Frauen bringe ich meinen Körper in Schwung. Wir bewegen uns zum Rhythmus von Popmusik. Das Leben wird leichter von Bewegung zu Bewegung. Wir sind schon Jahre zusammen. Wir lachen viel. Und manchmal teilen wir auch Belastendes miteinander, Krankheit oder Tod in unseren Familien. Wir kennen uns gut.

 

Ab und zu bin ich als Pfarrerin Mode mit meinem christlichen Glauben. Denn die meisten in der Gruppe gehören keiner christlichen Kirche an. Das ist für den Osten Deutschlands ganz normal. Mit dieser Situation habe ich immer gelebt und sie als Herausforderung für mich und die Kirche verstanden. Andersdenkenden wende ich mich mit dem gleichen Interesse und demselben Respekt zu, wie ich das auch Christen gegenüber tue. Das macht den Umgang miteinander unverkrampft, nicht nur in meiner Gymnastikgruppe.

 

Manchmal veranstalten wir eine kleine Fete im Wasser, zu Weihnachten oder an Geburtstagen. Auch Fasching wird zelebriert. Das Leben muss gefeiert werden. Aber in diesem Jahr fiel unser Verkleidungsevent auf den Aschermittwoch. Ich komme dann erst übernächsten Mittwoch wieder, sagte ich den Frauen. Und mitten in einer Schwebeübung und mit meinen ausgebreiteten Armen fügte ich noch hinzu: Aschermittwoch beginnt für mich doch die Fastenzeit, da mache ich erst mal eine Feierpause.

Dachten wir uns schon, sagten viele freundlich. Ist schon okay.

Dann, nach einem Moment der Stille, fragte mich meine immer gut gelaunte Wassernachbarin, eine Krankenschwester: Lebt es sich eigentlich leichter, wenn man Christ ist?

 

Da musste ich dann doch erst einmal meine Füße auf den Boden bringen und durchatmen. Ich hatte keine Idee, was sie mit ihrer Frage meinte. Die Regeln und Ordnungen des Glaubens, die mir vorschreiben, was zu tun und was zu lassen ist? Oder meinte sie einfach mein Lebensgefühl, meine Lebenshaltung? Ich konnte ihre Frage nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten.

 

Manchmal fühle ich mich ja mit meinem christlichen Glauben tatsächlich leichter, gut aufgehoben, getröstet und voller Orientierung.

Aber manchmal ist das auch nicht der Fall. Dann zweifle ich daran, dass Gott da ist, und leide unter seiner Verborgenheit. Dann möchte ich die Verantwortung, in die mich der christliche Glaube führt, zum Beispiel meinen Nächsten nie aus dem Blick zu verlieren, einfach abschütteln.

 

Aber will meine Nachbarin das alles wissen? Ich spüre, dass sie einfach eine knappe Antwort und keine lange Predigt erwartet.

Und so sage ich nach gefühlten 10 Sekunden: Ja, für mich ist das Leben leichter, wenn ich auf Gott vertraue. Gott ist für mich so etwas Ähnliches wie eine Wassermatratze. Sie trägt mich, sie hält mich über dem Grund.

 

Beim Heimradeln vom Schwimmen überlegte ich, ob meine Antwort nicht zu vollmundig gewesen war. Und erinnere mich an einen jungen Mann. Ich kam vor Jahren auch mit dem Fahrrad in das Plattenbaugebiet, in dem ich wohne. Ich näherte mich unserer Stadtrandkirche und sah den jungen Mann schon von weitem. Er war schwarz gekleidet und rannte mir auf dem Bürgersteig gestikulierend entgegen. Helfen sie mir, rief er. Helfen sie mir! Der Teufel ist hinter mir her.

Was auch immer er damit gemeint hat – ich stieg vom Fahrrad. Stellte es ab und fasste den jungen Mann vorsichtig an der Schulter. Kommen sie, höre ich mich reden. Wir gehen jetzt in diese Kirche. Dort sind sie sicher. Dort traut sich der Teufel nicht rein. Er hat Angst vor dem Kreuz. Er hat Angst vor Menschen, die keine Angst haben. Und ich bleibe bei ihnen, bis es ihnen besser geht.

Wir betraten den hellen Kirchenraum. Wir setzten uns nebeneinander. Ich habe eine Kerze angezündet und ein Gebet gesprochen. Der junge Mann wurde ruhiger und ruhiger. Er erzählte, was ihn bedrückt. Ich hörte ihm zu. Beide fühlten wir uns getragen, ganz in Ruhe, aufgehoben, da in der Kirche.

 

Eben wie auf einer Wassermatratze. Sie war uns zugeworfen worden. Als ein Raum ohne Gefahr. Als Worte, die wir uns nicht selbst sagen können.

 

 

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